Wer mit Leuten redet, die ihn von früher kennen, um sich ein Bild von dem Menschen zu machen, der hört nette Dinge und der hört schlimme Dinge. Er hatte zwei Seiten, heißt es. Symbolisch dafür stehen die Beschreibungen, er habe „was auf dem Kasten gehabt“ und sei „mit allen Wassern gewaschen“. Aber einige Leute schweigen lieber, wenn man sie auf ihn anspricht. Das Ganze sei schließlich mehr als 30 Jahre her. Warum die alten Geschichten, die Gerüchte ausgraben? Ganz einfach, weil sie heute in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Der Mann machte in Crailsheim Karriere, von 1977 bis 1983 arbeitete er dort. Er verdiente gutes Geld, was sich auch in seinem Lebenswandel widerspiegelte. Wegen seiner Art des Auftretens und seiner Affinität zu jungen Frauen war er früher Stadtgespräch in Crailsheim. Es fallen Begriffe wie Womanizer und Sätze wie dieser: „Die Gespielinnen wurden immer jünger“ – und damit sind wir beim Thema.

Es geht um ­sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, Kinderpornografie und Menschenhandel. Der Mann, heute 76 Jahre alt, ist im April dieses Jahres in Puerto Plata in der Dominikanischen Republik zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das geht unter anderem aus einer Pressemitteilung hervor, die Polizei und Staatsanwaltschaft veröffentlicht haben. Darin wird sogar sein Name genannt. Es ist die längste Haftstrafe wegen Menschenhandels, die bisher in der Geschichte des Landes ausgesprochen wurde. Zudem muss der Deutsche als Wiedergutmachung eine Million Dominikanische Peso, rund 18.000 Euro, zahlen. Auf Youtube gibt es sogar ein Video, das ihn während der Gerichtsverhandlung zeigt. An einer Stelle ballt er die Fäuste.

Ehemaliger Crailsheimer Angestellter lebte vor seiner Reise in die Dominikanische Republik in Paraguay

Verhaftet wurde der Mann bereits im Oktober 2017 in der Dominikanischen Republik, die konzertierte Aktion nannte sich Operation Red Sash. Er hatte gerade eine 15-Jährige aus Haiti in seiner Gewalt. Dabei stellten die Ermittler jede Menge kinderpornografisches Material sicher, auf Kameras, CDs, Festplatten. Zudem fanden sie Drogen und Sexspielzeug. Später meldete sich ein weiteres Opfer.

An der Verhaftung beteiligt war die Operation Underground Railroad, eine Non-Profit-Organisation, die Regierungen weltweit bei der Rettung von Sexualopfern unterstützt, wobei der Schwerpunkt auf Kindern liegt. Die Meldung über den Zugriff illustriert die Organisation mit einem fast schon klischeehaften Foto des Mannes: nackter Oberkörper, Kette um den Hals, Schnurrbart, Brille, Bermudashorts, in der Hand Geldscheine.

Warum verschlug es ihn überhaupt in die Karibik? Nach seiner Zeit in Crailsheim versuchte sich der Mann mit einer Firma in Hohenlohe-Franken, eine Abfindung seines vorherigen Arbeitgebers könnte ihm den Neustart erleichtert haben. Doch irgendwann suchte er, warum auch immer, das Weite. Ziel: Paraguay. Dort baute er sich eine neue Existenz auf, leistete sich ein Haus und eine Wohnung. Doch er soll über seine Verhältnisse gelebt, an der Börse spekuliert und Geld verliehen haben.

Vielleicht ließ er sich mit den falschen Personen ein, vielleicht hatte es aber auch mit seinen sexuellen Vorlieben zu tun. Denn es gibt jemanden, der ihn mal in Paraguay besuchte und der sagt heute: „In der ersten Nacht hat er mir zwei nicht mal 16-jährige Mädchen ins Bett gelegt. Das war nicht meine Welt.“

Auf einem der vielen Besuche in der alten Heimat Crailsheim, besonders gerne zum Volksfest, nicht selten in Begleitung, soll der Mann erzählt haben, dass er nicht mehr an seinen Besitz in Paraguay käme. Es musste also ein Neuanfang her.

Reisekoffer war voll mit Kinderpornografie

Und so zog es ihn vor mehr als 20 Jahren in die Dominikanische Republik. „Auf dieser Insel scheint immer die Sonne, es geht laut, locker und meistens lustig zu.“ Diesen Satz von ihm gibt es sogar schriftlich. An die Zeit in Crailsheim denkt er gerne zurück, „herzerfrischend“ sei sie gewesen. Und er schreibt, dass er jetzt am Karibikstrand sein „Unwesen“ treibe. Dies versteht er als Scherz, es bekommt angesichts der Verurteilung aber eine ganz andere Dimension.

„Den Mädels hat er erklärt, er sei Fotograf und bringe sie groß raus.“ Das sagt einer, der ihm vor zehn Jahren die Freundschaft aufkündigte. Damals tauchte der Mann bei ihm in der Wohnung im Landkreis Schwäbisch Hall auf und packte stolz seinen Reisekoffer aus, der war voll mit Kinderpornografie. Er solle das gefälligst lassen, hieß es. Antwort: Aber das sei doch nicht schlimm, die Polizei täte sich selber daran ergötzen.

Was war in Deutschland?

Strafrechtlich scheint der Mann in Deutschland jedenfalls nicht in Erscheinung getreten zu sein, sieht man einmal von einem Fall von Nötigung im Straßenverkehr ab. Und was ist mit sexuellem Missbrauch von Kindern? Wurde früher einfach nicht angezeigt. Sagt ein ehemaliger Richter. Dass die 1980er-Jahre eine andere Zeit waren, zeigt allein schon der ­Umstand, dass die grüne Partei damals mit pädophilen Gruppierungen sympathisierte, die sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern legalisieren wollten.

Zurück in den Landkreis Hall, ins Jahr 2004. Ungefähr zu der Zeit nahm der Mann nicht nur Kontakt zu Freunden auf, sondern zu allen möglichen Leuten von früher. Er lieh sich von ihnen Geld, welches er dann nicht zurückzahlte. „Mit der Scheiße, seine Freunde auszunehmen“ habe er sich „zu seinem Nachteil verändert“, erinnert sich einer, der ihm mal den Rückflug zahlte. Jemand äußert diese Vermutung: Um sein Leben in der Dominikanischen Republik zu finanzieren, soll der Mann Hartz IV in Deutschland kassiert haben.

76-Jähriger wollte nach Europa fliehen

„Früher oder später schlägt ihn einer tot – oder er kommt in den Knast.“ Dieser Satz eines ehemaligen Freundes sollte sich zumindest teilweise bewahrheiten. Es dauerte nach der Verhaftung des Mannes im Oktober 2017 allerdings eineinhalb Jahre, bis er ins Gefängnis kommt. Warum er zwischendurch wieder auf freiem Fuß war, steht nicht fest. Die Rede ist davon, dass er eine Kaution hinterlegte. Fest steht: Der Mann hielt sich nicht an Meldeauflagen und tauchte unter. Es war ihm untersagt, die Dominikanische Republik zu verlassen. Schließlich wurde er bei einem Fluchtversuch über Haiti nach Paris festgenommen, an dieser Aktion war sogar Interpol beteiligt. Der Mann soll versucht haben, sich neue Papiere zu besorgen. Eine neue Identität sollte her.

Bei Facebook beispielsweise verwendet er ein Pseudonym. Sein Profilbild zeigt ihn mit einer deutlich jüngeren Frau. Unter seinen Freunden sind viele junge Frauen und einige ältere Männer. Sein letzter Eintrag stammt vom 25. April. Darin teilt er ein Video: Ein Kleinkind liegt auf einem Sofa und nuckelt an einer Flasche. Daneben liegt eine Bulldogge. „Pass auf den Hund auf. Er hat Gefühle“, steht unter dem Video.

Wird der Häftling nach Deutschland überstellt?

Jetzt sitzt der Mann im Gefängnis. „Hat lange genug gedauert“, „das wundert mich nicht“, so sagen sie in Crailsheim. Der Mann soll mal verheiratet gewesen sein, eine Tochter und einen Sohn haben. Im September wird er 77.

Was macht die Bundesrepublik Deutschland? Die Antwort des Auswärtigen Amtes kommt nach drei Tagen: „Der von Ihnen geschilderte Fall ist dem Auswärtigen Amt bekannt.“ Aber: „Weitere Angaben machen wir aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte des Betroffenen nicht.“ Dabei gibt es noch viele Fragen.

Der Mann wird allerdings betreut. Das regelt Artikel 36 des „Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen“. Die Behörden vor Ort sind verpflichtet, die deutsche Botschaft oder das deutsche Konsulat über die Verhaftung eines deutschen Staatsangehörigen zu informieren, wenn der Verhaftete das verlangt. Die Behörden müssen ihn auch auf dieses Recht hinweisen.

Und wie geht es für ihn im ­Gefängnis weiter? „Unabhängig vom Einzelfall existiert kein Auslieferungsabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Dominikanischen Republik“, schreibt das Auswärtige Amt. „Allerdings besteht grundsätzlich unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit einer Überstellung von deutschen Häftlingen aus dem Ausland zur weiteren Strafvollstreckung beziehungsweise Reststrafverbüßung in Deutschland. Eine solche Überstellung basiert immer auf einer Einigung zwischen Urteils- und Vollstreckungsstaat, die im Einzelfall getroffen wird.“

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