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Crailsheim
Crailsheim / Ute Schäfer  Uhr
Der ehemalige Häckselplatz bei Westgartshausen zählt zum Crailsheimer Stadtbienenprojekt und besitzt mittlerweile eine beeindruckende Fülle von Pflanzen und Tieren.

Ortstermin alter Häckselplatz: Die Lerche jubiliert, die Nachtviolen duften – oberhalb von Westgartshausen scheint die Welt in Ordnung zu sein. „Sie müssten mal in einem Monat hier sein. Da blüht hier alles. Und zirpt und hupft“, sagt Stephan Brendle, Grünplaner der Stadt Crailsheim, der das Stadtbienenprojekt betreut.

Das „Zirpen“ und das „Hupfen“ ist ihm dabei besonders wichtig, denn wenn viele Heuschrecken im Rasen leben, geht‘s den Insekten gut. Und das wiederum ist ein Zeichen für die Wirkung des Stadtbienenprojekts, das nicht allein den Bienen gilt: „Der Schutz aller Insekten ist das Ziel“, sagt Stephan Brendle: „Damit haben wir angefangen, lange bevor der Hype losging.“

Zum Hintergrund: In Deutschland hat sich die Population der Insekten in den letzten knapp 25 Jahren um etwa 80 Prozent reduziert – was jeder nachvollziehen kann, der früher seine Windschutzscheibe im Sommer sauber kratzen musste und heute nicht mehr.

Bestäuber fehlen

„Wenn man aber weiß, dass in unserer gemäßigten Zone 78 Prozent der Pflanzen auf Insektenbestäubung angewiesen sind und etwa 80 Prozent der Kulturpflanzen, dann ist der Rückgang der Insekten bedenklich“, sagt Stephan Brendle.

Bürgermeister Jörg Steuler begrüßt französische Austauschschüler.

Deshalb setzt Crailsheim schon seit vier Jahren auf das Stadtbienenprojekt, das unter anderem Blumenwiesen und insektenfreundliche Verkehrskreisel in die Stadt bringt. „Wir pflanzen auch Bäume, die Insekten Nahrung bieten. Wir haben einen ganzen Strauß an Maßnahmen“, erläutert Brendle.

Dazu zählt die Rekultivierung des früheren Häckselplatzes in Westgartshausen, wo sich Brendle kürzlich mit Interessierten zu einer Exkursion getroffen hat, die in eine kleine Welt führt, in die man genau hineinschauen muss, um ihre Schönheit würdigen zu können.

Auf nicht einmal einem Hek­tar finden sich Geröllriegel für Reptilien, eine Hecke, zwei neu gesetzte Bäume und viele, viele Pflanzen. Die wachsen jetzt auf dem mageren Rohboden – der Humus wurde komplett abgetragen. Drei bis fünf Gramm Samen heimischer Wildblumen wurden pro Quadratmeter ausgesät. Das ist nicht viel, aber genügend. Der Boden ist ohnehin so mager, dass er nie ganz von Pflanzen bedeckt ist, erläutert Stephan Brendle.

Alte Spuren einer Pflanze

Der Experte bückt sich immer wieder und schaut die Pflanzen und Insekten, die er findet, mit der Lupe an. Da gibt es welche mit feinen Härchen, mit bunten Blütenpollen, mit ganz besonderen Blättern – man muss nur genau hinschauen.

Wie man Insekten helfen kann, zeigt Dieter Bock: Er hat seinen Garten eigens dafür umgestaltet.

Der Fachmann macht auch auf die Schönheiten der verschiedenen Gräser aufmerksam, auf Hirtentäschelkraut und Schafgarbe (die essbar sind) und auf die Esparsette, die im Mittelalter als Futterpflanze für die Ackergäule und zur Bodenverbesserung auf die Äcker gesät wurde. „Wo sie wächst, war früher Acker“, sagte Brendle: „Also auch hier.“

Die Exkursionsteilnehmer sehen Fetthennen, Karthäusernelken – „und das ist doch Mädesüß?“, fragt eine Frau: „Ist die Pflanze nicht viel größer und wächst am Bach?“ „Das ist das Echte Mädesüß“, sagt Brendle ganz entzückt. „Das gehört genau hierher auf die Magerwiese. Es war nicht in der Samenmischung und ist sehr selten. Toll, dass es trotzdem hierhergefunden hat.“

„Biotop funktioniert“

Ein Teilnehmer hat einen Neuntöter entdeckt. Er zeigt auf einen hübschen Vogel, der auf einem Feldahorn sitzt. Dieser seltene Vogel ist wie die Zauneidechse, die sich in den Schotterhaufen am Rand der Wiese wohlfühlt, ein Insektenfresser. Stephan Brendle ist hochzufrieden. „Dass der Neuntöter hier ist, zeigt, dass das Biotop funktioniert.“

Ein Schmetterling flattert vorbei, einer der Bläuling-Arten, und auch ein Rebhuhn soll schon gesichtet worden sein. Der Häckselplatz ist ein „Dorn“, der vom Wald und einer benachbarten städtischen Magerwiese in die landwirtschaftlich bewirtschaftete Hochebene ragt. „Schauen Sie mal an den Wegrain, den wir angesät haben“, sagt Brendle, „und vergleichen Sie ihn mit dem auf der anderen Seite. Der Unterschied fällt doch auf, oder?“ Und tatsächlich: Drüben wächst Gras. Hüben hingegen stehen viele verschiedene Pflanzen – und eine Akelei. Brendle muss lachen. „Die gehört natürlich nicht hierher. Die stammt noch vom Grüngut auf dem Häckselplatz.“

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