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Crailsheim
Crailsheim / Birgit Trinkle  Uhr
Das achte und letzte Wahlforum des HOHENLOHER TAGBLATTS findet in Crailsheim statt. Fünf Kandidaten widmen sich den aktuell meistdiskutierten Themen der Stadt: der Frage einer Halle, die Stadthalle und dreiteilige Sporthalle zugleich sein soll – oder auch nur eins von beiden –, zudem   Schulentwicklung, Bürgerbeteiligung   und Hallenbad-Standort.

Es hätte noch mehr Themen gegeben, die den Crailsheimern unter den Nägeln brennen. Beim Wahlforum des HOHENLOHER TAGBLATTS war freilich schnell klar, dass sich die Vertreter der vier im Gemeinderat vertretenen Fraktionen sowie der Bürgerliste nur zu einigen wenigen, aktuell in der Stadt diskutierten Sachverhalten äußern würden. Diesen galt besonderes Augenmerk. So gab es jeweils mehrere Wortmeldungen und einen regen Austausch, der dem Publikum im Sparkassenforum einen guten Einblick in die Arbeitsweise des Gemeinderats und in die Vorstellungen und Ziele der einzelnen Listen vermittelte.

Moderiert wurde der Abend von HT-Redaktionsleiter Andreas Harthan und Redakteurin Christine Hofmann, die es immer wieder genau wissen wollten, durchaus auch kritisch hinterfragten und so dazu beitrugen, dass es statt gefälliger Wohlfühl-Phrasen konkrete Aussagen und eben auch kontroverse Standpunkte gab. Wurde von den Befürwortern des Hallenbad-Bürgerentscheids „aggressiv“ um Stimmen geworben? Ist eine Sporthalle wichtiger als eine Kulturhalle? Haben die Merlins die Stadträte erst jüngst mit einer E-Mail unter Druck gesetzt? Ist der Vorschlag, die Gemeinschaftsschulen und die Realschulen der Stadt an jeweils einem Standort zusammenzufassen ein „Antrag zur Sterbehilfe“? Braucht man überhaupt noch einen gewählten Gemeinderat, wenn das Gremium nicht länger selbst entscheiden darf? Das sind zugespitzte Formulierungen der Kandidaten aus kommunalpolitischen Debatten, die ganz weit hineinreichen ins Selbstverständnis der Crailsheimer Stadträte.

HT-Wahlforum in Crailsheim Thema Stadthalle ist aktueller denn je

In der Diskussion beim HT-Wahlforum gibt es mehr Fürsprecher einer großen Sporthalle als Kulturhallen-Befürworter.

Wohin mit 20.000 Stimmen

Auf dem Podium diskutierte Gerhard Neidlein, 69, Fraktionsvorsitzender der CDU, die sich derzeit über 17 Mandate im Rat freut. Die CDU ist damit die mit Abstand größte Fraktion, hat aber auch vier Stimmenfänger verloren – Gemeinderäte, die nicht mehr kandidieren, gemeinsam aber über 20.000 Stimmen erhalten hatten. Neidlein meinte auf die Frage Harthans, wie das ausgeglichen werden könne, der Verlust dieser „Zugpferde“ sei mit ein Grund dafür, dass er selbst noch einmal antrete. Er verwies auf eine von Jüngeren und Älteren gleichermaßen bestimmte Liste und auf seine Hoffnung, dass anerkannt werde, was die Fraktion erreicht habe.

Gernot Mitsch, Chef der SPD-Fraktion, ebenfalls 69 Jahre alt, sieht in Crailsheim Dinge, die verbesserungswürdig seien: Es gebe vieles zu tun, vieles mitzugestalten. Als Christine Hofmann mit Blick auf erfahrene Stadträte, die jüngeren Kandidatinnen und Kandidaten Platz gemacht haben und auf die hinteren Listenplätze gewandert sind, nachfasste, meinte Mitsch lächelnd, die Fraktion setze auf Verjüngung und Veränderung. Er hoffe auf die 20.000 bei der CDU frei gewordenen Stimmen.

Sebastian Klunker, 45, Fraktionsvorsitzender der AWV, wollte „nicht nur reden, sondern machen“, vor allem „Crailsheim schöner machen“. „Wofür steht eine Fraktion ohne Parteiprogramm im Hintergrund“ war eine an ihn gerichtete Frage, die auf dem Podium einen spontanen Meinungsaustausch auslöste. Auf Klunkers Antwort, die AWV sei frei, heimatverbunden und bürgernah, nicht in ein Parteikorsett gezwängt, das auf kommunaler Ebene ohnehin keine Rolle spielen dürfe, beeilten sich nämlich die anderen Stadträte, zu versichern, es gebe auch bei ihnen keinen Fraktionszwang; man habe sich noch nie unfrei gefühlt und ohnehin stets auf der Sachebene diskutiert. Auch Klunkers Aussage, er habe heuer „50 Prozent mehr Kandidaten auf der Liste und alle haben Bock, etwas zu anzupacken“, wurde kritisch kommentiert: Das sei kein Alleinstellungsmerkmal der AWV, sagte etwa Markus Schmidt, 52, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

Schmidt sprach sich generell fürs Mitmachen aus – wer das nicht wolle, müsse zusehen, wie andere mitmachten. Die kleinste Gemeinderatsfraktion mit vier Mitgliedern geht mit nur zwölf Kandidaten ins Rennen. Auf die Frage, ob der Aufwärtstrend der Grünen nicht bis nach Crailsheim reiche, gab er sich zuversichtlich: Grüne Themen rückten immer mehr in den Vordergrund. Entscheidend sei, was die Menschen draußen sagten, wen sie wie wählen wollten.

Peter Gansky schließlich, 57 Jahre alt und einziges Mitglied der Bürgerliste Crailsheim (BLC) im Gemeinderat, sagte, er wolle der Gesellschaft, von der er so viel erhalten habe, etwas zurückgeben. Von den zehn Kandidaten seiner Liste zeigen sich nur sieben mit Foto, dazu erklärte Gansky, er bewundere jeden, der die Zivilcourage habe, sich aufstellen zu lassen, seinen Namen herzugeben.

HT-Wahlforum in Crailsheim Wohin mit dem Hallenbad?

Die Standortentscheidung für das Maulachtal wurde beim HT-Wahlforum unterschiedlich bewertet.

Wortwitz gefragt

Weil auch gelacht und geschmunzelt werden sollte, ließen Harthan und Hofmann die Kandidaten binnen Sekunden zwischen Begriffen wählen und das dann auch erklären. Sebastian Klunker zog das Staubsaugen dem Ausräumen der Spülmaschine vor, Schmidt, bei aller Heimatverbundenheit, „Game of Thrones“ der Horaffensaga, Peter Gansky die Konzertgemeinde dem Kneipensingen und Gerhard Neidlein die Zeitung dem Internet.

Blick auf die Schulen

Auf steigende Schülerzahlen, Platzmangel und Sanierungsbedarf hat Experte Wolf Krämer-Mandeau mit einer Studie zur Schulentwicklung in Crailsheim reagiert – ein Konzept, das die Schulwelt der Stadt auf den Kopf stellt. In erster Linie geht es darum, die beiden Gemeinschaftsschulen und die Realschulen jeweils an einem Ort zu einem Campus zusammenzufassen. Auch das war Thema. Markus Schmidt meinte dazu, manchmal sei Expertise von außen sinnvoll, das Aufzeigen anderer Wege, die beschritten werden könnten, aber nicht müssten. Jetzt sei die Stadt in einer Phase, in der die Schulen miteinander redeten – aber zuerst habe er, räumte er ein, „schon geschluckt“. Tatsache sei, dass mehr Geld ausgegeben werden müsse als geplant, weil es eben auch mehr Menschen gebe in der Stadt.

Von einem Paukenschlag sprach Gernot Mitsch. Die Schulsituation sei nunmehr analysiert. Alles spreche dafür, dass die Stadt weiter wachse; durch die Neubaugebiete werde es rund 400 Schulanfänger mehr geben, das müsse Konsequenzen haben: „Wir alle haben Hausaufgaben zu erledigen.“

Gerhard Neidlein sprach frühere Vorstöße seiner Fraktion an und war nicht unzufrieden mit der vorgelegten Studie: „Das ging runter wie Öl.“ Klunker fand die Idee der zwei Campus gut, nicht aber die Vorstellung, „dass Kinder durch die ganze Stadt geschickt werden“. Heftige Ablehnung kam von Peter Gansky: Er sprach vom „Antrag zur Sterbehilfe“, vom „Trauerspiel”, von „Moloch-Schulen“. Wie mit den Kindern umgegangen werde, sei kein Wahlkampfthema.

Die Bürgerentscheide

Ein Crailsheimer Bürgerentscheid zu den Kastanien wurde abgewendet, ein zweiter zum Hallenbad steht an. Was aber ist mit einer systematischen und strukturierten Bürgerbeteiligung? „Wir waren schon mal weiter“, beantwortete Gernot Mitsch diese Frage. Er hoffe, der neue Gemeinderat werde Bürgerbeteiligung auf den Weg bringen, „nicht inflationär“, aber bei wichtigen Vorhaben, bei Projekten, die große Akzeptanz brauchten. Mit verschiedenen Veranstaltungen zur Landesgartenschau-Bewerbung sei die Stadt auf einem guten Weg.

Markus Schmidt verwies auf die jüngsten Ereignisse, die zeigten, was geschehe, wenn die Bürgerschaft nicht frühzeitig beteiligt werde und sich nicht mit ihren Vorstellungen einbringen könne. Es sei eine Bringschuld des Gemeinderats, den jeweils aktuellen (Planungs-)Stand nach außen hin darzustellen.

Die drei Storchenküken auf dem Crailsheimer Rathaus sind gestorben.

Am Sonntag mitmachen

„Die größte Bürgerbeteiligung“ findet Peter Gansky zufolge am kommenden Sonntag bei der Wahl statt. Hier erhielten die Stadträte einen Vertrauensvorschuss.

Sebastian Klunker und Gernot Mitsch bekräftigten, dass es einen Grundsatzbeschluss zur Bürgerbeteiligung nach dem Heidelberger Modell gegeben habe, der aber von der Stadtverwaltung nicht umgesetzt worden sei. Gerhard Neidlein meinte, bei den beiden Kastanien an der Spitalstraße habe man eingelenkt: „Das war’s nicht wert.“ Beim Hallenbad aber sehe es anders aus. Der Gemeinderat sei gewählt worden, um solche Beschlüsse zu treffen. Das Heidelberger Modell gehe ihm zudem viel zu weit, biete sich vielleicht in einer Stadt wie Heidelberg an, in der sich für jedes Thema zahlreiche ausgewiesene Experten fänden, nicht aber in einer Stadt wie Crailsheim. Mehr Frust als Segen seien etwa die nicht umgesetzten Vorschläge des Stadtentwicklungsplans gewesen; überhaupt sah er weitgehend fehlendes Interesse der Bürger etwa an den Gemeinderatssitzungen. Schmidt dagegen sah durchaus auch in Crailsheim Kompetenz, und wenn sich Menschen für etwas interessierten, brächten sie sich auch ein. Sebastian Klunker sah sogar eine „Pflicht des Bürgers, sich zu beteiligen“. Er konnte nicht verstehen, dass bei der Neugestaltung der östlichen Innenstadt lediglich 102 Fragebögen abgegeben wurden, „zwei Kastanien aber 2000, 3000 Menschen mobilisieren“. Gernot Mitsch erhielt Applaus für seinen Ansatz, Crailsheim müsse ein eigenes Konzept der Bürgerbeteiligung entwickeln.

Bei aller kontroversen Diskussion: Auf das Miteinander im Gemeinderat angesprochen, waren sich die Kandidaten abschließend einig. Wenn gestritten werde, geschehe das im Ringen um die beste Lösung. Einig waren sich Kandidaten und Moderatoren in der Hoffnung auf viele Wählerinnen und Wähler – mit rund 35 Prozent hatte Crailsheim bei der Kommunalwahl vor fünf Jahren einen der schlechtesten Werte im Land. Das dürfe sich nicht wiederholen, so der Appell des Redaktionsleiters.

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