Crailsheim Crailsheimer Technik prüft  „e-tron“

Crailsheim / Kerstin Dorn 08.08.2018
Audi hat in Ungarn eine neue Produktionshalle für seine E-Motorenfertigung in Betrieb genommen. Die Firma Stahl lieferte dafür die Prüfstände.  Von Kerstin Dorn

Die großen deutschen Automobilhersteller kennen die Firma Stahl in Crailsheim,  aber nur wenige Einheimische wissen, dass es sie gibt oder was sie herstellt.  Dabei ist Stahl gerade ganz vorn dabei, wenn ein weiteres Kapitel Autogeschichte geschrieben wird.

Bereits vor sieben Jahren hat das VW-Entwicklungsteam für E-Mobilität den Weg nach Crailsheim gefunden, um das Prüfkonzept für den E-Golf und den E-Up zu erarbeiten. Danach wurden auch die Audi-Ingenieure auf die kleine Firma aufmerksam und in den letzten Wochen landeten noch weitere Aufträge  aus dem Bereich der E-Mobilität auf dem Tisch von Firmenchef Rudolf Stahl. Alle Auftraggeber waren auf der Suche nach dem einen Mosaikstein, der für das Gesamtbild „Elektromobilität“ so  immens wichtig ist.

Dieser Mosaikstein ist die Mess- und Prüftechnologie, die die Qualität und Langlebigkeit der E-Antriebe sichern soll. Die dafür nötigen Maschinen werden hier in Crailsheim, hinter den gläsernen Fassaden der Autohäuser im Gewerbegebiet gefertigt.  Hier hat die Firma Stahl ihren Sitz: Ein mittelständisches Unternehmen  mit 55 Angestellten, das sich seit Firmengründung vor 24 Jahren auf  Mess- und Prüftechnik für Leistungselektronik und Antriebstechnik spezialisiert hat.

Zu ihren wichtigsten Kunden zählen die Motoren- und Ventilatorenhersteller. „Das dabei gewonnene Know-how war letztlich die Basis, auf der wir mit den großen Automobilkonzernen ins Geschäft kommen  konnten“, ist sich der Firmenchef sicher. Nachdem sich die E-Mobilität  vor allem in Asien rasant entwickelt hat, investieren die Autokonzerne verstärkt  in europäische Märkte. VW ist bereits seit 2011 mit dem E-Golf und dem E-Up unterwegs und will in den nächsten Jahren mit dem „Modularen Elektrobaukasten“ (MEB) in Großserie gehen.  BMW  setzt auf seinen i3 und seinen i8, weitere Modelle folgen.

Crailsheimer Technik in Györ

Audi  bringt im Herbst mit dem „e-tron“ das erste, rein elektrisch betriebene  SUV heraus, mit dem der Ingolstädter Konzern selbst dem Branchenprimus Tesla Konkurrenz machen  will.  Dank eines neuartigen Thermomanagements soll der e-tron  bis zu 150 kWh Strom tanken können. Das bedeutet einen Zeitaufwand von 30 Minuten für eine vollständige Aufladung. Eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern sowie der elektrische Antrieb eines jeden einzelnen Rades gehören ebenfalls zu den ehrgeizigen Vorgaben, mit denen Audi  die Klassenspitze erobern will.

Die Motoren für den e-tron werden in Ungarn gefertigt. Dazu hat Audi in seinem Motorenwerk in Györ erst kürzlich eine neue Halle umbauen lassen, in der aktuell  400 elektrische Achsantriebe pro Tag vom Band laufen und deren Kapazität  sukzessive erhöht werden kann. Und hier kommen wieder die Crailsheimer Tüftler ins Spiel.

Denn in dieser neuen Halle, in der nahezu vollautomatisch produziert wird, steckt auch ein Stück Hohenloher Ingenieurskunst. Hier läuft kein einziger Motor vom Band, der nicht durch die Messtechnik  von der Jagst auf Funktion und Isolation untersucht worden wäre. Die Sondermaschinen der Firma Stahl prüfen darüber hinaus, ob die richtigen Werkstoffe verwendet wurden, ob der Motor richtig aufgebaut und imprägniert wurde. Ihre Prüfstände garantieren sowohl die Sicherheit in der Produktion als auch später  beim Fahren.

Von Anfang an dabei

„Damit das alles in der automatisierten Fertigung reibungslos funktioniert, werden wir bereits sehr frühzeitig, selbst wenn die Produktentwicklung noch nicht vollständig abgeschlossen ist,  in die Planungen eingebunden“, sagt Rudolf Stahl, „Nur so können die ehrgeizigen Terminvorgaben der Kunden umgesetzt werden.“  In dieser frühen Planungsphase setzen sich die Stahl-Mitarbeiter daran, die Maschinen von Grund auf zu konzipieren:  Sie konstruieren die Teile, erstellen die Schaltpläne, schreiben die Software und produzieren letztendlich die Maschine.

Das alles sind  komplexe Herausforderungen, mit denen das mittelständische Unternehmen bereits jetzt an seine Kapazitätsgrenzen stößt. „Wir müssen dringend wachsen und brauchen findige Köpfe, die an diesem großen Projekt mitarbeiten“, sagt Firmenchef Rudolf Stahl, der in der Elektromobilität, besonders in den innerstädtischen Ballungsräumen,  einen Teil der mobilen Zukunft sieht.

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