Wer dieser Tage die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher einschaltet, erinnert sich besser gut an seine Schulzeit und den Biologieunterricht. Blätter und Sendungen sind voll mit wissenschaftlichen Fachbegriffen, Virologen erklären auf Pressekonferenzen die Welt. Das Coronavirus und die Pandemie sind kompliziert – und die Kommunikation darüber ist es auch.

Das ist ein Problem, denn: Informationen über Corona zu verstehen, kann überlebenswichtig sein, vor allem für Risikogruppen. Und wenngleich es im öffentlichen Diskurs kaum ein anderes Thema zu geben scheint, sind Bevölkerungsgruppen, die Schwierigkeiten mit dem Verständnis von Alltagssprache haben, von diesem praktisch ausgeschlossen.

Eine dieser Gruppen sind Menschen mit einer geistigen Behinderung. Ein Weg, Dinge für sie besser verständlich zu machen, ist leichte Sprache, eine vereinfachte Form des Deutschen. Sie folgt bestimmten Regeln, etwa, dass ein Satz nur eine Aussage haben darf und verwendet einfache Worte und kurze Sätze.

„Die Menschen bei uns haben ein ganz breites Spektrum an Fähigkeiten und einen individuellen Unterstützungsbedarf“, sagt Prof. Dr. Steffen Koolmann, Vorstandsvorsitzender der Weckelweiler Gemeinschaften. Der sozialtherapeutische Verein betreut in seinen Wohngemeinschaften unter anderem rund 200 Menschen mit einer geistigen Behinderung. „Die große Kunst ist es, den unterschiedlichen Verständigungsmöglichkeiten der Menschen gerecht zu werden.“ Leichte Sprache könnten „in der Regel alle verstehen“.

Paulinenpflege in Murrhardt Helden der Krise in den Wohngruppen

Murrhardt

Der wichtigste Informationskanal zu Corona ist für Menschen mit einer geistigen Behinderung das Gespräch mit ihren Betreuern. „Die direkte Kommunikation fußt auf der Beziehungsebene“, sagt Dr. Traugott Hascher, Sprecher des Sonnenhofs in Schwäbisch Hall, dem zweiten großen Verein für geistig behinderte Menschen im Kreis.

Leichte Sprache ist der Schlüssel für komplexe Angelegenheiten

In Deutschland gibt es Organisationen, die sich auf leichte Sprache spezialisiert haben und Dienstleister, die Übersetzungen in leichte Sprache anbieten. Der Sonnenhof nutzt etwa ein Dokument in leichter Sprache des Vereins „Lebenshilfe Bremen“ als Hilfestellung für seine Betreuer. In diesem gibt es weitreichende Informationen rund um das Virus, und die Maßnahmen, die Sätze sind außerdem mit Bildern veranschaulicht. Überhaupt nehmen Piktogramme eine zentrale Rolle in der Kommunikation mit geistig behinderten Menschen ein, gerade wenn es um Hygienemaßnahmen wie Händewaschen oder Hust- und Niesetikette geht. „Auch die Gestik ist entscheidend, es wird viel über Symbole kommuniziert“, sagt Hascher.

Leichte Sprache gehört in Weckelweiler und in Schwäbisch Hall zum Normalzustand. Das Personal ist darin geschult und verwendet sie ständig. „Deshalb ist Corona zwar ein Sonderfall, aber auch gut in den Alltag integrierbar“, sagt Hascher. Auch Koolmann sagt: „Für uns ist es nichts Neues, unseren Bewohnern etwas Komplexes zu erklären.“

Obersontheim

Dennoch ist Corona eine Ausnahmesituation. Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung schränken das Leben der Menschen im Sonnenhof und in den Weckelweiler Gemeinschaften deutlich ein, womöglich noch stärker als für weite Teile der Bevölkerung. Die Schließung der Werkstätten für behinderte Menschen in Weckelweiler Mitte März hätte viele hart getroffen, sagt Koolmann. „Manche haben auch geweint.“ Seitdem konnten rund 340 Menschen nicht mehr ihrer gewohnten Arbeit nachgehen. Seit dem vergangenen Montag dürfen Behindertenwerkstätten in Baden-Württemberg unter Auflagen wieder öffnen.

Kontakt eingeschränkt

In Weckelweiler und in Schwäbisch Hall gibt es Ausgangsbeschränkungen für die Bewohner, der Kontakt untereinander ist stark eingeschränkt. Insbesondere machen den Menschen die Besuchsverbote zu schaffen, etwa, wenn sie ihre Eltern nicht sehen können, aber auch ihre Freunde. „Das Problem“, sagt Hascher deshalb, „ist oft eher, die Leute emotional aufzufangen.