Die Puppenstube wurde bei uns früher nur an Weihnachten ausgepackt“, sagt Roselinde Wahl, Leiterin des kleinen, aber sehr feinen privaten Puppenstubenmuseums in Ilshofen. Das erzählt sie auch auf den Führungen durch ihr Museum, „und die Leute haben dann Mitleid mit mir“. Aber das Mitleid sei völlig unangebracht, sagt sie. „So war die Puppenstube wirklich etwas Besonderes. Wir haben wirklich mit ihr gespielt.“

Puppenstuben sind noch heute etwas Besonderes für sie. „Sie sind ja auch Dokumente und Ausdruck ihrer Zeit.“ Mädchen und Jungen seien hier auf ihre künftigen Rollen vorbereitet worden. „Für die Mädchen gab es die Puppenstube, für die Buben die Eisenbahn.“

Puppenstuben zeigen aber noch mehr. Sie sind auch Abbilder der Einrichtungsstile und Designs ihrer jeweiligen Zeit. Und da kommt unser heutiges Objekt der Serie „Geschichte zum Anfassen“ ins Spiel.

Crailsheimer Holz- und Spielwarenfabrik war lange erfolgreich

Es zeigt einen Verkaufskarton der Crailsheimer Holz- und Spielwarenfabrik, original mit den noch in der Schachtel befestigten Möbel. Der Karton – es fehlt nur der durchsichtige Plastikschutz – stammt aus den späten 1960er- oder frühen 1970er-Jahren und ist heute im Depot des Stadtmuseums verwahrt.

Es erzählt ein Stück der Crailsheimer Nachkriegsgeschichte, und zwar die Geschichte von Richard Dietrich, der bereits im Erz­gebirge eine Spielwarenfabrik gegründet hatte – dort natürlich mit Spielzeug aus Holz.

1950 siedelte Richard Dietrich nach Crailsheim über und führte seine Firma weiter. Ab 1954 produziert sie, und zwar in einer Halle im Fliegerhorst, die Dietrich von der Stadt Crailsheim zur Verfügung gestellt bekam. Am Anfang waren die Möbel aus Holz, fein gesägt, geschreinert, bemalt.

Doch die Firma war immer auf der Höhe der Zeit. Sehr bald wurde auf Plastik umgestellt: Schon 1955 produzierten die Mitarbeiter Möbel aus Plastik. Besonderheit: Die Kinder konnten richtig gut damit spielen. Die Schränke und Schubladen gingen auf und zu, es gab jede Menge Zubehör.

Die Entwicklung der Modelle zeigt deutlich Veränderungen der Einrichtung, ist den Unterlagen im Stadtmuseum zu entnehmen. Während die ersten Küchenmöbel zum Beispiel aus Holz mit Linoleum-Auflagen gebaut wurden und es einen echten Küchenschrank gab, verabschiedet sich das Linoleum kurze Zeit später, und die Schränke werden durch Einbau- und Oberschränke ersetzt. Ab Beginn der 1960er-Jahre gehören ein Kühlschrank und ein Wasserboiler zur Ausstattung. In den Wohnzimmern folgt der Fernseher, der bei unserer Puppenstube noch ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt.

Puppenstube erinnert an vergangene Einrichtungsstile

Auch sonst waren die Crailsheimer vorn mit dabei: 1963 brachte die Firma in der Nachfolge ihres klassischen Tante-Emma-Kaufladens (der schon eine Kühltheke hatte) einen ersten Selbstbedienungs-„Supermarkt“ heraus, original mit Kasse und kleinem Einkaufswagen zum Schieben.

Kein Wunder, dass die Crailsheimer Spielwarenfabrik sehr erfolgreich war. Die großen Versandhandlungen und Warenhäuser bestellten in Massen. Aus Crailsheim gingen Lieferungen ins In- und Ausland. In den Wochen vor Weihnachten klebten bis zu 170 Frauen im Zwei-Schicht-Betrieb die Einzelteile zusammen. Nach Weihnachten wurden sie entlassen, um nach der nächsten Spielwarenmesse wieder angeheuert zu werden. Zeitweise verdienten 150 Mitarbeiter und 60 Heimarbeiter ihren Lohn mit den hübschen Kleinigkeiten. Zu Spitzenzeiten verließen zwei bis drei Waggons und ein Lastwagen Crailsheim – denn auch das ist ein Vorteil von Plastik: Produziert werden kann viel, billig und schnell.

Allerdings: Sie altern. Viel stärker noch als Holzmöbel, sagt die Crailsheimer Museumsleiterin Friederike Lindner, die „ihre“ Crailsheimer Möbel in einem dunklen, kühlen Depotraum unterbringt. „Licht schadet ihnen.“ Doch auch im Dunkeln löst sich der Schaumstoff der Wohnzimmersessel langsam auf. Das Material wird mürbe und geht kaputt. Schade eigentlich, denn die Möbelchen erfreuen noch heute und zeigen die Welt mit einem Crailsheimer Blick.

Die Fabrik wurde übrigens 1973 von der schottischen Firma „Model Toys Ltd“ übernommen und produzierte noch eine Zeit lang weiter. Doch die „Crailsheimer Spielwarenfabrik“ war damit Geschichte. Heute erinnern nur noch die hübschen Puppenstuben an sie. Und wer weiß, vielleicht gibt es in Crailsheim noch Familien, die ihre Crailsheimer Puppenstube zu Weihnachten auspacken? Jetzt wird es langsam Zeit, die alten Schachteln auf der Bühne zu sichten.