Der Auslöser dafür, dass Werner Linder seinen Lebenswandel änderte, war ein Arztbesuch im Jahr 2005. Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes Typ II wurden dem Tiefenbacher attestiert. Neben der unerfreulichen Diagnose bekam er allerdings auch einen wertvollen Rat von seinem Arzt: „Nehmen Sie ab und bewegen Sie sich: Am besten wäre es, Sie würden zwei- bis dreimal pro Woche eine halbe Stunde stramm laufen.“

Linder nahm sich die Worte zu Herzen und setzte sie sogleich in die Tat um. Er kaufte sich sein erstes Paar Laufschuhe und lief los. Schnell fand er Gefallen am zügigen Spazierengehen an der frischen Luft, und schnell purzelten die Pfunde. Bald schon lief er täglich. Die drei Kilometer bis zu seinem Arbeitsplatz im Autohaus Linke, wo er als Jugendlicher eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker machte und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2011 arbeitete, ging er zu Fuß – morgens hin, abends zurück.

Stressabbau und gute Laune

„Beim Laufen habe ich Stress abgebaut und kam gut gelaunt von der Arbeit heim“, sagt er. Die Nachbarschaft habe sich zunächst darüber gewundert, dass er sein Auto immer öfter stehen ließ und fast alle Strecken zu Fuß erledigte. Mehrmals wurde er gefragt, ob er seinen Führerschein verloren hätte.

Lauf geht’s Crailsheim Mit einem Lächeln loslaufen

Crailsheim

„Ich hatte mir schnell angewöhnt, das Auto stehen zu lassen, wenn ich etwas zu erledigen habe.“ Egal ob Arztbesuch oder Einkaufstour – Werner Linder läuft. Am liebsten läuft er übrigens ohne Walkingstöcke, damit er die Hände frei hat, und ohne Begleitung. „Ich bin noch freihändig laufbar“, sagt er lachend. Und wenn er nur für sich allein unterwegs ist, kann er ohne Ablenkung seinen Gedanken nachhängen und die schöne Landschaft genießen. Was er jedoch stets dabeihat, ist sein Mobiltelefon. Eine App zeichnet jeden seiner Schritte auf.
Nach zehn Jahren, drei Monaten und 27 Tagen zeigte die App folgenden Kilometerstand an: 40.075. Linder hatte den Äquator umrundet. Das war freilich kein Grund, mit dem Laufen aufzuhören. „Jetzt laufe ich in die andere Richtung“, scherzt der 71-Jährige. In diesem Jahr steuert er auf einen weiteren Rekord zu: Wenn er sein aktuelles Pensum beibehält, wird er erstmals eine Jahressumme von 6000 gelaufenen Kilometern erreichen. 500 Kilometer im Monat muss er dazu laufen, das Handy in der Hosentasche zählt jeden Meter mit.
Die Laufeuphorie von Werner Linder hat inzwischen Kreise gezogen. Seine Ehefrau, die beiden Töchter und die Schwiegersöhne sowie zwei Schwestern eines Schwiegersohns – eine lebt in Kanada, die andere in Frankreich – sind ebenfalls mit der App unterwegs. Jeder Teilnehmer im Familienclan kann beobachten, wer gerade welche Strecke bewältigt. Und jeder sieht die Kilometerleistung der anderen. „Da ist ein richtiger Wettbewerb entstanden. Wir versuchen uns gegenseitig zu überbieten“, erklärt Linder und ruft die Rangliste auf seinem Display auf. Sein Name steht ganz oben.
Drei Paar gute Laufschuhe braucht der begeisterte Walker im Jahr. Bei so vielen Schritten halten Schuhe nicht lang. Doch diese Investition tätigt er gern. „Seit ich laufe, bin ich fit und habe meine Erkrankungen gut im Griff. Ich merke mit jedem Schritt, wie gut mir die Bewegung tut.“ Längst hat sich sein Körper an die Belastung gewöhnt. „Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr.“
Werner Linder ist im sächsischen Freiberg geboren. 1954 kam er mit seiner Mutter, drei Geschwistern, einer Tante und seinen Großeltern nach Westdeutschland. Über Berlin, Traunstein und Ulm landete die Familie in Crailsheim. Als sein Vater Max Linder, der in der ehemaligen DDR als politischer Gefangener zwölf Jahre im Gefängnis saß, schließlich nachkommen konnte, zog die Familie nach Tiefenbach. Mit seiner eigenen Familie ist Linder in Tiefenbach geblieben. „Es gab keinen Grund wegzuziehen. Hier fühlen wir uns wohl.“