Craislheim Blick auf einen Bestsellerautor

Günter Weick räumt Crailsheim und  Besonderheiten wie dem Volksfest auch noch viele Jahre nach seinem Wegzug einen hohen Stellenwert ein.
Günter Weick räumt Crailsheim und Besonderheiten wie dem Volksfest auch noch viele Jahre nach seinem Wegzug einen hohen Stellenwert ein. © Foto: sd
Craislheim / Birgit Trinkle 10.11.2018
Günter Weick ist einen weiten Weg gegangen, seit er in Hohenlohe aufgebrochen ist, um Karriere zu machen. Obwohl er längst in Österreich lebt, nennt er noch immer Crailsheim seine Heimatstadt.

Ich bin schon missionarisch unterwegs, sagt Günter Weick mit einem Lächeln: Schlampigkeit im Umgang miteinander etwa ist ihm ein Gräuel. Nicht nur ärgerlich sei die Nachlässigkeit, die mit den neuen Medien in die Kommunikation Einzug gehalten habe, sondern nachgerade wirtschaftsbedrohend. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine, und weil er schlüssig zu argumentieren weiß und aus der Praxis kommt, verkaufen sich seine Bücher zu Zigtausenden. Auch als Führungskräfte-Coach ist der Mann, der sich noch immer als Crailsheimer sieht, ziemlich erfolgreich.

„Ich fühl mich keiner Stadt so verbunden“, sagt er. In all den Jahren sei der Kontakt zu Familie – Schwester Carola lebt in Jagstheim – und Freunden nie abgerissen. 1958 geboren, wuchs er in Altenmünster auf. Als Realschüler war er beim Umzug ins neue Schulzentrum dabei, in dem er später, am Wirtschaftsgymnasium, das Abitur machte und noch viel später, längst erfolgreich und weltgewandt, an den kaufmännischen Schulen einen Vortrag über Unternehmensgründungen hielt.

Faszination Marktwirtschaft

Seine Jugend, erinnert er sich, war von der evangelischen Jugendarbeit und vom Laienspiel geprägt. Dann fand er Gefallen daran, smart und ehrgeizig an Karrierezielen zu arbeiten. Nach der Bundeswehr hatten ihn bereits während des BWL-Studiums Praktika in Crailsheimer Firmen wie Voith auf den Geschmack gebracht. Er begann für Triumph Adler in Nürnberg zu arbeiten, wenig später bereits begann sein Aufstieg im amerikanischen Konzern „Data Control Corp“.

Zehn Jahre lang entwickelte er sich in Frankfurt, Stuttgart, München, Düsseldorf und Zürich zum Workaholic, arbeitete 14 Stunden wöchentlich, gern auch am Wochenende, und selbst nach Feierabend war er mit Kollegen unterwegs. Als ein Teil des Konzerns abgestoßen wurde, war es an ihm als Marketingleiter für die deutschsprachigen Länder, Mitarbeiter zu entlassen, die zuvor händeringend gesucht worden waren, die er zum Teil selbst eingestellt hatte.

Der Weg zurück ins Leben

Er spricht nicht sehr nett von seinem früheren Ich. Gestandene Männer zusammenbrechen zu sehen, habe ihm zunächst nicht viel mehr als herablassendes Unverständnis abgerungen: Wie kann man sich nur so mit einem Job identifizieren. Und dann, irgendwann, wurde ihm bewusst, dass auch er nichts hatte als diesen Job, dass ihm selbst ebenfalls nichts bleiben würde. Die alten Crailsheim-Kontakte wiesen ihm den Weg zurück in eine andere, lebenswertere Welt. Er hat das Angebot eines Sabbatjahres abgelehnt und gekündigt: „Ich musste den Kopf frei kriegen.“ In Genua ging er aufs Schiff, um mit dem Rucksack um die Welt zu ziehen. Und eines Tages, irgendwo in Malaysia ist er aufgewacht und wusste, dass er nicht mehr für einen Konzern arbeiten wollte.

Nach der Rückkehr 1995 gründete er mit einem früheren Kollegen die Unternehmensberatung Softrust Consulting und genoss es, international, aber selbstständig zu arbeiten, Geschäftspläne zu schreiben, in der Organisationsentwicklung neue Wege zu gehen. Vier Jahre später verarbeitete er gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Schur Eindrücke und Erfahrungen in seinem ersten Buch „Wahnsinnskarriere. Wie Karrieremacher tricksen, was sie opfern, wie sie aufsteigen“, in dem er zum ersten Mal die Formen Roman und Sachbuch verband. Weitere zum Teil richtig gut verkaufte Bücher folgten, zuletzt „Always on“.

Privates Glück stellt sich ein

Feierte Günter Weick fortan nur Erfolge? Natürlich nicht. In den Jahren des Aufschwungs war er an der Gründung mehrerer Start-ups beteiligt, von denen eines, eine Download-Plattform für Musik, erfolglos eingestellt werden musste. Aber nie wieder hat er sein Leben infrage gestellt.

Der Liebe wegen ist er nach Wien gezogen, seit 2009 ist die Familie in Villach daheim. Wenn der Erfolgsautor mit unverkennbarer Freude von seiner 14-jährigen Tochter Victoria spricht, wird deutlich, dass er die entscheidenden Weichen richtig gestellt hat.

Plädoyer für die Pingeligkeit

Aktuell geht es Günter Weick um die Nutzung elektronischer Medien und darum, „ein Leben im Hamsterrad“ zu hinterfragen. Begonnen hat das mit dem bayerischen Chef eines US-Unternehmens, der sich bei ihm darüber beklagte, dass er keine Verantwortlichen mehr finde. Früher habe sich ein Mitarbeiter, dem ein Fehler passiert sei, „eine Watschen abgeholt“, dann habe man die Kuh vom Eis gebracht und gemeinsam überlegt, wie sich dieser Fehler künftig vermeiden lasse. Heute versande alles.
Als sich Weick des Problems annahm, stieß er sehr schnell auf Unmengen E-Mails mit vielen Adressaten: „Da verlässt man sich dann blind darauf, dass das gelesen und umgesetzt wird.“ Die einst als Wundermittel gepriesenen neuen Medien, so Weicks Erkenntnis, hätten nicht selten negative Auswirkungen auf die Gesundheit, vor allem aber auf die Zusammenarbeit der Menschen. „Mehr Fluch denn Segen“, sei dieser so alltäglich gewordene Umgang miteinander, und langfristig werde so „die Zukunft vergeigt“: „Deutsche Tugenden werden auf dem Altar der beliebigen Kurzmitteilungen geopfert.“

Deutsche Pingeligkeit werde oft gehasst und gerne verspottet, so Weick im Gespräch mit dem HT, dabei sei es diese Gründlichkeit, die etwa dem Maschinenbau zum Weltniveau verholfen habe. Dazu passe so gar nicht, mit welcher Achtlosigkeit heute kommuniziert werde, ohne dass sich jemand daran störe. Gerade die Kommunikation sei  heute wichtigstes Werkzeug, und wenn hier geschlampt werde, habe das Auswirkungen auf alles. Überkorrektheit und all die Tugenden, die Deutschland wieder groß gemacht hätten, seien mit dem Anspruch an gute Qualität verbunden. Das alles werde aufs Spiel gesetzt.

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