Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als der Schweinemarktplatz noch ein Parkplatz war? An legendäre Partynächte in der Diskothek Krokodil? Oder an den längsten Laufsteg der Welt mitten durch Crailsheim im Jahr 1992 – mit Majoretten, Sambatänzerinnen und hochtoupierten Models? Die Aktion landete sogar im Guinessbuch der Rekorde. Saßen Sie auch als Schüler auf den Treppenstufen von Bücher Baier und haben kostenlos Comics geschmökert? Und haben Sie sich bei Hosen Häberle in der Langen Straße eingekleidet bevor es zum Großeinkauf in den Grosso-Markt ging?

Name gibt die Richtung der Gruppeninhalte vor

Viele Crailsheimer tragen diese und viele weitere Erinnerungen in sich. Horst Henßen (72), ein Zugezogener, mit einer Crailsheimerin verheirateter und seit Jahrzehnten sich in Crailsheim heimisch fühlender Rentner, hat am 21. März, zu Beginn des Corona-Lockdowns, eine Facebook-Gruppe eröffnet, in der diese Erinnerungen geteilt werden können. Der Gruppenname Crailsheim Gestern-Heute-Morgen gibt schon die Richtung vor. Hier werden nicht nur Erinnerungen in Form von historischen Foto- und Filmaufnahmen und Texten gepostet, hier geht es auch um aktuelle Crailsheimer Themen und um Ideen und Visionen, wie sich die Stadt weiterentwickeln kann. „Es war mir wichtig einen Bogen zu spannen vom Gestern bis in die Zukunft hinein. Die Geschichte ist für mich die Grundlage. Von hier aus entwickelt sich die Stadt weiter“, erklärt Henßen.

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Crailsheim

Der Zeitpunkt für die Crailsheim-Gruppe war gut gewählt. Während die Stadt genau wie das ganze Land zum Stillstand kam, saßen die Menschen daheim und beobachteten mit großem Interesse, was der Eisenbahnfan, Kakteensammler und geschichtlich interessierte ehemalige Lehrer in die Gruppe postete – Fotos der letzten Dampfloks im Crailsheimer Bahnhof, blühende Kakteen, Postkarten mit alten Stadtansichten.

Mitglieder der Crailsheimer Gruppe sind sehr aktiv

Doch dabei blieb es nicht: Viele Crailsheimer schlossen sich der Gruppe an, sie zählt bereits mehr als 2250 Mitglieder. Und die Mitglieder sind äußerst aktiv und besitzen ebenfalls einen reichen Fundus an Crailsheim-Erinnerungen: Fast 72.000 Beiträge, Kommentare und Reaktionen gibt es inzwischen in der Gruppe.

Als Andy Ziemert (36), ein ehemaliger Schüler von Horst Henßen an der Eichendorffschule, die Gruppe mit seinen Facebook-Kontakten teilte, stieg die Mitgliederzahl sprunghaft an. Auch ehemalige Crailsheimer, die inzwischen auf der ganzen Welt verstreut leben und arbeiten, wurden zu Mitgliedern und begeisterten Erinnerungs-Teilern. „Die Gruppe ist wie ein digitales Fotoalbum, das man gemeinsam durchblättern kann“, sagt der gebürtige Crailsheimer. „Erinnerungen zu teilen stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Das ist gerade in diesen Zeiten sehr wichtig.“ Ziemert übernimmt in der Gruppe die Rolle des Moderators. Er postet Umfragen und Aufrufe, zum Beispiel erinnert er daran, die lokalen Geschäfte auch in Corona-Zeiten zu unterstützen.

Crailsheim

Gruppenadministrator Michael Klunker (51), Crailsheimer Geschäftsmann und Stadtrat, kümmert sich als Medienfachwirt um rechtliche Belange. So sorgt er dafür, dass auf historischen Aufnahmen keine Hakenkreuze zu sehen sind und bei aktuellen Fotos die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden. Und natürlich hat er auch selbst Erinnerungen, die er beisteuern kann. „Ich besitze rund 2000 Fotos und habe auf dem Sperrmüll mal eine ganze Kiste voller alter Postkarten gefunden. Es gibt noch Material für die nächsten Jahre!“

Wenn die Corona-Pandemie überstanden ist, soll es eine Ausstellung mit den schönsten Posts geben. Und ein Fest ist auch geplant. Denn viele der Crailsheimer, die sich im sozialen Netzwerk austauschen, wollen sich gern mal persönlich begegnen.