Crailsheim Das Tierwohl steht da oben über allem

Crailsheim / Birgit Trinkle 31.07.2018
Seit 43 Jahren arbeitet Rosemarie Stangel ehrenamtlich im Vogelpark auf dem Kreckelberg: Der Umgang mit den Tieren entschädigt für vieles.

Sie dürfen nicht aufhören“ – „Das alles ist ohne Sie nicht denkbar“ – „So toll, was Sie leisten“: Rosemarie Stangl hört das oft. Wenn sie dann aber sagt, dass sie’s kaum noch stemmt und ein bisschen Hilfe schön wäre, wehren die Leute ab. Sie hätten ihr ganzes Leben lang gearbeitet, ist dann oft zu hören, sie hätten sich den Ruhestand redlich verdient. Ja klar, sagt Rosemarie Stangl dann manchmal: „Ich war meiner Lebtag ein faules Stück.“ Wer den Sarkasmus heraushört, hat den Anstand, ein bisschen beschämt zu sein.

Seit die ehemalige Vogelzuchtanlage über den Dächern der Stadt zum Vogel- und Tierpark wurde, gibt es nicht nur Enten, Pfauen und Fasane auf dem Berg, zudem jede Menge Exoten wie die Amazonenpapageien, die Kakadus, die Zebrafinken. Auch Meerschweinchen, Zwergziegen, Schafe und Hasen, zwei Ponys, eine Katze und ein Wachhund sind eingezogen. Eine große, bunte Tierfamilie lebt mittlerweile da oben, und jedes einzelne Mitglied macht Arbeit, die sich nicht von selbst erledigt. An diesem Punkt setzt der Verein der Vogelfreunde an. Eine Herkulesaufgabe, wie allein ein Blick auf die bei Bruthitze arbeitende Rosemarie Stangl zeigt.

Alle brauchen genug Wasser

Drei Tage in der Woche ist sie auf dem Berg zu finden: „Außer wenn’s so heiß ist.“ Wer davon ausgeht, dass sich die 72-Jährige an extremen Tagen ein bisschen schont, liegt weit daneben: „Wenn es so warm ist, bin ich öfter oben, um sicherzustellen, dass alle genügend Wasser haben und in guter Verfassung sind.“

Die Crailsheimerin ist in Heinkenbusch aufgewachsen und hat über ihren Großvater, der Bauer war, schon als kleines Mädchen mit Tieren gearbeitet. In der Gärtnerei Volz hat sie sich zur Gärtnerin ausbilden lassen, was ihr bis heute zugutekommt: Entweder jemand weiß, wie anzupacken ist oder eben nicht. Gemeinsam mit ihrem Mann Waldemar hat sie sich 1975 den Vogelfreunden angeschlossen:  Ihr Vermieter war damals für den „Verein der Vogelliebhaber und -züchter, Vogel- und Tierpark Crailsheim“ auf der Suche nach Ehrenamtlichen. Bereits vor 43 Jahren gab es mehr Arbeit als helfende Hände.

Die Arbeit wird beschwerlicher

Es folgte eine Blütezeit. Mittlerweile aber sind viele Vereinsmitglieder älter geworden. „Wir suchen dringend weitere Helfer“, sagt Rosemarie Stangl. Man werde ja nicht jünger. Einige Aktive sind nach Krankheiten oder Operationen geschwächt. Warum überhaupt all die Mühe auf sich nehmen? „Ich mach’s für die Tiere“, sagt Rosemarie Stangl, „die geben so viel zurück.“ Der Hund erspüre jede Stimmung, ihr Mann hänge an der Katze, und generell sei die Arbeit mit dem Fell- und Federvieh auf dem Kreckelberg eine Freude. „Tiere können einem oft mehr geben als Menschen.“

Feiern sind heute untersagt

Letztere sind oft weniger angenehm im Umgang. Immer wieder muss darauf mit Kontrollen, Regeln, Verboten reagiert werden. Nur weil Feierwütige Einkaufswagen voller Alkohol hochgeschoben, exzessiv gefeiert und auch schon mal Bierflaschen gegen die Villa geworfen haben, sind Gelage ebenso wie harmlose Feiern mittlerweile untersagt.

Wer sich über die „Rasen betreten verboten“-Schilder wundert und das als typisch deutsche Regulierungswut verbucht, erfährt, dass die Pfauen dringend einen Rückzugsraum brauchen. Mittlerweile können sie im Gras liegen – bei hohen Temperaturen ihre Lieblingsbeschäftigung – ohne befürchten zu müssen, dass jemand sie jagt, drangsaliert, ihnen die Schwanzfedern ausrupft. Überhaupt geht es für die Pfauen aufwärts: Seit der Falkner mit den Wüstenbussarden regelmäßig im Vogelpark zu Gast ist, hat sich das mit der Taubenplage gelegt – die gefiederten Vogelfutter-Diebe werden mehr und mehr vergrämt.

Nur die Helfer brauchen Unterstützung. Seit zwei Jahren hilft die Stadt, über Stromkosten und Müllgebühren hinaus bis zu einem Betrag von 10.000 Euro den Abmangel des Vereins zu tragen. Zwei Mitarbeiter unterstützen die Ehrenamtlichen als geringfügig Beschäftigte. Das ist ein kleiner Preis dafür, dass das 4500 Quadratmeter große Gelände rund um Villa und Vogelpark in vielen Hundert Arbeitsstunden pro Jahr gepflegt und der Stadt ein nach wie vor geschätztes Ausflugsziel geschenkt wird. Und es ist bei Weitem nicht genug. Weitere zupackende Vogelfreunde sind herzlich willkommen und können sich jederzeit im Vogelpark melden.

Info

Von Mai bis Mitte Oktober ist der Vogel- und Tierpark auf dem Kreckelberg täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im selben Zeitraum bewirtschaftet der Verein an Sonntagen die benachbarte „Villa“. Der Eintritt ist jeweils frei.

Am kommenden Wochenende, 4. und 5. August, wird zum zweiten großen Sommerfest in diesem Jahr rund um die Villa eingeladen. Am Samstag ab 17 Uhr und am Sonntag ab 10.30 Uhr sind Gäste willkommen.

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