Auf der Maienwonne liegt heuer ein Schatten. Die bunten „Fländerli“ an den frischgrünen Birken werden von pandemischen Sorgen umflattert, jeder zum Mund geführte Flaschenhals ist eine potenzielle Virenschleuder und Kalkspuren sind Mangelware, denn wo soll die Liebe blühen, wenn der Abstand verordnet ist? Düstere Zeiten auch, so könnte man meinen, für den Dorfverein Maibaum- und Schlepperfreunde Heroldhausen. Schließlich geht es diesem – der Name verrät’s – nicht zuletzt um die frühjährliche Brauchtumspflege und zuvörderst – man kann sich’s denken – um ganzjährige Geselligkeit.

2016 wurde der Verein im alten Brechhäusle Richtung Werdeck gegründet, fast das ganze Dorf ist an Bord und ein paar „Auswärddichi“ sind’s auch. Man trifft sich zum Stammtisch im „Abraxa“, man ergötzt sich gemeinsam am Klang scheppernder Schlepper, man sieht sich mal „gschwind“ auf ein Bier. Kurzum: Man kommt zusammen, hält zusammen. „So ein Verein gibt einem Dorf Selbstbewusstsein“, sagt Rainer Horn, der Präsident, der freilich auch ein persönliches Gründungsmotiv hatte: „Eines meiner vielen Lebensziele war es, Vorstandsvorsitzender zu werden. Das hat nicht geklappt. Jetzt habe ich halt einen Verein und bin Präsident.“

Horn lacht. Wäre er selbst ein Bulldog, wäre Humor wohl der Diesel, der ihn immer weiter tuckern lässt. Aber es ist ihm durchaus ernst mit dem Verein. Er kommt aus Heroldhausen, war später lange weg und kam zurück. Ihm stand wohl noch bewusster als den Hiergebliebenen vor Augen, wie sich der ländliche Raum, wie sich Hohenlohe, wie sich Heroldhausen verändert haben und verändern: Dass aus zwölf Bauern im Ort null wurden, dass früher jeder Kühe hielt und dann keiner mehr, dass Leerstände zunahmen.

Vor Jahren hörte Horn in Blaufelden einen Vortrag zur Dorfentwicklung von Prof. Dr. Martina Klärle. Keine leeren Häuser und ein Dorfmittelpunkt, das seien die wichtigsten Faktoren für lebendige Orte, sagte sie. „Aber eine Wirtschaft brauchst du auch“, meldete sich Horn zu Wort. „Ich habe damals gedacht, man braucht eine Idee, wie Alte und Junge, Schwarze und Grüne, ehemalige Bauern und eher Bequeme zusammengebracht werden können.“ Diese Idee ist der Dorfverein. Diese Idee funktioniert.

Und rund um den Maibaum blüht der Gemeinsinn ja sowieso ganz besonders: „Zuerst wird die Fichte geholt und der Kranz gebunden, dazu gibt’s einen Eimer Brezeln“, sagt Horn. Später wird der Baum aufgestellt und bewacht. Irgendwann wird er wieder rumgemacht. „Dann ist das Jahr ein bisschen strukturiert und du hast schon mal drei Feste“, sagt Horn.

Verlässlich wie das RKI

Und jetzt: Corona. Seit Geselligkeit nicht mehr sein darf, wendet sich Präsident Horn jede Woche im Gemeindeblatt von Rot am See an seine „lieben Vereinsmitglieder“. Seine Einlassungen kommen verlässlich wie die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Insituts, nur sind sie viel vergnüglicher und tröstlicher. Zwar zitiert Horn angesichts der prekären Lage auch mal düstere Wilhelm-Busch-Reime (Zwar Heros guter Genius / Bekämpft den Geist der Finsternus / Doch dieser kehrt sich um und packt / Ihn mit der Gabel zwiegezackt. Oh weh oh weh das Gute fällt! Es siegt der Geist der Unterwelt), doch dabei bleibt es nicht. Bei Horn siegt das schlitzöhrige Gute, und sei es der Glaube an „fünf Sachen, für die es sich zu kämpfen lohnt: Bücher, Bier, Bargeld, Bulldogs und Sonntage“.

Aus Heroldhausener Perspektive möchte man der Reihe unbedingt noch den Samstag hinzufügen, schließlich gibt es da in normalen Zeiten das gemeinsame „Bier um 4“. Das funktioniert momentan so: „Wenn das Wetter gut ist, lass ich um 4 den Knaller los“, schreibt Horn. „Dann kann jeder sein Bier aufmachen. Jeder vor seiner Haustüre oder auf seinem Balkon. Oder auf seinem Bulldog. Wie Ihr Lust habt. Wenn das Wetter schlecht ist, machen wir es genau so.“ Kürzlich kam ein Nachbar bei Horn vorbeigefahren, ließ die Scheibe runter und sagte: „Heute hast du uns aber warten lassen.“ Horn hatte den Knaller erst eine halbe Minute nach 4 gezündet.

Im Ludwigsburg wurde neue Sonderführungen vorgestellt Bis Mitternacht im Barockschloss

Ludwigsburg

Jeder grillt für sich allein

Die Heroldhausener haben der Pandemie auch in den letzten Tagen getrotzt: Sie stellten einfach einen großformatigen Ausdruck eines Bilds ihres letztjährigen  Maibaums auf – und hielten sich ansonsten vielfach an folgenden Vorschlag Horns im Gemeindeblatt: „Da wir Freunde des Maibaums und der Tradition sind, steht es jedem frei, einen kleinen Maibaum an seinem Gartenzaun, Treppengeländer oder Briefkasten zu befestigen. Oder die mobile Lösung: am Bulldog. Praktisch eine Augenweide. Oder Augenbirke. Augenfichte. Apropos Fichte: Wir grillen. Auch jeder für sich. Wer mag. Mein Vorschlag: In alter Tradition, geprägt vom Ernst Breitschwerd, um 18 Uhr anfeuern. Wenn’s nicht gleich brennt, mit etwas Motorsägensprit nachhelfen. Dann aber die Wurscht noch nicht gleich auflegen. Um 19 Uhr dann Bier auf, Prost, an die Nachbarn denken und an Maibäume. Aber Männer, aufgepasst: Wenn Ihr nach alter Tradition am 30. April sehr durstig wart und entdeckt am nächsten Morgen einen Maien am Haus, dann prüft erst, ob ihr ihn selbst aufgestellt habt. Nicht, dass Ihr unberechtigt den Nachbarn verdächtigt, dass er der Frau des Hauses einen Liebesmaien gesteckt hat.“

Man muss kein Viro-, Epidemio- oder Soziologe sein, um feststellen zu dürfen: Wenn wir diese Krise irgendwie überstehen wollen, dann am besten so.