Irgendwann sind’s nicht mehr nur Jahreszahlen und fremde Namen. Dann sehen die Ehrenamtlichen des „Fördervereins ehemalige Synagoge Michelbach“ die Menschen, die Familien, die so lange in Michelbach gelebt haben. Der Beschneider, der einen Grabstein hat auf dem Friedhof, wird ihnen ebenso vertraut wie der erste namentlich bekannte Jude Michelbachs, Moses, der vor 461 Jahren ein Vermögen gab, um einen Glaubensbruder freizukaufen. Oder das Mädchen Jenny Stern, das lebte, liebte, lachte in Michelbach, das dann einen einflussreichen Mann heiratete, der freilich nicht verhindern konnte, dass sie in Ausschwitz ermordet wurde. Insgesamt 19 Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden in die Lager deportiert; nur zwei kamen zurück.

Michelbach/Lücke war buchstäblich Lücke in der Rothenburger Landhege, sodass sich hier um 1520 die aus ihren Städten vertriebenen Juden niederlassen konnten. Viele Jahre zogen ins Land. Um 1850 war ein Drittel der Bevölkerung jüdischen Glaubens, das Miteinander funktionierte; Juden waren im Gemeinderat vertreten, in Vereinen – eben in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Seit diesem Sommer erfahren diese Menschen, diese Geschichten mehr Aufmerksamkeit, über den Ort hinaus. Seit der jüdische Kulturweg eröffnet wurde, gibt es deutlich größeren Bedarf an Führungen durch Synagoge und  Friedhof. Auf über 250 Kilometer werden mit diesem Kulturweg alte, längst vergessene Wege nachvollzogen und an Traditionen angeknüpft, die über Jahrhunderte wichtig waren im Land – bis sie mit Feuer und Mordtat aus den Gemeinden und aus der Erinnerung der Menschen getilgt werden sollten.

Totengedenken mit Steinen

Ein bisschen verwunschen wirkt der jüdische Friedhof, der außerhalb liegt, auf freiem Feld. Gerade mal mähen dürfen die Ehrenamtlichen hier, alles andere muss im Detail mit dem Württembergischen Landesrabbinat abgesprochen werden. Das führt dazu, dass der eine Grabstein mit einem Baum verwachsen ist, mehrere andere umgekippt sind oder beschädigt. Dem Zauber dieses Ortes, an dem Trauer ebenso verblasst wie die Inschriften, tut das keinen Abbruch; längst schon lebt niemand mehr, der die Toten gekannt und geliebt hat. Nur wenn Nachfahren Michelbacher Juden aus den USA auf den Spuren ihrer Ahnen um eine Führung bitten, wird wieder in Erinnerung gerufen, dass das hier ein Friedhof ist. Christel Pfänder hat sich angewöhnt, drei kleine Steine in der Tasche zu tragen – damit ermöglicht sie dann den Nachkommen einen uralten Brauch, der ursprünglich wohl verhindern sollte, dass Wüstengräber von Tieren ausgegraben wurden, der heute vor allem eines aussagt: Ich war da, ich hab an dich gedacht.

Die alte Synagoge

Herzstück des Michelbacher Gedenkens ist die ehemalige Synagoge. Dass sie erhalten werden konnte, ist ein Glücksfall. In der Reichspogromnacht 1938 wurden ihre Fenster eingeschlagen und die Einrichtung demoliert, aber sie ging nicht, wie viele andere Synagogen, in Flammen auf. Vermutlich hielt in der Nachbarschaft gelagerte Braugerste die um ihre Bierversorgung besorgten Jungnazis davon ab, das heilige Haus nach Schändung und Verwüstung auch noch in Brand zu stecken. Wie so vieles in Michelbachs Geschichte ist das Vermutung, aber was immer es war: Die Synagoge wurde erhalten und mit ihr eine Genisa, ein Bücherfriedhof, der wiederum dem Umstand zu verdanken ist, dass im jüdischen Glauben kein Stück Papier, das Gottes Namen trägt, vernichtet werden darf.

Christel Häcker, Josef Hartl und ihre Mitstreiter haben sich dieses und viel mehr Wissen aus Inte­resse und echter Anteilnahme angeeignet. Ohne sie gäbe es die Michelbacher Gedenkstätten allenfalls in Fragmenten. Allen EU-Mitteln zum Trotz: Brokatdecken für die Genisa nähen, Podeste bauen, Stühle zimmern und ungezählte Stunden Zeit investieren, um die Ausstellung zu ergänzen, Führungen anzubieten und Veranstaltungen anzubieten – das geht nur im Ehrenamt.

Infos zum jüdischen Kulturweg in der Region


Zwölf Städte und Gemeinden aus drei Landkreisen beteiligen sich am jüdischen Kulturweg Hohenlohe-Tauber, unter ihnen die Kommunen Braunsbach, Gerabronn und Wallhausen sowie Crailsheim. Sie alle nutzen damit die Chance, den vielfältigen Spuren ihrer jüdischen Geschichte mehr Raum zu geben. Wege und Orte des jüdischen Lebens im Gebiet Hohenlohe-Tauber werden auf einem Faltplan dargestellt, eine Broschüre gibt einen Überblick über Geschichte und Geschichten der jüdischen Gemeinden. Weitere Informationen gibt es auf www.juedischer-kulturweg.de. bt

Infos zur Synagoge in Michelbach an der Lücke


Im Jahr 1979 kaufte der Landkreis das Gebäude, das zwar in hohem Maß baufällig war, in der Grundstruktur aber unverändert. 1982 wurde mit der Sanierung begonnen und 1984 konnte die Michelbacher Synagoge als Gedenkstätte für die Juden der Region Franken eröffnet werden. In den vergangenen Jahren sanierte die Gemeinde die Synagoge, der Förderverein hat eine neue Ausstellung konzipiert. Wer sich für die Synagoge in Michelbach interessiert, kann sich an Christel Pfänder wenden, Telefon 0 79 58 / 82 48. Weitere Infos auch unter www.synagoge-michelbach-luecke.de.