Wäre er in Amerika aufgewachsen, hätte er wohl die berühmte Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär durchlaufen. Am 23. November 1912 in Hohenreusch geboren, musste Gustav Kunz als Sohn eines Landwirts und Bauunternehmers zwar keinen Abwasch erledigen, aber schon früh im elterlichen Betrieb mitanpacken. Den Bauernhof hatte Gustavs Opa, einstmals Bierkutscher in Diensten der Lammbrauerei in Untergröningen, bereits im Jahr 1885 erworben.

Schon früh lernte der Junge - dem der Hauptlehrer Kaufmann einmal attestierte, "der begabteste Schüler der Schule seit Jahren" gewesen zu sein - von seinem Vater, unternehmerisch zu denken. Christian Kunz, der mit seinem Bauunternehmen vornehmlich Waldstraßen anlegte, hatte ab 1928 aus einer kleinen Möbelfabrik ein ansehnliches Sägewerk geschaffen. Diese Keimzelle des späteren Kunz-Imperiums wurde 1959 stillgelegt, zumal acht Jahre zuvor schon unter Gustavs Leitung - der Vater war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen - im Bühlfeld ein weitaus größeres Werk errichtet worden war. Auf dessen Anlagen wurden Furniere hergestellt, Sperrholz und Tischlerplatten. Später wurde dort die Produktion von Spanplatten aufgenommen, mit denen Kunz sogar auf dem Weltmarkt von sich reden machte - durch ein spezielles Verfahren zur Herstellung von Spanplatten in Direktbeschichtung, das sein früh verstorbener Sohn Rudolf im Jahr 1968 entwickelt hatte.

Bereits 1955 hatten sich die Gebrüder Kunz von einer Betriebssparte getrennt, an die sich heute nur noch wenige Zeitgenossen erinnern können: Sie verkauften ihr auf inzwischen zwölf Omnibusse angewachsenes Verkehrsunternehmen an die damalige Deutsche Bundespost.

Gustav Kunz führte sein Unternehmen zielstrebig auf Expansionskurs. Dabei fühlte er sich in der Reihe der vier Geschwister - allen voran Bruder Adolf (der vor zweieinhalb Jahren starb) - stets als "primus inter pares", als Erster unter Gleichen, wie es anlässlich seines 80. Geburtstags vor 20 Jahren in einer Würdigung durch die Mitglieder der Geschäftsleitung hieß. Mit Weitblick hatte er das Gschwender Stammwerk mit Hunderten von Mitarbeitern sowie den Crailsheimer Ableger zu beachtlicher Größe geführt. Das Kürzel "Kuco" war zur Weltmarke geworden.

In mehreren Ländern wurden nun Zweigwerke errichtet, darunter in den USA und in Kanada, wo Kunz bald bedeutende Marktanteile gewinnen konnte. Mehr noch: Unter dem Dach der "Kunz-Holding" fanden sich im Lauf der Zeit auch Betriebe, die eigentlich nichts mit dem Metier des Gschwender Unternehmens zu tun hatten. So sicherte Kunz beispielsweise dem traditionsreichen Musikinstrumente-Hersteller Hohner, der ins Straucheln geraten war, das Überleben - indem er es kurzerhand kaufte.

„Jetzt fehlt mir nur noch eine Schokoladenfabrik“

Ein gutes Dutzend verschiedener Branchen waren im Lauf der Zeit unter dem Dach der Holding vereint. "Jetzt fehlt mir nur noch eine Schokoladenfabrik", wie Gustav Kunz einmal während eines ansonsten ernsten Pressegesprächs schelmisch lächelnd bemerkte.

Die Liste der unternehmerischen Aktivitäten der Familie Kunz ist zu ungeheurer Länge gewachsen - meist ohne viel Aufhebens. Doch sie hat die Zeit nicht, wie von Gustav Kunz erhofft, überdauert. Das einstmals innovative "Spanplattenwerk", wie der Volksmund die Gschwender Ideenschmiede kurz und bündig nannte, hatte nach dem Verkauf unter den Fittichen einer Unternehmensgruppe keine Zukunft mehr und ist seit wenigen Jahren Geschichte. Was blieb, ist die Erinnerung an den Kopf einer Familie, die viele Bereiche des öffentlichen Lebens in Gschwend wesentlich mitgeprägt hat.

So hat Gustav Kunz auch das örtliche Vereinsleben mitgestaltet - etwa als Vorstand des Liederkranzes, der ihn für sein großes Engagement mit hohen Ehren bedachte. Auch das Werden des genossenschaftlichen Bankenwesens in der Region trug seine Handschrift. Schließlich ist es seiner Initiative zu verdanken, dass sich die niemals reich gewesene Gemeinde Gschwend in schwieriger Zeit eine eigene Halle leisten konnte.

Für seine Verdienste durfte Gustav Kunz eine ganze Reihe bedeutender Auszeichnungen erfahren. Die Gemeinde Gschwend verlieh ihm die höchste Auszeichnung, die eine Kommune an besonders verdiente Mitbürger vergeben kann: Wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag, nämlich am 25. November 1972, wurde dem rührigen Unternehmer die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Nicht zu vergessen: Die Technische Hochschule in Stuttgart ernannte ihn zum Ehrensenator. Und im 60. Lebensjahr stehend ließ ihn der damalige Landeswirtschaftsminister Dr. Rudolf Eberle durch seinen Ministerialdirektor Peter Kistner hochleben: Gustav Kunz erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

All diese Wertschätzungen ließen den bodenständigen Fabrikanten und engagierten Vereineförderer nicht abheben. Er blieb zeitlebens bescheiden. Der Repräsentation auf internationalem Parkett mit Kaviar-Häppchen und Champagner zog er die vermeintlich weniger bedeutenden Termine in heimischen Gefilden vor - etwa die regelmäßige Singstunde im Kreis der Sängerfreunde, mit denen er hinterher gern bei Bratwürst und Schorle zusammenhockte.

Gustav Kunz, den das renommierte "Forbes"-Magazin einmal zu den 100 einflussreichsten Unternehmerpersönlichkeiten Deutschlands zählte, starb am 8. Juni 2002.