Anna Szczepanska wurde immer wieder auf sich zurückgeworfen“, fasst Pfarrer Matthias Brix den Lebenslauf der katholischen Kollegin zusammen, mit der er so gut zusammenarbeitet und am heutigen Dienstag das erste ökumenische Friedensgebet am Klinikum organisiert. Die schwierigen Phasen der Neubesinnung, der Neuorientierung hätten sie stärker gemacht, gelassener, sagt sie. Eine Erfahrung, die sie mit vielen anderen teilt: Auf ruhiger See, heißt es, lernt niemand die Stürme zu meistern. Und der Weg zum Wachstum ist ein steiniger.

Im Glauben leben

Anna Szczepanska wurde Ende des Jahres 1975 in einer rein katholischen Gegend in Polen geboren. Erst in der weiterführenden Schule, erinnert sie sich, erfuhr sie, dass es evangelische und orthodoxe Christen gibt, „dass die Welt bunt“ ist. Auch die ökumenischen Gottesdienste, die sie im Theologiestudium kennenlernte, fand sie in erster Linie bereichernd. Der Glaube war immer Bestandteil ihres Lebens. Es war nur folgerichtig, in den Orden der Schwestern des Heiligen Josef einzutreten. Glücklich wurde sie dort nicht.

Sackgassen

„Je größer die Belastung, desto mehr esse ich“, sagt sie. Im Kloster habe sie zuletzt über 170 Kilo gewogen. Sie unterrichtete 30 Stunden Religion in der Woche, betreute die Erstkommunionkinder, Firmbewerber, zwei Jugendgruppen, eine Kindergruppe, und wenn sie dann nach Hause kam, ins Kloster, wurde sie, die junge, belastbare Schwester, gefragt, wo sie so lange bleibe, es gebe so viel zu tun. Schließlich, als sie in jeder Beziehung am Ende war, hat sie den Orden verlassen. „Das war nicht einfach“, sagt sie, und ihrer Erzählung ist zu entnehmen, dass das eine Untertreibung ist.

Noch im Kloster studierte sie nicht nur Theologie, sondern auch Informatik. Nach dem Austritt hatte sie einen guten Job, aber eben einen, der sie auch nicht glücklich machte. Den ganzen Tag am Rechner, heimkommen, ein bisschen spazieren gehen, fernsehen, schlafen: Das füllte sie nicht aus. „Ich brauchte Menschen.“

Der Weg nach Süddeutschland

Über verschlungene Wege, einfach weil sie nicht wusste, wo ihr Platz war, kam sie dann als Pflegerin in eine bei Augsburg lebende Familie. Sie kümmerte sich um den betagten Großvater, wurde aber, erinnert sie sich, behandelt wie ein Familienmitglied. Es ging ihr gut in dieser Zeit; von „Oma“ lernte sie das Zopfbacken und Linsen und Spätzle auf den Tisch zu bringen. Als ihre Hilfe nicht länger benötigt wurde, stand sie wieder vor einer entscheidenden Weiche: „Ich war keine 20 oder auch 30 mehr, nicht länger in einem Alter, in dem Menschen ihren Platz suchen. Ich wollte endlich Wurzeln schlagen.“ Drei Monate in Deutschland pflegen, danach zwei Wochen nach Polen zu gehen, immer wieder, so stellte sie sich ihre Zukunft nicht vor. „Deine Deutschin ist wieder da“ – bei ihrer Familie in Polen, hatte sie gehört, wie eine Nachbarin das zu ihrer Schwester sagte. In Süddeutschland wurde sie mit einem herzlichen „Ah, unsere Polin“ empfangen. Anna Szczepanska fühlte sich nirgends daheim. Und erkannte dann, dass sie lieber in Deutschland leben wollte, dass ihr der Alltag, auch der Umgang miteinander hier viel mehr entsprachen.

Wurzeln schlagen

Als sie sich beim Arbeitsamt nach ihren Möglichkeiten erkundigte, rannte sie mit ihren zwei Hochschulabschlüssen und ihren Erfahrungen offene Türen ein: „Die katholische Kirche braucht Menschen wie Sie.“ Eigentlich hatte sie ja, sagt sie, mit der Kirche abgeschlossen. Es war das „Gebrauchtwerden“, das sie schließlich überzeugte: „Die katholische Kirche in Polen braucht niemanden, meiner Meinung nach. Sie versorgt sich selbst mit ihren Geistlichen und hat keine Pastoralberufe für Laien.“

Seither ist die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihr Arbeitgeber. Nach ihrer Ausbildung war sie zunächst für die Familienpastoral der Seelsorgeeinheit Seegemeinden am Bodensee zuständig. Dann hat sie sich unter all den freien Stellen für die in Crailsheim entschieden, „weil diese Gemeinde eine Familienpastoral aufbauen und entwickeln wollte“.

Seit September 2017 setzt sie als Pastoralreferentin der Kirchengemeinde St. Bonifatius und Dreifaltigkeit in Crailsheim ihre Schwerpunkte in der Kinder- und Familienarbeit. Außerdem leitet sie die Firmvorbereitung und ist zuständig für die Begleitung der beiden katholischen Kindergärten, für die Feier von Wortgottesdiensten, Beerdigungen sowie gelegentlichen Predigtdienst. Vor allem aber will sie offen sein für die Menschen, denen sie begegnet, für ihre Sorgen und Ängste. Will Ruhemomente in den hektischen Alltag bringen, Geduld und Gelassenheit vermitteln.

Ihr Leben in Crailsheim genießt sie mit Ari, einer zweieinhalbjährigen Deutschen Dogge. Auch der Hund bedeutet für sie jetzt „Daheim sein“.

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Crailsheim

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Am heutigen Dienstag um 17 Uhr lädt sie gemeinsam mit Klinikseelsorger Pfarrer Matthias Brix zu einem „stillen Weg für Menschen mit und ohne Religion“ im und am Crailsheimer Klinikum ein. Treffpunkt ist der „Raum der Stille“ im Bereich des Altbau-Eingangs. In der Tradition des christlichen Friedensgebets gibt es an sieben Stationen kurze Impulse.