Mittelfranken Das Kreuz mit dem Kreuz

Der Tauberzeller Pfarrer Johannes Raithel überreicht Ministerpräsident Markus Söder (links) ein Kreuz aus Rebenholz mit mahnenden Worten, es sei auch ein Zeichen des Machtverzichts.
Der Tauberzeller Pfarrer Johannes Raithel überreicht Ministerpräsident Markus Söder (links) ein Kreuz aus Rebenholz mit mahnenden Worten, es sei auch ein Zeichen des Machtverzichts. © Foto: Foto: Dieter Balb
Von Dieter Balb 09.06.2018

Im Landkreis Ansbach bricht deshalb genauso wenig wie in anderen bayerischen Gefilden Streit oder gar die Revolution aus. Vielmehr hängen in Schulen oder öffentlichen Einrichtungen wie den Gerichten traditionell sowieso schon irgendwo Kreuze.

Und dann erhält der Lutheraner aus Nürnberg auch noch an Fronleichnam eine Privataudienz bei Papst Franziskus und trifft anschließend den emeritierten Papst Benedikt, wobei beide den Erlass gelobt haben sollen. Neuerdings gibt es sogar eine von 80 Theologen unterzeichnete ökumenische Erklärung für den Kreuz­erlass, während aus der Kirche sonst unerwartet große Kritik an der politischen Vermarktung des Themas entstand.

Bei vielen hängt das Kreuz schon

Fragt man auf der Straße, hört man die unterschiedlichsten Meinungen. Ähnlich das Bild bei Institutionen, die nicht dem Erlass unterliegen. So die Verwaltungsgemeinschaften und Gemeinde-Rathäuser. Bei vielen hängt traditionell schon ein Kreuz und das lässt man natürlich so. Bürgermeister Karl Beck aus Wörnitz meint, da gebe es keine Diskussion, während in der Verwaltungsgemeinschaft Schillingsfürst wiederum kein Kreuz hängt.

Auch Schulen sind nicht betroffen, aber bei Nachfragen ergibt sich, dass dort wohl mehr Kreuze die Wände zieren als vermutet. „Bei uns hängen schon lange in den Klassenzimmern selbst gemachte Tonkreuze, die auch dort bleiben” betont etwa Realschuldirektor Siegfried Schulz aus Rothenburg. In den unteren Klassen gehört es sogar dazu, bei Beginn des Unterrichts ein Gebet zu sprechen. Ein Wertesystem brauche „Koordinaten für die Schüler“, so der Direktor.

An der Berufsschule Rothenburg-Dinkelsbühl, die schon bisher Kreuze an der Wand hat, führte das Thema zu „einer fruchtbaren Diskussion im Lehrkörper“, heißt es. Mit den Andersgläubigen an der Schule, die auch von Flüchtlingen besucht wird, gäbe es keine Probleme.

Holzkreuz im Polizei-Foyer

Bei der Polizeiinspektion Rothenburg wurde Ende Mai im Foyer ein schlichtes Holzkreuz aufgehängt, wie Polizeichef Stefan Schuster festhält. Er ergänzt: „Das Wertegerüst, besonders die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, wird als Fundament unseres Handelns betrachtet, so dass im Polizeigebäude seit vielen Jahren an diversen Stellen kleinere Kreuze präsent sind.“

Der Vorstoß des CSU-Fraktionschefs Dr. Scheurer im Rothenburger Stadtrat für die Anbringung eines Kreuzes wurde wegen zu viel Gegenwinds schnell wieder zurückgezogen. Schließlich schwöre man auch „So wahr mir Gott helfe”, hatte er argumentiert. Andere Räte meinten, man könne ohne Kreuz ebenso gut entscheiden. Wichtiger sei es, christliche Werte zu leben. OB Walter Hartl hält am „Ort der Vielfalt” gar nichts von Symbolpolitik.

Bei katholischer und evangelischer Kirche sieht man das Kreuz rein religiös und als verbindend. „Ein Zeichen des Machtverzichts“, sagte der Tauberzeller Pfarrer Johannes Raithel, als er Söder ein Kreuz aus Rebstöcken überreichte. Dekan Johannes Gross von St. Jakob möchte es nicht als Machtsymbol missbraucht sehen, nur als reine Empfehlung hält er den Erlass für gut, nicht als Zwang.

Ausdruck kultureller Prägung

Egal wie man auf Bundesebene verfährt, „in Bayern werden keine Kreuze abgehängt”, sagt Söder. Nach der Geschäftsordnung für Behörden ist ein Kreuz „sichtbar im Eingangsbereich als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns” anzubringen. In der Praxis wird das freilich nicht so heiß gekocht, denn eine Art „Kreuz-Polizei” wird es nicht geben. Viele stören sich weniger an einem Kreuz, als an dessen (partei)-politischer Vermarktung durch den CSU-Ministerpräsidenten, der den Landtagswahlkampf eröffnet hat, wenn man ihn in Bier- und Weinzelten reden hört. Und der vor allem bei den aktuell 12 bis 14 Prozent AfD-Wählern Stimmen sammeln muss.

Immerhin hat Söder laut einer Umfrage die Mehrheit der Bevölkerung des Freistaats hinter sich, während bundesweit zwei Drittel dagegen sind. Sein Vorstoß führte nicht nur zu sagenhafter Publicity, sondern löste hie und da eine grundlegende „Kreuz-Debatte” zum christlichen Bekenntnis aus, die aber schon wieder verebbt.

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