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Crailsheim
Crailsheim / Andreas Harthan  Uhr
Stehende Ovationen für Ulrike Durspekt-Weiler. Oberbürgermeister und Stadtarchivar würdigen das langjährige „außerordentliche Engagement“ der Ehrenbürgerin.

Wer, wenn nicht Sie.“ Das, was Stadtarchivar Folker Förtsch sagte, dachten am Samstagabend in der Ingersheimer Halle alle. Wer, wenn nicht Ulrike Durspekt-Weiler (80), hätte die Ehrenbürgerwürde der Stadt Crailsheim verdient. In einer Sondersitzung des Gemeinderates überreichte Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer die Urkunde an die gebürtige Crailsheimerin, nachdem der Stadtarchivar die „außerordentlichen Verdienste“ der Ehrenbürgerin gewürdigt hatte.

Ulrike Durspekt-Weiler ist als Mitglied der Fränkischen Familie nicht nur Crailsheimer Botschafterin, sondern, so Förtsch, „das „sympathische Gesicht der Stadt“. Aber nicht deshalb hat ihr der Gemeinderat die Ehrenbürgerwürde zuerkannt, sondern wegen ihres „vielfältigen Engagements“ (Förtsch) über Jahrzehnte hinweg. Die Bandbreite ihres Wirkens bezeichnete der Laudator als „beeindruckend“. Er nannte die Stichworte Kultur, Kommunalpolitik, Stadtgeschichte, Völkerverständigung und Brauchtum. Durspekt-Weiler sei für viele Crailsheimer „Vorbild und Identifikationsfigur“. Mit der „Doudi“ habe sie eine Figur erfunden, die längst „Kultstatus“ besitze. In dieser Rolle habe sie ihr schauspie­lerisches und kabarettistisches Talent ausleben können. Die „Doudi“ sei, so Förtsch, wie ihre Erfinderin: „geistreich, schlagfertig, humorvoll – aber nie verletzend“.

Jetzt steht der Termin fest: Am Samstag, 18. Mai, richtet Künzelsau für Dr. Alexander Gerst eine Welcome back Party aus.

Unermüdlicher Einsatz

Ausgezeichnet wurde Ulrike Durspekt-Weiler, die an der Musikhochschule in Stuttgart studiert hat, und vier Jahrzehnte lang an der Crailsheimer Musikschule unterrichtete, aber nicht wegen der „Doudi“, sondern wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für ihre Heimatstadt. Oberbürgermeister Grimmer hob hervor, dass solche Menschen gebraucht werden. Bürgerinnen und Bürger also, die sich für das Gemeinwesen einsetzen und in der Zivilgesellschaft Verantwortung übernehmen.

Maßstäbe gesetzt

Ulrike Durspekt-Weiler hat bei dem, was sie angepackt hat, immer wieder Maßstäbe gesetzt. 1960 gehörte sie zu denen, die die Jugendmusikschule ins Leben gerufen haben. Eine städtische Einrichtung, deren Erfolg ihr als stellvertretende Leiterin stets wichtig war. 1971 stand sie auf Platz 1 der Crailsheimer SPD bei der Gemeinderatswahl – und wurde als vierte Frau überhaupt ins Crailsheimer Stadtparlament gewählt. 1977 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Stadtturmstiftung. 1983 war sie die einzige Frau unter den Gründungsmitgliedern des Historischen Vereins. 1986 erweckte sie zusammen mit Manfred David die Fränkische Familie zu neuem Leben, und wurde weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, als sie in ihrer charmanten Art 2004 und 2009 bei der „Tafel der Demokratie“ in Berlin Bundespräsident Horst Köhler zu Tisch führte. Aber auch bei der Konzertgemeinde und der Theatergemeinde war sie aktiv, sie kümmerte sich um die Städtepartnerschaften, und sie versucht bis heute, der Hohenloher Mundart neues Gewicht zu verleihen. Immer wieder werden Sprachwissenschaftler bei ihr vorstellig, wollen ihren großen Wissensschatz nutzen.

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Appell vor der Wahl

Am Samstagabend zeigte sich Durspekt-Weiler „überwältigt“ von den vielen ehrenden Worten, doch es hat ihr nicht die Sprache verschlagen. Ganz im Gegenteil. Die Ex-Stadträtin nutzte die Gunst der Stunde, um zwei Wochen vor einer Wahl, deren Bedeutung inzwischen als historisch eingeschätzt wird, ein Plädoyer für ein geeintes Europa zu halten: „Nur gemeinsam sind wir stark.“

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Zwei Frauen unter acht Ehrenbürgern

Alois Paradeis erhielt 1884 die Ehrenbürgerwürde für seine außerordentlichen Verdienste um die Verschönerung der Stadt und ihrer Umgebung, Heinrich Krauß 1906 in Anerkennung seiner Verdienste um das Feuerlöschwesen, Richard Blezinger 1928 für seine botanischen und geologischen Forschungen sowie für die Errichtung der geologischen Pyramide, Friedrich Hummel 1946 für seine Erforschung der Stadtgeschichte und grundlegende Arbeiten für das Crailsheimer Heimatbuch, Friedrich Fröhlich 1964 für die 35-jährige Tätigkeit als Bürgermeister, der die Geschicke der Stadt vorbildlich und vorausschauend zum Wohle der Stadt gelenkt hat und auch freiwillig maßgebend am Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt mitgearbeitet hat, Theodora Cashel 1987 als erste Frau für ihre Verdienste im Zusammenhang mit den Hilfsleistungen nach 1945, Robert Demuth 2002 für seine jahrzehntelange nachhaltige und erfolgreiche Förderung der Städtepartnerschaft zwischen Worthington und Crailsheim, Ulrike Durspekt-Weiler 2019 für ihr jahrzehntelanges außergewöhnliches Engagement im kulturellen Leben der Stadt.