Lastwagenweise wird Erde auf eine Plane gekippt. Am Ufer der Jagst entsteht eine Arbeitsplattform, von der aus Bagger und schweres Gerät in die Jagst gebracht werden können, ohne dass die Uferböschung Schaden nimmt. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Fischtreppe am Wehr der Herrenmühle. Gepflastert wird dieser Weg mit Muschelkalkblöcken in unterschiedlichsten Formen und Größen, die aus der Würzburger Gegend angeliefert und im Fluss verteilt werden. Für Bauleiter Alexander Arnold von der Firma Zehe ist der Bau einer solchen Fischtreppe Routine; er hat „tagtäglich“ mit Wasserbau zu tun. Für Crailsheim ist das Ganze neu.

Bis Ende August werden er und sein Team zwei Wege in der Jagst anlegen und den Fischen und anderem Getier erstmals wieder die Möglichkeit geben, an dieser Stelle weiterzukommen. Das Hindernis Herrenmühlenwehr ist dann nicht länger unüberwindbar. Der Stadt geht es dabei nicht nur um die Fische: Der Bau dieser so genannten rauen Rampe bringt Ökopunkte, die dringend gebraucht werden, wenn beispielsweise ein neues Bau- oder Gewerbegebiet ausgewiesen wird.

Auf der einen Jagstseite entsteht ein Fischaufstieg, sieben Meter breit und 45 Meter lang, dafür mit so geringer Neigung – rund 3,3 Prozent – und mit so vielen Störsteinen versetzt, dass die Fische über diese raue Rampe auch gegen den Strom schwimmend das Wehr überwinden können. Auf der anderen Seite, Richtung Innenstadt, ist nach dem gleichen Prinzip ein Fischabstieg vorgesehen. Beide Wege zusammen sollen an dieser Stelle eine vollständige ökologische Durchgängigkeit der Jagst ermöglichen. Gleichzeitig, so gibt die Stadtverwaltung bekannt, werde die Jagst an Aufenthaltsqualität und Attraktivität gewinnen – andere Städte haben mit vergleichbaren Projekten, mit gurgelnd-sprudelndem, sich an den Felsen brechendem Wasser durchweg gute Erfahrungen gemacht.

Im Zuge der Arbeiten sollen verschiedene Sanierungsarbeiten am Wehr selbst durchgeführt werden. Während dieser Bauphase ist der Fußweg vom ZOB zum Herrensteg gesperrt. Die Umleitung für Radfahrer und Fußgänger ist ausgeschildert.

Schwäbisch Hall

Verzicht auf Fördermittel

Das Projekt wird ohne Fördermittel des Landes Baden-Württemberg verwirklicht. Weil auf den möglichen 240.000-Euro-Zuschuss verzichtet und alles mit städtischen Mitteln finanziert wird, werden Crailsheim 952.000 zusätzliche Ökopunkte gutgeschrieben, insgesamt 1,12 Millionen – die, so der damalige Baubürgermeister Holl, für anstehende Entwicklungsprojekte gebraucht werden. Insgesamt sollen in die Fischtreppe rund 280.000 Euro investiert werden.

Günstiges Verhältnis

Das sind sehr viele Ökopunkte für vergleichsweise geringen Aufwand und zu vernachlässigende Folgekosten: Herbert Holl hatte vorgerechnet, dass für knapp eine Million Ökopunkte auf einer Länge von 19 Kilometern fünf Meter breite Feldhecken auf Äckern angelegt werden müssten – was ohnehin knappe landwirtschaftliche Fläche kosten und erheblichen Pflegeaufwand bedeuten würde. Allein für die derzeit geplanten Baugebiete würden rund vier Millionen Ökopunkte benötigt.

Im Gemeinderat wurde infrage gestellt, ob diese raue Rampe wirklich ökologisch sinnvoll ist; es hatte eine ganze Reihe von Gegenstimmen gegeben.

Das könnte dich auch interessieren:

Stellungnahme und Informationen aus dem Umweltschutz


Grundsätzlich, so Martin Zorzi vom Umweltzentrum Schwäbisch Hall zum Vorhaben der Crailsheimer Fischtreppe, begrüße er solche Maßnahmen. Die Verlagerung sehe er aber kritisch, „weil sie als Ausgleich nur einem speziellen aquatischen Lebensraum nützt, jedoch die Eingriffe, die damit wettgemacht werden sollen, mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz andere Wertigkeiten in der Natur betreffen.“ Zudem sei, so Zorzi in seiner Stellungnahme, „die Wiederherstellung der Durchgängigkeit ja schon der Ausgleich dafür, dass man diese jahrhundertelang unterbunden hat. Man beseitigt einen Schaden und will das nun auch noch mit anderen Schäden verrechnen.“

Auf die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, wo doch an vielen anderen Stellen der Jagst kein Durchkommen ist, antwortet Martin Zorzi mit einem eindeutigen Ja. „Denn irgendwo anfangen und weitermachen muss man, sonst wird das nie was.“ Irgendwann werde auch noch die letzte Blockade gelöst, und mit jeder Rampe zwischen zwei Wehren verbinde und vergrößere sich auch ein Teil-Lebensraum. Für Zorzi entscheidend sind die Ausführung und vor allem die Positionierung der rauen Rampe. „Es muss ein Lockströmung zur Rampe geben, sodass die Fische nicht wie seither unterm Wehr stehen und nicht weiterkommen.“

Nahezu alle Fische bewegen sich im Fluss – und sei es nur dann, wenn sie durch ein starkes Hochwasser abgetrieben werden und anschließend versuchen, wieder in ihr altes Revier zu kommen. Außerdem profitieren nicht nur Fische von einer rauen Rampe, sondern auch unzählige wirbellose Tiere. Und Martin Zorzi zufolge ist das „mindestens genauso wichtig“.

In der Jagst gibt es über 20 heimische Fischarten. Als wandernde Arten nennt Martin Zorzi vor allem Barbe, Nase, Döbel und den Aal – wobei Letztere auch eingesetzte Exemplare sein könnten. Bei den Wirbellosen handelt es sich um Krebse, Egel, Würmer und Insektenlarven etwa von Steinfliegen oder Libellen, die eigentlich keine großen Strecken zurücklegen. Bei lokalen Schadereignissen sei es aber wichtig, dass sie wieder einwandern können.

Info


Ganz gleich, ob Straßenbau oder andere Bauvorhaben: Eingriffe in Natur und Landschaft müssen ausgeglichen werden – dafür bietet sich das Anlegen oder Aufwerten von Biotopen an, Maßnahmen zur Verbesserung der Boden- oder der Wasserqualität oder die Förderung seltener Arten. Über ein Ökokonto und Ökopunkte werden Eingriff und Ausgleich miteinander verrechnet.