Die Favoritenrolle vor dem Spiel war klar: Der amtierende deutsche Meister Bayern München  empfing gestern am späten Nachmittag im mäßig gefüllten Audi-Dome den Beinahe-Absteiger der Vorsaison aus Crailsheim. Allerdings hatten die Gastgeber das schwere Auswärtsspiel in der Euro-League am Freitagabend in Istanbul in den Knochen. „Wir hoffen darauf, dass die Bayern ein bisschen müde sind“, sagt Merlins-Coach Tuomas Iisalo vor dem Spiel.

Nachdem Greg Monroe  die ersten Punkte für Bayern erzielt hatte, konterten die Crailsheimer mit einem Dreier durch Quincy Ford und gingen mit 3:2 in Führung.  Ärgerlich allerdings für die Gäste, dass De Wayne Russell nach nicht einmal zwei Minuten mit zwei Fouls bedacht schon wieder auf der Bank Platz nahm.  Crailsheim begann nervös und leistete sich anfangs zu viele einfache Ballverluste gegen die physisch starken Münchner. So zogen die Bayern schnell auf 10:3 davon.

Die starken Gastgeber um den herausragenden Monroe, der mit zwölf Punkten Topscorer des ersten Durchgangs war,  fanden immer wieder eine Lücke in der Defensive der Gäste, waren fast immer einen Schritt schneller als die Crailsheimer und zogen auf 16:6 nach sechs Minuten davon.  Danach war das erste Viertel relativ ausgeglichen und endete schließlich mit 20:13. Die Crailsheimer hatten 16 Versuche auf den Korb, allerdings  waren sie nur fünfmal dabei erfolgreich – das war zu wenig.

Crailsheim

Hakro Merlins verkürzen ihren Rückstand gegen die Bayern

Start nach Maß für die Hohenloher, die nach dem verletzungsbedingten Fehlen  von Jeremy Morgan mit kurzer Rotation spielten,  ins zweite Viertel. Sie konnten zwischenzeitlich den Abstand auf fünf Punkte verkürzen. Die Gäste standen nun besser in der Verteidigung und legten ihren Respekt vor dem scheinbar übermächtigen Gegner immer mehr ab.  Bei ihren Offensivaktionen hatten die Gäste mit ihrem guten Passspiel einige überraschende Ideen parat, doch zu oft kam das letzte Zuspiel vor dem Korbversuch zu ungenau.  Das Spiel war nun dennoch relativ ausgeglichen, auch wenn die Defensive der Merlins immer wieder Probleme im Eins-gegen-eins hatte.  Beim Stand von 31:41 aus Sicht der Crailsheimer nahm Iisalo die erste Auszeit.  Zehn Punkte betrug der Rückstand schließlich zum Ende der ersten Hälfte (35:45). 73  Prozent Trefferquote aus dem Zweierbereich und eine starke Defense waren ausschlaggebend für die solide Führung des Heimteams.

Ingo Enskat, Crailsheims sportlicher Leiter, schaute zur Halbzeitpause unzufrieden drein: Von 26 Wurfversuchen landeten nur elf in der Reuse. „Es hat zu lange gedauert, bis wir ins Spiel gefunden haben. Wir waren einfach am Anfang nicht richtig wach“, sagte er im Halbzeitinterview bei Magenta Sport. „Danach lief es ganz vernünftig. Aber vernünftig reicht wohl nicht zum Gewinnen.“ Auch zu dem längerfristigen verletzungsbedingten Ausfall von Jeremy Morgan bezog er Stellung: „Wir beobachten den Markt, wollen aber keine Kurzschlussreaktion aufgrund des Ausfalls.“

Bereits nach zwei Minuten im dritten Viertel erneut eine Auszeit. Crailsheims Coach Iisalo war unzufrieden mit dem Passspiel seines Teams, „ihr haltet den Ball viel zu lange.“ Die Reaktion war ein schön heraus gespielter Dreier durch Quincy Ford, der die Gäste wieder auf acht Punkte heran brachte. Allerdings kassierte kurz darauf der zuletzt gegen Vechta überragende Russell sein viertes Foul. Immer stärker wurde hingegen Kapitän Sebastian Herrera, der seine Mitspieler gut in Szene setzte oder auch mal selbst zum Korb zog.

Crailsheim

Gegen Ende des Spiels zeigt Bayern München seine Überlegenheit

Kurz vor Ende des dritten Viertels betrug der Rückstand nur noch drei Zähler, nachdem Javontae Hawkins seine beiden Freiwürfe versenkt hatte. Jetzt wäre sogar der Ausgleich möglich gewesen, doch Sejad Kovacevic, der wahrlich nicht seinen besten Tag erwischt hatte, verlor den Ball in guter Position und die große Chance war vertan. So stand es nach 18 Punkten der Gäste im dritten Viertel  am Ende nur noch 57:53 für den haushohen Favorit, der nur zehn Punkte verbuchen konnte. Das Spiel war plötzlich völlig offen.

Die Crailsheimer blieben weiter dran und kamen sogar kurzzeitig bis auf einen Punkt heran. Allerdings erwies sich die hohe Foulbelastung Russells als ein Handicap in der Verteidigung.  Auch in der Offensive enttäuschte der Spielmacher völlig mit null Punkten. Zudem stand die Defensive der Bayern nun wieder viel stabiler als im dritten Viertel und sieben Minuten vor Schluss vergrößerte sich der Abstand wieder auf acht Punkte.

Die Crailsheimer zeigten zwar weiterhin großes Engagement, aber Kraft und Konzentration schienen immer mehr zu schwinden.  So wuchs der Vorsprung des Heimteams immer weiter an und am  nach einem 20:3-Lauf innerhalb von acht Minuten stand es plötzlich 77:60 – die Partie war entschieden. Zum Spielende leuchtete schließlich 82:63 für das Team aus der bayerischen Landeshauptstadt auf der Anzeigetafel. Das Bayern-Maskottchen im Weihnachtskostüm tanzte auf dem Parkett und feierte zusammen mit den Spielern einen letztlich verdienten Erfolg – den sechsten im sechsten Spiel, in dem die beiden Mannschaften aufeinander getroffen sind.  Allerdings können sich die Merlins trotz der am Ende zu hoch ausgefallenen Niederlage über eine wirklich gute Leistung freuen, mit der sie das Spiel gegen den Vorjahresmeister lange offen halten konnten.

Individuelle Qualität

„Nach einem verschlafenen Beginn haben wir immer besser zu unserem Rhythmus gefunden“, analysierte Merlins-Kapitän Sebastian Herrera nach Spielende. Im dritten Viertel war vor allem die Defensive der Crailsheimer  gut und hat nur zehn Punkte zugelassen. „Im Schlussviertel haben die Bayern aber dann gezeigt, was für eine hohe Qualität sie haben.“

Auch Enskat sieht die Münchner aufgrund ihrer Physis und individuellen Qualität als verdienten Sieger. „Wir haben es nicht geschafft, sie vor allem in den Eins-gegen-eins-Situationen vernünftig zu stoppen. So haben die Bayern relativ einfache Punkte bekommen, was man auch an der hohen Zweier-Wurfquote sieht.“ Dennoch habe seine Mannschaft insgesamt eine gute Leistung gezeigt. „Ärgerlich ist hingegen, dass wir in den letzten Minuten die Linie verloren haben. Das Ergebnis spiegelt so den Spielverlauf nicht richtig wider.“

Für die Bayern geht es bereits am Freitag weiter gegen Maccabi Tel Aviv. Dort wollen sie den ersten Auswärtssieg in dieser Euro League Saison feiern. Die Crailsheimer bleiben trotz der dritten Niederlage in dieser Runde auf dem fünften Tabellenplatz. Am Samstag kommt Frankfurt zum nächsten Rundenspiel.

So spielten sie


München – Crailsheim

82:63

München: Monroe (14 Punkte), Lucic (13), Nelson (13), Barthel (10), Lo (9), Flaccadori (9), Koponen (4), Zipser (4), Lessort (4), King (2) Radosevic

Crailsheim: Ford (19), Hawkins (14), Jones (13), Herrera (8), Bleck (6), Span (3), Kovacevic, Russell

Viertel: 20:13, 27:22, 10:18, 25:10
Rebounds: 28:22
Assists: 20:16
Steals: 10:8
Turnover: 14:17
Dreier: 5:8