Endlich gibt’s am Sonntag wieder einen Gottesdienst.“ Diesen Satz hatte Pfarrer Bruno Münch häufig gehört, wenn er telefonisch oder über den Gartenzaun hinweg mit seinen Gemeindemitgliedern im Crailsheimer Stadtteil Roßfeld sprach. Und doch waren es nur wenige Besucher, die gestern Morgen den Weg in die Martinskirche fanden, um nach acht Wochen coronabedingter Auszeit erstmals wieder gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Zum Glück kamen nur wenige Gläubige, so musste niemand abgewiesen werden. Denn die Plätze waren begrenzt in den Kirchenbänken: 20 nummerierte Sitzplätze gab es, jeweils an den Enden einer Bankreihe. Nur jede dritte Bank wurde genutzt, die dazwischen liegenden Bänke waren mit Flatterband abgesperrt. Lediglich Ehepaare und Familien durften eng beieinander sitzen.

„Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, wie wir gemeinsam Gottesdienst feiern können, ohne das jemand dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt wird“, erklärte Pfarrer Münch. „Daher haben wir den vorgeschriebenen Abstand von zwei Metern noch etwas vergrößert.“ Da gestern nur wenige Kirchen im Kirchenbezirk Crailsheim zum Gottesdienst geladen hatten, sah er sich in einer Vorbildrolle.

Zum Hygienekonzept gehörte außerdem, dass der Zugang nur durch eine Tür möglich war, die Empore gesperrt blieb und jeder Kirchgänger ein Kärtchen mit Name, Adresse und Telefonnummer ausfüllen musste. Zusätzlich fotografierte Münch die Besucher zu Beginn des Gottesdienstes. Sollte ein Corona-Fall auftreten, könnten so Kontaktpersonen ermittelt werden.

Mesnerin Hannelore Staab hatte so viel zu tun wie nie zuvor: Sie war Platzanweiserin, Hygienebeauftragte und beantwortete Fragen der Gottesdienstbesucher, die das Gotteshaus etwas verhalten betraten. Wer keinen Mundschutz trug, dem überreichte Staab eine Gesichtsmaske. Nach dem Gottesdienst desinfizierte sie die Bänke und tauschte die Sitzkissen aus.

Predigt mit Mundschutz

Die Kirchenglocken läuteten, das Orgelspiel setzte ein und Pfarrer Münch trat ans Mikrophon und sprach durch seinen Mundschutz hindurch die einleitenden Worte. „Welch ein Widerspruch ist das: ‚Kantate’ heißt dieser Sonntag, ‚singt’ – doch das Singen ist bis auf Weiteres in Gottesdiensten verboten“, so Münch. Die Texte der Lieder, die er ausgewählt hatte, wurden auf Bildschirmen im Kirchenraum angezeigt, denn Gesangbücher gab es aus hygienischen Gründen nicht.

Münch lud die Gemeinde ein, die Texte mitzulesen oder leise mitzusummen. Und er schlug vor, aus diesen seltsamen Zeiten eine Lehre zu ziehen: „Wenn man wieder darf, dann werde ich aber aus voller Kehle singen – ganz egal, ob die Töne, die über meine Lippen kommen, gut sind oder ob mich der Banknachbar womöglich schräg ansieht. Dann werde ich mich zum Lob Gottes etwas trauen.“

Als dann der Psalm 150 gemeinsam gebetet wurde und später das Vaterunser – laut und, so weit es der Mundschutz zuließ, verständlich – gab es schließlich doch noch so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl unter den Kirchgängern auf den nummerierten Plätzen.

Wären andere Zeiten, wäre in der Martinskirche gestern Konfirmation gefeiert worden – mit viel Gesang und vielen Besuchern, dicht an dicht in den Kirchenbänken. „Die Konfirmation wurde wegen Corona abgesagt“, sagte Münch. Aber sie wird irgendwann nachgeholt – „wann auch immer und in welcher Form auch immer“.