Insolvenz Böses Erwachen garantiert: Schuldnerberatung ist erster Schritt

Crailsheim / MATHIAS BARTELS 06.03.2014
"Heute kaufen - in drei Monaten zahlen!" - Verheißungen großer Handelsketten sorgen für manchen Kaufrausch. Und viele Banken stützen den Konsum mit Schnellkrediten. Das böse Erwachen kommt später.

Wenn erst der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, ist es oft nicht weit bis zum Schwur. Die früher "Offenbarungseid" genannte "eidesstattliche Versicherung im Rahmen der Zwangsvollstreckung" ist meist das letzte Mittel eines Gläubigers, doch noch an sein Geld zu kommen, wenn selbst Inkasso-Unternehmen erfolglos waren. Dem Schuldner steht in solchen Fällen ziemlich sicher das Wasser bis zum Hals. Zwar versuchen viele Betroffene, der unangenehmen Prozedur aus dem Weg zu gehen, doch das ist nutzlos. Denn: Gibt er die eidesstattliche Versicherung nicht ab, kann letztlich gar Haftbefehl erlassen werden.

Schulden haben verschiedene Ursachen, aber stets dieselbe Folge: Nichts geht mehr! Von Überschuldung ist die Rede, wenn die Ausgaben eines Privathaushalts nachhaltig die Einnahmen übersteigen. Was bleibt, ist der Weg zur Schuldnerberatung und danach womöglich der in die Privatinsolvenz. Seit 1999 bietet das Insolvenzrecht diese Möglichkeit raus aus der Schuldenfalle. Die Auflagen sind zwar streng, doch wer den Weg durch die Instanzen ernsthaft antritt, kann bei entsprechender "Wohlverhaltensphase" im siebten Jahr schuldenfrei sein. Allerdings: Das Verfahren ist durchaus langwierig und mit bürokratischen Hürden gespickt. Eine Beratung wird also dringend empfohlen.

Der Schuldnerberater erstellt - so das nicht schon der Schuldner selber erledigt hat - eine Schuldenliste mit Forderungen, Einnahmen und Ausgaben und erhält so einen Überblick über die aktuelle Finanzlage. Oft sind allerdings fehlende Unterlagen ein erstes Hindernis auf dem Weg zu geordneten Verhältnissen. Sind sie aus dem Weg geräumt, erstellen Berater und Schuldner einen "Schuldenbereinigungsplan", der die Interessen der Gläubiger berücksichtigt. Wird der Plan nicht akzeptiert, entscheidet das Insolvenzgericht über den "Eröffnungsantrag" und bestellt gegebenenfalls einen Treuhänder - einen Schuldnerberater oder einen Rechtsanwalt. Erst danach beginnt das eigentliche Insolvenzverfahren. Am Rande: Wer weiß, dass er seinen Anwalt nicht zahlen kann, stellt einen "Beratungshilfeantrag". Dann kann der Staat einspringen.

Parallel kann der Schuldner einen Antrag auf "Restschuldbefreiung" stellen, der sich an die sechsjährige "Wohlverhaltensphase" anschließt (Mit wesentlichen Änderungen wird das Gesetz zum 1. Juli 2014 geändert - die Wohlverhaltensphase verkürzt sich dann unter strengen Bedingungen auf drei Jahre. So müssen etwa 35 Prozent der Gläubiger-Forderungen erfüllt sein). Von maßgeblicher Bedeutung für viele Insolvenzverfahren ist auch die Möglichkeit der "Verfahrenskostenstundung", um dem Schuldner nicht sofort wieder neue Kostenlasten aufzudrücken.

Wer den Berg an abzuarbeitenden Formularen vor sich sieht, bekommt schnell einen Eindruck, was alles auf einen Schuldner zukommt, der bereit ist, seinen Privatkonkurs abzuwickeln. An die 40 Formblätter und mehr sind auszufüllen - und natürlich genauso von den Gerichten abzufragen und zu kontrollieren. Jede Verbraucherinsolvenz zieht einen Rattenschwanz an bürokratischem Aufwand und Kosten nach sich.

Die Zahl der Privatinsolvenzen hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren übrigens deutlich nach oben bewegt: von 19.857 im Jahr 2002 auf 101.069 im Jahr 2011. Im Gebiet des hiesigen Amtsgerichts, das zuständig ist für die Region Crailsheim, Langenburg und Bad Mergentheim, stagnieren sie dagegen seit 2006 bei gut hundert Fällen. 2013 waren es exakt 105. Öffentlich bekanntgegeben werden sie im Internet-Justizportal unter "Insolvenzbekanntmachungen". Eröffnet der Richter das Insolvenzverfahren, kommt es zur Gläubigerversammlung. Bei dem wird geklärt, ob und wie viel beim Schuldner noch zu holen ist. Es folgt der Eintrag ins Schufa-Schuldnerverzeichnis. Und danach? Ist Wohlverhalten angesagt.

Ursachen so vielfältig wie das Leben


Das Amtsgericht Crailsheim hatte sich 2013 mit 78 (Vorjahr: 114) Regelinsolvenzen und 105 (79) Verbraucherinsolvenzen zu befassen. Amtsrichter Anton Schiele stehen dafür laut Zeitbudget vier Wochenstunden zur Verfügung. Ob das reicht? "Bei Weitem nicht", antwortet er.

Insolvenzen beschäftigen am Gericht Richter, Rechtspfleger, Sachbearbeiter und - zuvor - meist auch Inkasso-Unternehmen und Gerichtsvollzieher. Außerdem sind als Treuhänder Anwälte oder Schuldnerberater ins Verfahren eingebunden. Für die Staatskasse bringt das erhebliche Kosten mit sich. Nicht berücksichtigt sind die Kosten, die den Gläubigern entstehen.

Im Landratsamt in Hall werden übrigens ehrenamtliche Schuldnerberater gesucht. Wer daran Interesse hat, kann sich an Telefon 07 91 / 7 55 42 10 (Martin Keller-Combé) wenden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel