Da ist die Sache mit der Hemmschwelle. Wer bekennt schon im Bekanntenkreis: „Ach, gestern war ich im Erotikladen. War sehr interessant!“ Rolf Hohenstein kann dazu einige Geschichten erzählen, unter anderem die: „Manche Kunden parken nicht bei uns vor dem Haus, sondern ein paar 100 Meter entfernt.“ Obwohl die Parkplätze zur Crailsheimer Straße hin mit einer hohen Hecke eingefasst sind.

Anlässlich des sechsten Geburtstags hat er zum Pressegespräch geladen. Ein runder Geburtstag ist das nicht, aber dem Handelskonzept entsprechend, der G.29 führt den Slogan „Erotisches lustvoll einkaufen“. Die Zahl im Firmennamen steht ganz profan für die Hausnummer in der Gaildorfer Straße. Geschäftsführer Hohenstein lächelt: „Das Wort „Gaildorfer“ führt auch immer wieder zu Wortverwirrungen. Anrufer fragen, ob man es mit „e“ schreibt.“

Der längliche Firmenbau aus Nachkriegszeiten mit Satteldach hat nichts Erotisches an sich. Beim Hochsteigen über die breite Holztreppe in den ersten Stock riecht es nach Leder und Lack. Weinsensoriker würden von „animalischen“ Düften sprechen. Aber der Eintritt in den ehemaligen Nähsaal hat nichts von „schmuddeligem Hinterhof“. Das historische Eichenparkett und die dunkelgrauen Balken strahlen eine angenehme Wärme aus. Ein weiter Mittelgang tut sich auf, dadurch entstehen einzelne, thematisch gestaltete Bereiche. „Je weiter man nach hinten durchgeht, desto sportlicher wird es“, erklärt der Geschäftsführer. Die Zielgruppe sieht er bei 16 bis 96 Jahren.

Zu G.29 gehören erotische Skulpturen und Gemälde genauso wie Sexspielzeuge

Eine ältere Dame sei vor Kurzem gekommen, habe sich umgeschaut und erstaunt gesagt: „Das habe ich im ganzen Leben noch nicht ausprobiert!“ Auch im Alter könne man glücklichen Sex erleben. Ein Besuch im G.29 könne man mit einem Kochkurs vergleichen, aufgeschlossen erlebe man Inspirierendes.

Die Karl Hohenstein Lederbekleidungsmanufaktur gibt es seit 1924. Einige Produkte wie Korsagen entstammen der Traditionsfirma. Der Preisunterschied zur Importware ist da, aber es gibt auch den sensorischen Unterschied: Sie fühlt sich deutlich weicher und angenehmer an. „Im sechsten Jahr beginnt sich der G.29 zu tragen“, sagt Jutta Hohenstein. Über Umsatz und eventuelle Gewinne wird nicht gesprochen. Weiße T-Shirts mit dem Firmenaufdruck hängen neben Leder-Augenbinden, ein paar Meter daneben ist eine Reihe von Dildos aufgereiht. „Uns war klar: Wenn wir etwas bewegen wollen in der Stadt, dann müssen wir etwas anders machen“, sagt Jutta Hohenstein. Erotische Skulpturen und Gemälde gehören genauso dazu wie Schlüsselanhänger oder Unterwäsche.

Crailsheim

Geschäftsführer des Erotik-Shops setzen auf Events

Die beiden haben es so erlebt: Wer sich darauf einlässt, muss auch im menschlichen Sinne die Hose runterlassen. Viele Besucher würden ihnen tiefe Einblicke in ihr privates Sexleben gewähren. Ein paar Details gefällig? „Nein, wir sind verschwiegen wie ein Arzt“, sagt Rolf Hohenstein. „Aber es gäbe viel zu erzählen.“ Von Männern, die ihre Frau überraschen wollten – und diese das gar nicht lustig fand. Oder von Paaren, die nach dem gemeinsamen Besuch ihre persönliche Erfüllung gefunden haben.

Wo geht es hin in der Zukunft? „Ganz klar in den Eventbereich“, sagt der Geschäftsführer. „Die Leute wollen einen Anstoß bekommen, um einkaufen zu gehen.“ Dazu gehörten auch „Limited Editions“ von Bekleidungsstücken, damit Frau oder Mann etwas Einzigartiges auf der Haut trägt. Oder auch Lesungen wie die mit Susanne Wendel, die den Titel trug „Heute komme ich zuerst – leben und lieben ohne Kompromisse!“. Ein Grund mehr, nicht im Internet einzukaufen sondern inklusive persönlicher Beratung vor Ort.