Die beste Bewerbung kommt aus Crailsheim – diesen Anspruch hat Bürgermeister Jörg Steuler formuliert. Damit die Stadt tatsächlich den Zuschlag für eine Landesgartenschau in den 2030er-Jahren erhält, hatte die Stadtverwaltung kürzlich zum Ideensprint ins Rathaus eingeladen. An zwei Tagen erarbeiteten Bürgerinnen und Bürger Vorschläge, wie eine Landesgartenschau in der Stadt an der Jagst aussehen könnte.

Professor Dr. Heiner Monheim fordert mehr ÖPNV in Crailsheim

Damit die Akteure so richtig in Fahrt kommen, waren den Workshops Impulsreferate von Experten aus ganz Deutschland vorgeschaltet worden. Für hohes Tempo sorgte gleich zu Beginn Professor Dr. Heiner Monheim, einer der Experten für Mobilität in Deutschland. Er reist zu seinen Vorträgen stets mit Bahn und Falt­rad an, um vor Ort sofort die Situation erkunden zu können.

Die Situation in Crailsheim löste bei ihm sowohl Freude als auch Ärger aus. Als „Verkehrsplanung aus dem letzten Jahrhundert“ geißelte er die große Kreuzung am alten Landratsamt. Gar nicht verstehen kann er, warum die Gartenstraße neu gebaut wird, aber keinen Radweg aufweist. Oft höre er, dass eben nicht genügend Platz vorhanden sei, doch das sei oft auch eine Frage der Prioritäten. Für ihn ist es „geradezu ein Drama“, dass Klein- und Mittelstädte glauben, es gebe keinen attraktiven Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Zu viele Politiker hätten eben noch immer zu viel Auto im Kopf. Der Beweis, dass es auch in Städten wie Crailsheim einen richtig guten ÖPNV geben kann, sei längst erbracht. Gerade in Crailsheim seien die Voraussetzungen doch gut, es gebe viele schöne Plätze in der Stadt, „aber wieso sehe ich da keine Bushaltestellen?“

Crailsheim

Professorin Dr. Gabi Troeger-Weiß will, dass Crailsheim Modell-Stadt wird

Ein Ideen-Feuerwerk zündete auch Professorin Dr. Gabi Troeger-Weiß, Inhaberin des Lehrstuhls für Regionalentwicklung an der Technischen Universität Kaiserslautern. Für sie bedeutet eine Landesgartenschau-Bewerbung Aufbruch. Für Crailsheim, eine von knapp 600 Mittelstädten in Deutschland, sieht sie große Chancen. Städte wie Crailsheim, die zwischen Metropolregionen liegen, seien als Wohnplätze zunehmend gefragt. Sie hält es für wichtig, dass Crailsheim Modell-Stadt für irgendetwas wird. Da falle ihr 5G ein, aber auch Flugtaxis, oder ein Wissensquartier („Hochschulen werden immer mehr zu Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung“). Sie könne sich aber auch Baumhäuser an der Jagst vorstellen oder Hausboote auf dem Fluss.

Im Vorfeld einer Landesgartenschau müsse auch mal groß und unkonventionell gedacht werden dürfen. Ihr Vorschlag für ein Arbeitsmotto für die kommenden Monate: „Landesgartenschau ist ‚grün’ plus XXL“. Dazu gehört für sie auch, dass künftig vor allen städtischen Maßnahmen ein Klima-Check durchgeführt wird.

Tina Heine fragt: Wem gehört die Stadt?

Teilweise sehr grundsätzliche Ausführungen zum Thema Kultur und Stadtentwicklung machte Tina Heine. Sie lehrt an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und am Mozarteum in Salzburg. Wem gehört eigentlich die Stadt, lautete ihre Grundsatzfrage. Den Grundstücksbesitzern? Den Autofahrern? Den Geschäftsleuten? Eigentlich, so ihre Vision, sollte die Stadt allen Bürgerinnen und Bürgern gehören, damit sie auch für alle attraktiv ist. Die zunehmende Privatisierung öffentlicher Flächen ist für sie ein Problem. Kultur brauche öffentlichen Raum, benötige eine Atmosphäre der Möglichkeiten. Sie hält es für wichtig, dass die Crailsheimerinnen und Crailsheimer zunächst einmal ihre Bedürfnisse, ihre Ansprüche an die Stadt formulieren, bevor geschaut wird, ob dafür Räume vorhanden sind, beziehungsweise geschaffen werden müssen. Für sie steht fest, dass alle Bürgerinnen und Bürger Gestaltungskompetenz haben, und nicht nur Fachleute. Die Rolle der Verwaltung ist für sie klar: „Die muss ermöglichen und nicht verhindern.“ Wenn sie nichts tue, müsse die Bürgerschaft bereit sein, „in Grauzonen zu gehen, dann gibt’s Veränderung“.

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Landschaftsarchitektin: Naturschutz und Naherholung muss zugleich möglich sein

Mit Veränderungen setzte sich auch die Landschaftsarchitektin Anette Traub auseinander. Eine Landesgartenschau rückt Flächen ins Rampenlicht, die bislang mehr oder weniger sich selbst überlassen waren. Eine solche Schau erhöht oft auch den Nutzungsdruck, der auf bestimmten Gebieten lastet. Traub wies darauf hin, dass die gesamte Crailsheimer Jagstaue unter Schutz steht. Es gehe also auch hier um die Gretchenfrage: Naturschutz oder Naherholung? Für Traub ist die Frage falsch gestellt. Es gehe nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Sie sprach von „gezielter Zugänglichkeit“ mancher Naturräume. Das heiße im Umkehrschluss, dass es auch Zonen geben muss, „wo keiner rein darf“. Die Kunst der Planung bestehe also darin, beide Bedürfnisse, Schutz und Nutzung, auszutarieren.

Armin Dellnitz: Crailsheim ist eine tolle Stadt

„Crailsheim ist eine tolle Stadt.“ War das professionelle Freundlichkeit, oder steckt mehr hinter diesem Kompliment? Armin Dellnitz aus der Landeshauptstadt, Geschäftsführer der Stuttgart-­Marketing GmbH und Vizepräsident des Deutschen Tourismusverbandes, sieht Potenzial in der Stadt an der Jagst, hat aber auch einen klaren Arbeitsauftrag mitgebracht: „Welche Botschaft wollen Sie transportieren?“ Auch eine wichtige Erfahrung hatte der Tourismusexperte im Gepäck: „In der Innenstadt muss man sich wohlfühlen können, das ist überall die Voraussetzung für Tourismus.“ Ob er das mit Blick auf die Lange Straße gesagt hat, weiß man nicht.

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