Der Ablauf war fast immer gleich. Meistens um die Mittagszeit oder am Nachmittag zerkratzte eine Frau aus Crailsheim 24 Autos im Stadtgebiet, die in der Woha-Tiefgarage oder auf den Parkplätzen von Norma, Lidl und Möbel Bohn standen. Sie sei selber einkaufen gewesen, sagt die 69-Jährige in der vergangenen Woche vor dem Amtsgericht Crailsheim. Den spitzen Gegenstand, den sie für ihre Taten zwischen dem 20. Oktober 2017 und dem 3. März 2018 benutzte, war ihr eigener Autoschlüssel. Mit dem hinterließ sie jeweils von hinten bis nach vorn tiefe Spuren im Lack.

„Wenn man Autolack zerkratzt, ist immer ein Schaden beieinander, der nicht nur 20 Euro ausmacht“, betont Richterin Uta Herrmann. Die Polizei schätzt den Gesamtschaden auf rund 43.500 Euro, was sich im Verfahren als zu hoch herausstellt. Das Gericht geht abzüglich von Anwalts- und Gutachterkosten von rund 30.000 Euro aus. Es seien „nicht nur Super-Schlitten“ betroffen, sagt Herrmann. VW, Audi, Mercedes, Seat, Peugeot, Subaru, Opel, Ford, darunter ein Fahrzeug des FDP-Landtagsabgeordneten Stephen Brauer. Aber: „Alles ­reiner Zufall.“

69-jährige Angeklagte hatte 2017 ein hartes Jahr

„Warum?“, will Herrmann wissen. „Das frage ich mich bis heute“, entgegnet die Angeklagte. „Ich weiß es nicht. Ich entschuldige mich.“ Sie leidet seit mehr als 20 Jahren an Depressionen. „Die kommen immer wieder, wenn mich etwas aufregt.“

„Wie fühlen Sie sich jetzt?“, fragt Gutachter Dr. Thomas Heinrich. „Jetzt bin ich aufgeregt“, sagt die 69-Jährige. Heinrich schließt eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit nicht aus und sieht bei ihr eine verminderte Schuldfähigkeit gegeben. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mauert. Sie kann es nicht beschreiben.“ Früher habe sie die Wut an ihrem Mann ausgelassen, doch der war nicht mehr da – so beschrieb es ein Psychologe, bei dem sie in Behandlung war.

Ihr Mann starb 2017, ein hal­bes Jahr, bevor die Kratzerei losging. 2017 war ein schlimmes, ein schreckliches Jahr. Neben ihrem Mann starben sechs weitere Verwandte. „Da braucht man keine Fantasie, dass das die Mehrheit der Leute aus der Bahn wirft“, findet ihr Verteidiger Björn Wirsching aus Crailsheim. Er spricht von einer „Überforderungssituation“. Selbst einfache Dinge des Alltags hätten seine Mandantin vor große Herausforderungen gestellt. „Mein Mann hat alles gemacht“, so formuliert sie es, „ich habe mich um Haus und Kinder gekümmert.“

Statt der Freundin kommt Polizei

Entdeckt wird die 69-Jährige schließlich am 3. März 2018. Bei Möbel Bohn will sie sich mit einer Freundin zum Kaffee treffen. Die Freundin kommt nicht, dafür kommt die Polizei. Ein Zeuge meldet sich und berichtet, dass eine Frau auffällig mit einem Fahrzeugschlüssel durch die Reihen auf dem Parkplatz laufe.

Der Polizist, der sich vor Gericht als „Sachbearbeiter von diesem Komplex“ vorstellt, schildert, dass die Frau bei der Vernehmung davon sprach, „ein unheimliches Glücksgefühl“ verspürt zu haben. Später fiel ihm auf, dass sie „psychisch anfällig“ sei. Sein Eindruck: Sie war froh, dass es vorbei war. Vorbei war auch die Serie mit den zerkratzten Autos, sie habe „schlagartig aufgehört“.

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Kuriose Geschichte am Rande: Um die Serie aufzuklären, installierte die Polizei in einer Wohnung mit Blick auf den Norma-Parkplatz eine Überwachungskamera. Fehlanzeige, was die Frau angeht. Aber: „Ein Trittbrettfahrer kam dabei heraus“, so der Polizist. Es habe jemand sein bereits zerkratztes Auto dort ­abgestellt und wollte es ihr unterjubeln.

Gutachter Heinrich will vor Gericht noch einmal auf das Glücksgefühl hinaus. „Die Polizei wird das nicht erfunden haben. Hat sich Ihr Zustand verbessert, als Sie gekratzt haben?“ Sie sagt: „Ich kann es nicht beantworten. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin weggefahren.“

Ihr Verteidiger Wirsching schreibt in einem Brief an die Geschädigten von einem „Hilferuf“ seiner Mandantin. Um die Schäden zu regulieren, nahm sie bereits einen Kredit über 15.000 Euro auf. Zudem ist es ihr als Rentnerin trotz 55.000 Euro Schulden wegen eines Hausabtrags möglich, weitere 3600 Euro über drei Jahre abzustottern, „um mehr als die Hälfte wiedergutzumachen“, wie ihr Anwalt sagt.

Dann folgen die Plädoyers: Staatsanwalt Johannes Wex spricht von „Leidensdruck“ und davon, dass die Angeklagte „ein sehr bewegtes Jahr erlebt“ habe. Er fordert eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. 60 Tagessätze à 30 Euro, so klingt das bei Verteidiger Wirsching. „Die Erleichterung war da, endlich erwischt worden zu sein“, sagt er. „Die Taten tun ihr unendlich leid. Sie schämt sich.“ Er sieht „eine regelrechte Zwangssituation“ gegeben.

Geständnis verkürzt den Prozess immens

Richterin Herrmann verurteilt die 69-Jährige, die nicht vorbestraft ist, wegen Sachbeschädigung in 24 Fällen zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 20 Euro. Die Frau hätte „ein rechtschaffendes Leben geführt“ und sich nach ihrer Entdeckung nicht hängenlassen., im Gegenteil: Ein „sehr hoher Stellenwert“ hat für Herrmann, dass die Frau die Schadenswiedergutmachung nicht erst in Angriff genommen habe, als die Anklage feststand, was vielleicht „prozesstaktisch klug“ gewesen wäre. „Von sehr hohem Wert“ sei auch das Geständnis, „sonst wären wir einige Tage gesessen“.

So steht das Urteil nach nicht mal einem Vormittag fest, im Saal sitzen auch zwei achte Klassen der Haupt- und Werkrealschule aus Schrozberg. „Sie haben sehr viel von sich persönlich preisgegeben“, sagt Herrmann noch, „das kann keine Strafe bewirken.“ Und die Regulierungsquote von 60 Prozent würden die Geschädigten wohl kaum erlangen, wenn sie es durchfechten müssten.

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