DeWayne Russell und Sebastian Herrera sind die einzigen, die schon in der letzten Saison bei den Merlins waren und den Klassenerhalt knapp geschafft haben. In dieser Runde haben sie noch einmal einen richtigen Sprung in ihrer Entwicklung gemacht. Waren in der Vorsaison ihre Leistungen manchmal noch schwankend, haben sie sich inzwischen zu unersetzlichen Leistungsträgern entwickelt.

Und so waren die beiden auch am Samstagabend wieder Crailsheims Topscorer mit 22 beziehungsweise 17 Punkten, obwohl sie sicherlich nicht ihren besten Tag erwischt hatten.  Im  Magenta-Interview gab Russell später offen zu, „ich habe heute Fehler gemacht, die mir normalerweise nicht passieren.“  Kurz vor Ende der regulären Spielzeit vergab der Topstar der Merlins beim Stand von 82:82 den möglichen Siegtreffer aus der Mitteldistanz und die Partie ging in die Verlängerung.

Russell entscheidet das Spiel zugunsten der Merlins

Dennoch gab es für ihn wie auch für das ganze Merlins-Team am Ende wie so schon so oft in dieser starken Saison Grund zum Feiern – und daran hatte Russell entscheidenden Anteil. Der 26-Jährige übernahm Verantwortung und traf in der Verlängerung fünf Sekunden vor Spielende zum 92:91-Endstand und der Auswärtssieg bei den Hamburgern war perfekt. Getragen von „Merlins-Oberfan“ Achim Huthman feierte Russell anschließend mit den Supportern noch lange den Sieg. Die Hamburger hingegen bleiben weiterhin zuhause sieglos und rutschen auf den letzten Tabellenplatz ab.

„Es war zwar nicht das feinste, aber dafür ein intensives Kampfspiel“, freute sich Crailsheims sportlicher Leiter Ingo Enskat über den hart erkämpften Auswärtssieg. „Wir haben heute einfach zu viele unnötige Fehler gemacht.“ Dennoch freute er sich über die tolle Moral seines Teams, das zu Beginn der Verlängerung nach einigen Unkonzentriertheiten bereits einem Sechs-Punkte-Rückstand hinterher laufen musste.

Mit Heiko Schaffartzik, Prince Ibeh und Malik Müller mussten die Hamburger gleich auf drei wichtige Stammkräfte verzichten. Bei den Crailsheimern fehlte weiterhin Topscorer Javontae Hawkins. Zudem war für Jeremy Morgan bereits nach wenigen Minuten die Partie beendet, als er sich bei einem Abwehrversuch am rechten Fuß erneut verletzte. Dafür konnten die Gäste nach langer Verletzungspause endlich wieder auf Quincy Ford als Stabilisator zurückgreifen.

Mit viel Energie starteten die Merlins in diese Partie: Spektakulärer Korb von Aaron Jones,  ein Dreier von Jeremy Morgan und ein Korb von DeWayne Russell sorgten für eine schnell 7:0-Führung nach weniger als zwei Minuten.  Rund 260 Merlins-Fans hatten die weite Reise in die Hansestadt auf sich genommen, um ihr Team auf dem Weg in die Playoffs zu unterstützen.

Zauberer müssen gegen die Hamburg Towers kämpfen

Nach anfänglichen Schwierigkeiten fanden die Nordlichter immer besser in die Partie  und kamen Mitte des ersten Viertels bis auf zwei Punkte heran. Bei dem Liganeuling sorgte vor allem der Mexikaner Jeremy Guitterez  immer wieder für Unruhe in der Defense der Gäste. Nach einem insgesamt starken ersten Viertel stand es 30:21 aus Sicht der Gäste. „Wir haben gut angefangen und das Spiel kontrolliert“, war Enskat zufrieden

Mit einem tollen Pass von Russell auf Aaron Jones erzielten die Merlins gleich die ersten Punkte im zweiten Viertel spektakulär durch einen Alley-Oop.  Vor allem in der Defensive der Hamburger  gab es immer wieder große Lücken, die die Crailsheimer konsequent nützten. Dennoch konnten sich der Tabellenvierte nicht weiter absetzen, der etwas zu nachlässig wurde. So kamen die Towers nach  knapp 17 Minutenmit einem 11:0-Lauf auf zwei Punkte heran.  Gästecoach Tuomas Iisalo regte sich über eine Schiedsrichterentscheidung auf und kassierte deshalb  ein technisches Foul. Die Towers bauten ihren Serie auf 16:0-Punkte aus, ehe Iisalo beim Stand von 39:42 aus Sicht der Crailsheimer eine Auszeit nahm. „Die Hamburger bringen mehr Physis in ihr Spiel, wir müssen dagegen halten“, forderte er seine Spieler in einer emotionalen  Ansprache auf. Die Crailsheimer wirkten im zweiten Viertel wie gelähmt, kassierten einige völlig unnötige Turnovers und lagen zur Pause mit 45:48 im Hintertreffen. „Wir haben unsere Linie verloren und wurden zu passiv“, so Enskat.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit wechselte die Führung in einem nun offenen Schlagabtausch mit einigen recht leichten Fehlern auf beiden Seiten hin und her. Beim Stand von 57:57 kassierte Bogdan Radosavljevic ein technisches Foul. Mit insgesamt fünf Fouls war das Spiel für den Hamburger Kapitän bereits nach rund 24 Minuten beendet. Er hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt und  kam insgesamt nur auf zwei Punkte. Das Fehlen Morgans machte sich bei den Crailsheimern vor allem in der Offensive bemerkbar, immer wieder fehlte eine passende Anspielstation. Doch die Partie blieb spannend,   denn auch bei den Hamburgern gelang nicht alles und beide Teams verteidigten nun deutlich besser. Mit einem Dreier sorgte Sebastian Herrera schließlich für die 68:67-Gästeführung vor dem letzten Viertel.

Erneuter Schockmoment

Sechs Punkte von Russell ließen die Crailsheimer wieder auf sieben Punkte davon ziehen, auch weil die Towers über vier Minuten ohne einen einzigen Korberfolg blieben.  An der intensiven Verteidigung der Hamburger bissen sich die Crailsheimer nun immer öfter die Zähne aus.  Und dann auch noch ein erneuter Schockmoment: Mit schmerzverzehrtem Gesicht blieb Russell ohne Gegnereinwirkung liegen, doch es stellte sich letztlich nur als Krampf heraus. Russells Fehlen hätte den Gastgebern noch mehr Auftrieb geben können, doch sie kamen nicht zu entscheidend vielen Erfolgserlebnissen, auch weil der anfangs so starke Gutierrez einige relativ einfache Korbleger liegen ließ. Der Mexikaner kassierte nach einem Wortgefecht mit Jan  Span zudem sein zweites technisches Foul drei Minuten vor Spielende, was für den Topscorer der Hamburger (25 Punkte) das Aus bedeutete. Nach einem Offensivfoul von Herrera kamen die Towers  17 Sekunden vor Spielende zum 82:82 und in der Halle wurde es richtig laut. Der schon sicher geglaubte Sieg hing für die Merlins plötzlich am seidenen Faden. Russell traf bei seinem letzten Wurf kurz vor der Schlusssirene nicht und so hieß es „Overtime in Hamburg“.

Nach einem zerfahrenen letzten Viertel mit vielen Fehlwürfen und Ballverlusten auf beiden Seiten  nahm dieses jedoch jederzeit spannende Spiel  noch einmal an Dramatik zu. Zu Beginn der Verlängerung gab es einige unnötige Ballverluste auf Crailsheimer Seite. Plötzlich führten die Hamburger mit 88:82, auch dank dem Holländer Jannik Franke, der insgesamt 22 Punkte beisteuern konnte, und dem starken Michael Carrera, der neun Rebounds und 23 Punkte auf dem Box-Score zu verzeichnen hatte.

Doch Russell übernahm erneut Verantwortung und brachte mit fünf Punkten in Folge die Gäste zwei Minuten vor Spielende wieder auf einen Punkt heran. Fabian Bleck traf per Dreier und die Merlins führten wieder mit 90:89. Crailsheim hatte anschließend dreimal die Chance, die Führung auszubauen, doch der Ball wollte einfach nicht in die Reuse fallen. Hamburg traf zum 91:90 und  noch zehn Sekunden waren zu spielen. Russell machte im Gegenzug mit seinen Punkten 21 und 22 den insgesamt verdienten Auswärtssieg doch noch perfekt und war am Ende der Matchwinner. „Was für ein Spiel – Wahnsinn“, jubelte Crailsheims Trainer Tuomas Iisalo. „Meine Jungs haben einmal mehr Charakter gezeigt.“

So spielten sie


Hamburg – Crailsheim

91:92

Hamburg: Gutierrez (25), Carrera (23), Franke (22), Holland (9), Beech (6), Walker (2), Radosavlijevic (2), Hollatz (1), Ogunsipe (1), Yebo, Freese

Crailsheim: Russell (22), Herrera (17), Jones (15), Span (11), Bleck (10), Stuckey (9), Morgan (6), Ford (2), Kovacevic

Viertel: 21:30, 27:15, 19:23, 15:14, 9:10 (OT)
Rebounds: 43:45
Steals: 16.11
Turnover: 18:22
Dreier: 6/23:12/37