Stadthalle, Bahnhof, Schulentwicklung: Es ist nicht so, dass es OB Dr. Christoph Grimmer ohne Landesgartenschau langweilig werden würde. Gleichwohl könnte ein Zuschlag für Crailsheim seinen Arbeitsalltag und sein späteres Erbe wie nichts anderes prägen. Aufgeregt wirkt er deshalb zwar nicht, fokussiert sehr wohl. Die Bedeutung der Entscheidung ist Grimmer natürlich bewusst.

Herr Grimmer, Crailsheim ist prädestiniert für die Ausrichtung einer Landesgartenschau, weil …

Dr. Christoph Grimmer: … wir sicher mit einem der besten Konzepte ins Rennen gehen. Mit 30 Hektar konzeptioneller Planungsfläche, der Konversion eines kompletten Industriegebiets und der Anbindung der südwestlichen Kernstadt an die Innenstadt bieten wir einen sehr weitreichenden Ansatz. Davon wollen wir natürlich auch die Fachkommission überzeugen.

Die Idee, die Landesgartenschau nach Crailsheim zu holen, war schon in der Welt, als Sie Ihr Amt angetreten haben. Waren Sie gleich Feuer und Flamme oder mussten Sie überzeugt werden?

Die Herausforderung für mich persönlich war, dass sich der Gemeinderat zwar für die Laga-Bewerbung ausgesprochen hatte, es aber noch gar kein Konzept gab. Insofern hatte ich eine Mammutaufgabe auf dem Tisch. Da hätte ich mir schon einen ruhigeren Start vorstellen können. Aber unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich ganz toll engagiert und am Ende einen großen Teil der inhaltlichen Konzeption für die Bewerbung entwickelt. Dabei kam uns sicherlich zugute, dass die Abgabefrist nicht Ende 2018 war, wie ursprünglich erwartet, sondern erst Ende 2019.

Was antworten Sie Kritikern, die sagen: Crailsheim will Millionen für eine Landesgartenschau ausgeben, dabei gibt es doch viel dringendere Dinge in der Stadt zu erledigen?

Klar gibt es viele dringende Sachen. Und es ist die Aufgabe des Gemeinderats, Prioritäten zu setzen. Natürlich müssen wir Straßen sanieren, Kitas auf Vordermann bringen und in die Schulen investieren. Das machen wir ja auch. Aber es ist nicht so, dass die Landesgartenschau pure Kür ist. Wir adressieren mit unserem Konzept die großen kommunalpolitischen Herausforderungen hinsichtlich Wohnraum, Mobilität, Flächenverbrauch und Klimaschutz – und möchten das Industriegebiet im Stadtteil Türkei zum modernen Wohnquartier machen.

Wenn es um viel Geld geht, gibt es immer auch Gegner. Aber mit Investitionen kann eben auch viel bewegt werden. Mit dem Einsatz von 20 Millionen Euro können wir durch Fördergelder und Bodenwertsteigerungen 50 Millionen Euro generieren. Wenn sich zum Beispiel jemand für 20.000 Euro ein Auto kaufen möchte und dank einer Förderung von 12.000 Euro am Ende nur 8000 Euro selbst zahlen muss, ist das ein herausragend gutes Geschäft.

Crailsheim

Sofern er ein Auto braucht und die 8000 Euro hat.

Wir denken einfach, das ist eine ganz exzellente Förderkulisse, mit der sich viel bewegen lässt – mit dem Hauptziel, die Aufenthalts- und Lebensqualität in der Stadt langfristig zu verbessern. Und das vor dem Hintergrund einer bewegten Geschichte: Ich denke, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft ist ein großes Plus unserer Bewerbung. Mit dem Vermächtnis von Hans Scholl und Eugen Grimminger, mit Zerstörung und Wiederaufbau können wir ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte greifbar machen und so Erinnerungskultur leben. Der Bahnhof steht gleichzeitig für den Aufschwung der Stadt wie für ihren Niedergang.

Und für die Stagnation.

(lacht) Genau. Aber da haben wir zuletzt ja schon Fortschritte gemacht. Indem wir das frühere Bahnbetriebsgelände im Bereich des Lokschuppens zu einem zentralen Ort unserer Landesgartenschau machen, ist es endgültig vorbei mit der Stagnation. Im Übrigen steht die gesamte Planung einer Landesgartenschau in Crailsheim für eine nachhaltige Nutzung über das Durchführungsjahr hinaus.

Sie haben vorhin gesagt, Crailsheim sei prädestiniert für die Ausrichtung, weil es eines der besten Konzepte habe. Ist es vielleicht auch deshalb prädestiniert, weil es noch große Potenziale für Stadtentwicklung bietet? Weil da sichtbare Wunden sind, die die Vergangenheit geschlagen hat? Könnte „Wunden heilen“ eine Art Laga-Nebenmotto sein?

Wenn eine Wunde heilt, wird der Status von vor der Verletzung wiederhergestellt. Eine Landesgartenschau bietet für uns die Chance, nicht nur einen Schaden zu beheben, sondern tatsächlich die Stadt weiterzubringen. Insofern bietet eine Landesgartenschau die Grundlage, optimistischer zu denken und höhere Ansprüche zu stellen.

„Wächst. Blüht. Verbindet.“ lautet dementsprechend das offizielle Motto der Crailsheimer Laga-Bewerbung. Was verbinden Sie mit diesen Wörtern?

Es steckt ganz viel in diesen drei Begriffen. Crailsheim ist ein prosperierender Wirtschaftsstandort. Die Stadt wächst weiter, das haben auch die Wohnraumbedarfsanalyse und die Analyse zur Schulentwicklung ergeben. Wir werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren die 40.000-Einwohner-Grenze überwinden. Das fällt in den Bereich „Wächst und blüht“.

Das „Verbindet“ ist einmal auf den infrastrukturellen Bereich bezogen: dass wir die Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen der Stadt im Bereich des Bahnhofs und der Jagst herstellen. Und es hat eine gesellschaftliche Dimension: Die Landesgartenschau bietet der Stadtgesellschaft die Möglichkeit, eine Geschlossenheit zu beweisen, die in Crailsheim vielleicht nicht bei jedem Projekt gegeben ist. Gleichzeitig wollen wir für das Land Baden-Württemberg gute Gastgeber sein.

Das ganze Land soll erfahren, was für ein Wachstumspotenzial in Crailsheim steckt?

Ja, aber wir wollen uns natürlich auch in Nicht-Laga-Zeiten gut präsentieren. Das gelingt durchaus. Man hat ja manchmal gesagt, weil Crailsheim so weit von Stuttgart weg sei, interessiere sich die Politik dort nicht so sehr für uns hier im Nordosten. Das kann ich für die Vergangenheit nicht bewerten, aktuell ist das nicht mein Eindruck.

Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut über die beiden Zusagen des Verkehrsministeriums, den Bahnhofsstandort Crailsheim zu unterstützen – mit der Herstellung der Barrierefreiheit und der Verlängerung des Durchstichs. Auch die Verlängerung der S-Bahn von Nürnberg nach Crailsheim in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Verkehrsministerium ist in greifbarer Nähe. Anfang des Monats haben wir die Auszeichnung für das Projekt „Stadtbiene“ bekommen, als eine von zwei Städten im Land. All das macht Mut.

Also, dann lassen Sie uns doch kurz träumen und einfach mal davon ausgehen, dass Crailsheim den Zuschlag schon hat. Und unternehmen wir einen kurzen Bummel entlang der wichtigsten Punkte. Wie würden Sie einen Tag auf der Laga in Crailsheim perfekterweise verbringen?

Ehrlich gesagt bin ich ja kein großer Freund von Träumereien. Ich verfolge eher das Credo, dass man sich die Dinge erarbeiten muss. Aber, versuchen wir’s: Perfekt ist die Anreise nach Crailsheim von außerhalb natürlich mit der Bahn, da es umweltschonend ist und die Möglichkeit besteht, auch schon die Fahrstrecke durch unsere schöne Hohenloher Landschaft zu genießen.

Oder die mittelfränkische Landschaft, auf der S-Bahn-Fahrt von Nürnberg nach Crailsheim.

Möglicherweise auch das, ja. (lacht) Wenn man hier am sanierten Bahnhof aussteigt und sich der Jagst zuwendet, steht man schon am Eingang zur Landesgartenschau. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und man läuft über die Paradeisallee am Modellbootsee entlang Richtung Netzbrücke, die dann spektakulär über die B 290 gespannt ist.

Über die Brücke geht’s zum Landespavillon, zu den Ausstellungen der Partnerstädte und unserer Städtebündnisse sowie zu den Ständen von Crailsheimer Vereinen, Kirchen und Unternehmen. Themengärten, Anpflanzungen und Blumenbeete hinterlassen bleibende Eindrücke. Weiter geht es in Richtung Gleisdreieck, um dort in die Geschichte Crailsheims einzutauchen. Und zum Abschluss des Tages laden der Biergarten am Wasserturm oder eine andere Lokalität noch zum Genießen hohenlohischer Spezialitäten ein.

Klingt gut. Was ist für Sie das Highlight? Die Netzbrücke?

Die Netzbrücke ist natürlich das bauliche Highlight. Das konzeptionelle Schwergewicht ist aber die Konversion der Türkei. Das emotionale Highlight ist es, die Geschichte Crailsheims erlebbar zu machen.

Mal ganz ehrlich: Ist die Netzbrücke wirklich realisierbar oder einfach ein schönes Bewerbungs-Gimmick?

Ich bin kein Stadtplaner und kein Bauingenieur – die inhaltliche Arbeit liegt bei anderen. Aber ein Gimmick ist es nicht. Bereits umgesetzte Beispiele zeigen, dass solche Ideen realisierbar sind. Mein Anspruch ist klar: Die Vorstellungen, die wir wecken, wollen wir auch umsetzen. Alles andere wäre unredlich gegenüber der Bewertungskommission.

Crailsheim

Was würde von dieser Laga bleiben?

Es ging einmal das Gerücht umher, die Brücke werde nach der Laga wieder abgebaut. Aber wir sind natürlich nicht so dumm, dass wir für fünf Millionen Euro eine Brücke hinstellen, die wir dann nach einem Sommer wieder wegnehmen. Was bleibt, ist also die Netzbrücke, sind natürlich das Wohnquartier, die Sportflächen in Altenmünster und das umgestaltete Gleisdreieck. Die Laga-Flächen könnten künftig beispielsweise auch für das Kulturwochenende genutzt werden. Auch die schonende Öffnung der Jagst­auen und deren Einbindung in das Stadtgebiet schaffen für die Zukunft hoch­wertigen und attraktiven Naherholungsraum.

Es ist nicht sicher, dass Crailsheim die Landesgartenschau bekommt. Die Pläne liegen aber auf dem Tisch. Würden diese im Falle einer Niederlage einfach wieder in der Schublade verschwinden oder gibt es Möglichkeiten, sich unabhängig vom Erfolg der Bewerbung an verschiedenen Punkten auf den Weg zu machen?

Diese Erwartungshaltung gibt es. Aber ich denke, da muss man realistisch sein. Die Umsetzung wird schwierig, sonst bräuchten wir die Landesgartenschau ja nicht. Diese Maßnahmen würden politisch immer mit anderen Maßnahmen im Wettbewerb stehen. Und wenn man nicht auf ein konkretes Ziel hinarbeitet, ist das möglicherweise wie bisher beim Thema Stadthalle: Man schiebt es immer weiter in die Zukunft. Ich gehe nicht davon aus, dass wir diese Maßnahmen ohne Landesgartenschau bis in die 2030er-Jahre realisieren können.

Bad Mergentheim ist ein Mitbewerber Crailsheims und ging bereits zweimal leer aus. Es ist schwer vorstellbar, dass man die Stadt ein weiteres Mal in die Röhre schauen lässt. Haben Sie Sorge?

Der Gedanke ist natürlich da, aber er bringt uns nicht weiter. Wir stehen im direkten Wettbewerb mit Bad Mergentheim, weil ich nicht davon ausgehe, dass zwei Veranstaltungen hier in den Nordosten des Landes vergeben werden. Ich bin aber zuversichtlich: Wenn es keine Konzessionsentscheidung geben soll, sondern die Inhalte entscheidend sind, haben wir gute Chancen.

Sie haben ja im Wahlkampf immer darauf hingewiesen, dass Sie nicht nur für acht Jahre bereitstünden, sondern auch gerne länger das Rathaus führen würden. Erstens: Gilt das noch? Zweitens: Gehen Sie davon aus, dass OB Grimmer die Landesgartenschau eröffnet?

Die Chance ist natürlich höher, wenn es die 2032er-Laga ist, dann ist nämlich nur eine Wiederwahl notwendig. 2034 und 2036 bin ich gleich doppelt auf das Wohlwollen der Bürgerinnen und Bürger angewiesen. (lacht)

An Ihnen soll’s nicht liegen?

Es ist eine große Herausforderung, zu den Oberbürgermeistern zu zählen, die nicht nur eine Landesgartenschau in die Stadt geholt haben, sondern sie dann auch durchführen. Meine Motivation ist groß, Projekte selbst erfolgreich abzuschließen.

Erfolgreiche Rückkehr in die Heimatstadt


Zur Person Dr. Christoph Grimmer, Jahrgang 1985, kommt aus Crailsheim, machte sein Abi­tur am Albert-Schweitzer-Gymnasium und studierte in Hamburg Sportwissenschaft (Fachrichtung Medien und Journalistik). Nach der Promotion und einem Abstecher in die politische Kommunikation kehrte Grimmer 2017 nach Crailsheim zurück – als OB-Kandidat. Im ersten Wahlgang setzte er sich gegen elf Mitbewerber durch und trat das Amt im Februar 2018 an. Den Willen zur Laga-Bewerbung hatte der Gemeinderat da schon bekundet. sebu