Den Reiserucksack hat Karin Wüstner aus Crailsheim-Westgartshausen wieder ausgepackt, die Treckingschuhe ins Regal geräumt und die Badekleidung im Schrank verstaut. Dafür hat sie ihre Nähmaschine aus dem Keller geholt. Anstatt durch tropische Wälder zu wandern, Kulturdenkmäler zu bestaunen und an traumhaften Stränden zu baden, sitzt sie Tag für Tag in ihrem Wohnzimmer und näht ehrenamtlich Mundschutz aus Baumwollstoff – nicht bloß als Zeitvertreib, sondern um einen Beitrag zu leisten in der Corona-­Pandemie.

Das Virus hat Wüstners Pläne ordentlich durcheinandergebracht. „Ich wäre jetzt eigentlich mit einer Freundin auf einer vierwöchigen Südostasien-Rundreise“, berichtet die zahnmedizinische Prophylaxe-Assistentin. „Davon träume ich schon seit 20 Jahren. Ich habe mir gesagt: Wenn die Kinder groß sind, erfülle ich mir diesen Traum.“

Reise endete vorzeitig

Am 11. März hatte der Traum tatsächlich begonnen. Wüstner stieg in München in den Flieger und kam über Singapur nach Laos. Doch die Reise endete hier bereits nach einem Tag. „Das Reisebüro hat uns geraten, wegen der sich rasant ausbreitenden Pandemie so schnell wie möglich einen Rückflug zu buchen. Zum Glück haben wir das gemacht“, sagt Wüstner.

Am Flughafen in Bangkok bekam sie einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen der Corona-­Pandemie. „Reisende aus Europa wurden von den übrigen Fluggästen isoliert. Wir wurden einem Arzt vorgestellt, der unsere Temperatur gemessen hat. Am Ende bekamen wir einen grünen Aufkleber und durften ins Flugzeug einsteigen.“ Am 16. März war Karin Wüstner wieder da.

Zu Hause erreichte die 53-Jährige ein Hilferuf der mobilen Dienste des Crailsheimer Wolfgangstifts: Es fehlten Masken für Mund und Nase. Auch andere häusliche Pflegedienste und ehrenamtliche Helfer waren auf der Suche nach Mundschutz. Wüstner verstand den Hilferuf als persönlichen Auftrag. Sie holte ihre alte Nähmaschine hervor, besorgte sich ein Schnittmuster und legte los.

Zwei bis vier Stunden pro Tag näht sie seither Gesichtsmasken aus Baumwolle. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Freundin Henne Schöllmann, die ebenfalls in Westgartshausen lebt. „Bis der erste Mundschutz fertig war, hat es eine Stunde gedauert. Inzwischen klappt das besser: Acht bis zehn Stück schaffen wir jetzt in der Stunde.“ 30 Meter Stoff hatte die 53-Jährige noch auf ihrer Bühne gelagert. „Der ist jetzt so gut wie vernäht.“ Die Gummibänder werden zugekauft.

Viele Gruppen haben Bedarf angemeldet

Wüstner bat in verschiedenen Whatsapp-Gruppen, die sie als Übungsleiterin für Fitness- und Gesundheitskurse hat, um Unterstützung. 90 Personen hat sie kontaktiert: „Wer näht mit?“. „Die Resonanz war enttäuschend“, sagt die Mutter zweier Kinder. „Es gab nur drei Rückmeldungen. Die meisten Frauen besaßen nicht einmal eine Nähmaschine oder konnten gar nicht nähen.“ Sie selber hatte in ihrer Schulzeit den Umgang mit der Nähmaschine gelernt. Ihre erste Maschine bekam sie von ihrer Tante zur Konfirmation geschenkt. „In der Krise zeigt sich, wie wichtig es ist, hauswirtschaftliche Kenntnisse zu besitzen. Das ist etwas, was jungen Menschen heute kaum noch vermittelt wird.“

Nachdem alle Klienten aus Crailsheim mit Masken ausgestattet waren, wollten Karin Wüstner und Henne Schöllmann ihre private Nähwerkstatt schon wieder abbauen – da kam der nächste Hilferuf. Diesmal waren es Landfrauen aus dem Main-Tauber-Kreis, die für die Jugendhilfe Creglingen, ein Altenheim in Würzburg und die Sozialstation Krautheim Mundschutz nähen wollten – und dafür tatkräftige Unterstützung benötigten. „Ich habe wieder einen Aufruf gestartet“, sagt die Westgartshausenerin. „Diesmal haben sich einige Freiwillige gemeldet. Das freut mich riesig.“ So wird also weiter genäht, nicht nur in Karin Wüstners Wohnzimmer, sondern auch in anderen privaten Nähstuben.

Ein Ende ist nicht in Sicht. Wüstner: „Wenn viele mitmachen, kann man viel erreichen.“ Ihr Lebensmotto bewahreitet sich in dieser Aktion wieder einmal. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das habe ich schon oft gesagt – und es war oft zutreffend.“