Wenn die Justiz tätliche Auseinandersetzungen auf dem Volksfest aufarbeitet, steht sie recht oft vor dem Problem, dass keiner der Beteiligten alkoholbedingt zu einer brauchbaren Aussage in der Lage ist. In dem Fall, der jetzt vor dem Amtsgericht Crailsheim verhandelt wurde, war das allerdings anders. Zwei Zeugen waren nicht oder nur wenig alkoholisiert, und trugen entscheidend zur Wahrheitsfindung bei.

Am 21. September vergangenen Jahres, dem Volksfest-Samstag, ist es gegen 23.30 Uhr in einem Toiletten-Container am Ausgang 8 zu einem Zwischenfall mit Folgen gekommen. Mehrere Männer stehen an den Urinalen, einer pinkelt daneben, was ein anderer mit den Worten kommentiert, die „Russenputze“ mache das ja wieder weg und die könne ihm dann auch gleich seinen Penis sauber lecken.
Von diesen Äußerungen fühlte sich ein damals 29-jähriger Mann aus Crailsheim mit kasachischer Herkunft so sehr provoziert, dass er nach eigenen Angaben den Mann neben sich, einen heute 22-jährigen Studenten, schubste, ihn zu einer Entschuldigung aufforderte und ihm zweimal mit der Faust ins Gesicht schlug.

Opfer bestreitet Äußerungen

Das Opfer bestreitet, dass die fraglichen Äußerungen von ihm stammten. Der Angeklagte habe ihn ohne vorherigen Wortwechsel geschlagen. Der Angeklagte dagegen, bei dem später ein Alkoholpegel von 1,66 Promille festgestellt wurde, behauptet, der Mann habe ihn sogar aufgefordert zuzuschlagen. Die Folgen waren für das Opfer nicht unerheblich: Neben einem Bluterguss und Kopfschmerzen erlitt der Student einen Riss in der Hornhaut seines linken Auges, das zuschwoll und erst nach drei Wochen ausgeheilt war.

Gerabronn / Ellwangen

Der Angeklagte war nicht der einzige, der den Studenten geschlagen hat. Es gab einen zweiten Mann, der sich an der Prügelei beteiligt hat, dessen Identität bis heute aber unbekannt ist. Während die Aussagen des Opfers zu diesem zweiten Mann eher vage blieben und der Angeklagte beteuerte, dieser Mann habe nach ihm und ohne sein Zutun zugeschlagen, lieferten zwei Zeugen den Schlüssel zu diesem Teil des Geschehens.
Ein 25-jähriger Bekannter des Opfers, der an diesem Abend nach eigenem Bekunden fast keinen Alkohol getrunken hatte und der dem Studenten zu Hilfe eilte, war sich sicher, dass das in einer Ecke des WC-Containers liegende Opfer vom Angeklagten und einer weiteren Person traktiert wurde.
Ein ebenfalls 25-jähriger Mann aus Frankenhardt, der den Vorfall beobachtete und Hilfe holte, bestätigte dem Gericht ausdrücklich, beide Personen hätten gleichzeitig auf das Opfer eingeschlagen. Dabei sei außerdem mehrfach das Wort „Bruder“ zu hören gewesen. Beide Zeugen beschrieben den zweiten Mann annähernd gleich.

Entscheidende Aussagen

Für Strafrichterin Uta Herrmann waren dies die für die Bewertung des Geschehens entscheidenden Aussagen – denn eine gemeinsam begangene Körperverletzung stuft das Strafgesetzbuch als gefährliche Körperverletzung ein, die mit einer höheren Strafe als die einfache vorsätzliche Körperverletzung bedroht ist.

Rot am See

Auf gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lautete denn auch das Urteil. Uta Hermann verhängte eine Geldstrafe von 90 Tagesätzen je 55 Euro, also 4950 Euro. Dabei erkannte sie auf einen minder schweren Fall, unter anderem weil der Angeklagte geständig war, erheblich betrunken war und keinerlei Vorstrafen aufweist. Positiv wertete die Richterin auch, dass der Angeklagte sein Opfer um Entschuldigung gebeten hatte.

Sieben Monate gefordert

Als Vertreterin der Staatsanwaltschaft hatte Anja Rampe eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung gefordert, weil sie den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung für erfüllt hielt. Verteidigerin Britta Muck aus Crailsheim plädierte dagegen auf vorsätzliche Körperverletzung, die mit einer Geldstrafe von 60 Tagesätzen geahndet werden sollte.