Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ – dieses Zitat wird Karl Valentin zugeschrieben. Ob Kommunalpolitik schön ist, muss offenbleiben, sicher ist jedoch, dass auch sie viel Arbeit macht. Diese Erfahrung haben die Crailsheimer Stadträte seit der Kommunalwahl im Mai des vergangenen Jahres schon öfters gemacht – zuletzt am vergangenen Freitag. In einer sechsstündigen Sondersitzung befassten sie sich mit dem sozialen Wohnungsbau in der Stadt. Der muss intensiviert werden, darüber besteht Konsens. Die Frage ist nur: wie? Sollen private Investoren mehr unterstützt werden als bisher, oder soll die Stadt gleich selbst bauen? Um diese Frage in der April-Sitzung beantworten zu können, hatten sich Verwaltung und Stadträte Experten in die Sitzung eingeladen.

Die beleuchteten nicht nur sehr fachkundig die verschiedenen Aspekte des Themas, sondern sparten auch nicht mit Lob für Rathaus und Gemeinderat. Die von der Verwaltung in Auftrag gegebene Wohnraum-Bedarfsanalyse, die zum Ergebnis kommt, dass in Crailsheim bis zum Jahr 2035 bis zu 2900 Wohnungen gebaut werden müssen, wenn die Aufwärtsentwicklung der Stadt so weitergeht wie in den vergangenen Jahren, wurde von Ulrike Kessler aus dem Wirtschaftsministerium in Stuttgart so gelobt: „Besser kann man eine Datenlage nicht aufbereiten.“ Auch wenn die Stadt vor einer Herausforderung stehe, müsse doch betont werden: „Sie können gestalten, das ist eine schöne Aufgabe.“

Sonnenhof in Schwäbisch Hall Zwei neue Häuser in einem Jahr

Schwäbisch Hall

Situation ist angespannt

Zuvor hatte Stefan Lehnert vom Hamburger Institut für Wohnen und Stadtentwicklung die Bedarfsanalyse vorgestellt. In der taucht das Wort Wohnungsnot zwar nicht auf. Dass Mietwohnungen in der Stadt inzwischen Mangelware sind, sieht aber auch der Experte: „Der Markt ist deutlich enger geworden.“ Eindringlicher formuliert es die Stadtverwaltung in einer Vorlage für die Sitzung des gemeinderätlichen Hauptausschusses am kommenden Donnerstag. In ihr ist von einer „angespannten Wohnungsmarktsituation“ die Rede. Die findet sich hauptsächlich bei den kleineren Wohnungen, hat die Bedarfsanalyse ergeben. Das hat mit einer Veränderung der Haushaltsstruktur zu tun. Der Trend geht, wie in anderen Städten auch, zu kleineren Haushalten und damit auch zu kleineren Wohnungen.

„Kompliment dafür, wie sachkundig Sie diskutieren“ – auch Karl-Heinz Walter vom Stuttgarter Stadtentwicklungsunternehmen Reschl zeigte sich beeindruckt davon, wie intensiv man sich in Crailsheim mit dem Thema auseinandersetzt. Auch er attestierte, dass der Gemeinderat einen großen Gestaltungsspielraum hat, wenn er sich denn entschließt, aktiv zu sein. Matthias Foitzik vom Kasseler Architekturbüro foundation 5+ hob ebenfalls hervor, es sei nicht selbstverständlich, dass ein Gemeinderat so tief in die Materie einsteigt. Sein Büro hat mit seinem städtebaulichen Entwurf den Zuschlag für das Neubaugebiet Grundwegsiedlung in Altenmünster ge­wonnen. Dort sollen, allerdings erst im zweiten Bauabschnitt, sogenannte Lebenszyklushäuser ­errichtet werden, also Häuser, die sich den wechselnden Bedürf­nissen ihrer Bewohner anpassen.

„Denken muss sich verändern“

Das Thema Wohnungsbau ist – nimmt man das Sanierungsgebiet „Östliche Innenstadt“ und die Vergrößerung des Stadtteils Türkei hinzu – ein großes und wird die kommunalpolitische Agenda über viele Jahre hinweg dominieren. Dass sich die Stadträtinnen und -räte dessen bewusst sind, wurde am Freitag deutlich. Gerhard Neidlein (CDU) etwa sprach davon, dass „es viel zu tun gibt“, und Sebastian Klunker (AWV) geht gar davon aus, dass „sich unser Denken verändern muss“. Die Bedeutung der Veranstaltung brachte Baubürgermeister Jörg Steuler auf den Punkt: „Es war ein wichtiger Tag für Crailsheim.“