Ich bin heut fitter als mit 25.“ Das zu glauben, fällt leicht. Dem Mann, der sein Rennrad ans HT-Gebäude gelehnt hat und nun Tipps gibt für die schönsten Wandertouren rund um Crailsheim, sind seine 72 Jahre ganz sicher nicht anzusehen.

Auch wenn es das typische Rentnerdasein schon längst nicht mehr gibt, fällt Ulrich Bomkes Alltag doch aus dem Rahmen. Von morgens bis abends ist er unterwegs: Ihn zu erreichen, ist eine ziemliche He­rausforderung. Er trägt zwar immer ein Handy bei sich, weil er meist alleine wandert oder radelt und in Gegenden wie dem Naturschutzgebiet Reußenberg oft stundenlang niemandem begegnet, das Ding ist aber ausgeschaltet, weil er der Strahlung misstraut.

Bomke ist ein Paradebeispiel für ein Leben ohne Auto: Seit 25 Jahren ist er nicht mehr motorisiert. Für ihn war das die denkbar beste Entscheidung, Grundlage für ein gutes Leben. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, ein Goethe-Zitat, ist für ihn Lebenseinstellung.

Ulrich Bomke „Das ist was für die Seele“

Als er noch berufstätig war, hat er den Arbeitsplatz bei der Firma Voith je nach Witterung zu Fuß oder mit dem Rad erreicht, „das ist was für die Seele und es baut den Stress ab“. Bis heute ist das fast täglich sein Weg: Er isst gern in der Voith-Kantine, weil das Angebot dort zu seiner Lebenseinstellung passt. Und das Einkaufen? Sein Korb passt auch aufs Rad, wenn das nicht reicht, gibt es noch den Rucksack: „Ich lebe alleine, da brauche ich nicht viel.“

In grauer Vorzeit legten Menschen jeden Tag zwischen 20 und 50 Kilometer zurück

Zu Fuß gehen: Evolutionsbiologen sind sicher, dass das dem Menschen in den Genen liegt, oder besser, dass der menschliche Körper („Bewegungsapparat“) wurde, was er ist, weil auf der Suche nach Nahrung oder auch auf der Flucht große Strecken zurückgelegt werden mussten. Auch mit Blick auf Skelettfunde gehen Wissenschaftler davon aus, dass für die menschlichen Vorfahren vor rund 1,8 Millionen Jahren eine tägliche Geh- und Laufleistung von 20 bis 50 Kilometern selbstverständlich war. Auch bei den Nomadenvölkern, sehr viel später, wurden gemeinsam mit den Herden große Strecken zurückgelegt.

Es gibt die Theorie, dass die Weltreligionen entstanden sind, als der Mensch sesshaft wurde, als Antwort auf Angst machende Einengung, als Versuch, dem Zorn zu begegnen, der sich unweigerlich einstellt, wenn zu viele Menschen auf zu engem Raum miteinander umgehen, ohne dass sie ihre Anspannung in der Bewegung loswerden. Mit gutem Grund arbeiten demnach all diese Religionen mit der Hirtenmetaphorik. Und ihre an Körper und Seele gesund machenden Pilgerreisen sind nichts anderes als ein Nachempfinden der alten Wege. Des Unterwegsseins. Ulrich Bomke jedenfalls kann es sich nicht vorstellen, einmal nicht mehr zu Fuß unterwegs zu sein.

Beginn bei den Wanderfreunden

Er hat die ersten Lebensjahre in Gründelhardt verbracht, fühlt sich aber seit 60 Jahren als Crailsheimer; nach den Jugend- und Lehrjahren auf dem Hexenbuckel fand er auf dem Roten Buck sein Daheim. Sein Leben hat sich verändert, als die Familie zum ersten Mal bei den Wandertagen der Wanderfreunde Crailsheim mitmarschiert ist. Die kleine Runde gab’s da noch nicht; zehn Kilometer sind für Ungeübte machbar, aber schon eine kleine Herausforderung. Er war gern dabei, hat sich jedes Jahr darauf gefreut und auch als die Kinder keine Lust mehr hatten, ließ er sich das nicht nehmen. Vor allem: Er begann zu joggen. „Ich wurde über die Wanderfreunde und das Wandern zum Läufer.“ Und das mit so großer Freude, dass er gar nicht mehr gehen wollte, nur noch joggen.

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Das Marathon-Kapitel

Es kamen Volksläufe, der erste Marathon. Über Dirk Beyermann kam er zum Triathlon, das zwölf Jahre einen großen Teil seines Lebens bestimmte. Triathlon ist für ihn überhaupt die dem menschlichen Körper am meisten entsprechende Sportart – „das sind von Grund auf natürliche Bewegungen“. Die Teilnahme an den Wandertagen war und ist all die Jahre gesetzt. „Es gab Jahre, in denen sich 2000 Marathonläufer beteiligt haben“; heute, so Bomke, seien es gerade noch 300. Weil die Teilnahme an einem großen Stadtmarathon für viele reizvoller sei, auch weil nicht wenige der einst so Aktiven älter werden. Auch Bomke geht mittlerweile wieder.

Und wieder das Goethe-Zitat

Früher benötigte er ein Auto, um mit der Familie die Oma zu besuchen oder in den Urlaub zu fahren. Das ist heute ganz weit weg. Was er aber genießt, sind die Kleinbus-Touren mit den Wanderfreunden, die ihn immer wieder an unbekannte Orte wie Steg­aurach oder Wolfschlugen führen. Würde er sie nicht zu Fuß erkunden, da ist er ganz sicher, würde er sie niemals so intensiv kennen- und schätzen lernen.

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„Der Mensch musste sich immer bewegen. Um überleben zu können, war er auf seinen Körper angewiesen“, erklärt Markus Schimpf vom Reha­zentrum Hess, „dadurch dass wir nun zu Bürositzern geworden sind und auch im Alltag viel Zeit auf der Couch verbringen, kommt es zu gesundheitlichen Problemen.“

Der 27-jährige Sporttherapeut aus Crailsheim zeigt auf, dass das Zufußgehen viel mehr ist als nur eine Möglichkeit, aufs Auto zu verzichten. Die Zahl der Rückenbeschwerden steige ständig und das sei fehlender Bewegung geschuldet. Andauernde Fehlhaltung, das Verharren in bestimmten Positionen, in denen Muskulatur nicht gebraucht wird, hat demzufolge fatale Folgen. „Muskulatur braucht viele Ressourcen“, so Schimpf, und der Körper sei nun mal darauf ausgerichtet, sich von allem zu trennen, was nicht gebraucht werde: Nicht benötigte Muskulatur wird abgebaut. Nicht nur der Rücken leidet, wenn Menschen nicht mehr zu Fuß gehen und sich generell zu wenig bewegen. Schimpf zufolge wirkt sich das auf den gesamten Körper aus. Die Muskulatur werde weniger, es gebe Gelenkprobleme, „zum einen weil die Gelenke nicht so oft genutzt werden, zum anderen fehlt die stützende Muskulatur“.

Von der WHO und vom Gesundheitsministerium werden pro Woche mindestens 150 Minuten moderate Bewegung empfohlen oder 75 Minuten von hoher Intensität. Grundsätzlich biete es sich an, möglichst viele Wege im Alltag zu Fuß zurückzulegen.

Obwohl auch Faktoren wie Ernährung oder Genetik eine Rolle spielen, wird jemand mit aktivem Lebensstil laut Markus Schimpf mit einiger Wahrscheinlichkeit gesünder und mit weniger Beschwerden ins Alter gehen.