Als die sechs Crailsheimer, die jetzt für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt werden, 1969 in die SPD eintraten, war Andreas Stoch noch nicht auf der Welt. „Die Zeit, die ihr in der Politik verbracht habt, könnt ihr hier in Fleisch sehen“, sagt der SPD-Landesvorsitzende Stoch, 49, und lacht. Aber 1969 habe er seine Mutter schon geplagt, im Bauch.

Stoch steht am Freitagabend in einem Nebenraum der Gaststätte am Stadion in Crailsheim. Er kommt gerade aus Leipzig, vor einer Woche war er noch in Kirchberg anlässlich des 50. Geburtstags des Ortsvereins. Nun also Crailsheim. Nach der Mitgliederehrung geht es um Inhalte. Der Raum ist gerammelt voll, unter den Zuhörern sind auch viele Gemeinderatskandidaten. Insgesamt 35 haben sich aufstellen lassen.

Am 26. Mai ist nicht nur Kommunal-, sondern auch Europawahl. Hinter Stoch hängt deshalb ein Plakat, das SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley zeigt. Auf dem Plakat daneben ist er selber zu sehen. Darauf steht: „Für unsere Familien: Gebührenfreie Kitas!“ Es ist eines seiner Lieblingsthemen.

Bildergalerie Andreas Stoch zu Besuch in Hall

Doch zunächst spricht Stoch über bezahlbaren Wohnraum und Altersarmut, die Stichworte liefert ihm der Crailsheimer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Roland Klie in einer kurzen Einführung. „Finde ich für mich und meine Familie eine Wohnung, die ich bezahlen kann?“, stellt Stoch fragend in den Raum und gibt gleich die Antwort: „Wir müssen an der Stelle aufpassen, dass uns die Gesellschaft nicht auseinanderfliegt.“

Fakt sei, dass es in Baden-Württemberg – bedingt durch Zuwanderung in Arbeit – mehr statt weniger Menschen gebe, so Stoch. Die Konsequenz: „Wir haben zu wenig Wohnungen.“ Darum müsse „alle Energie in das Bauen und Erstellen von neuem Wohnraum“ gehen, und es müsse „auch Wohnraum geben für die, die sich kein Wohneigentum leisten können“, bezahlbaren Wohnraum also. Eine Lösung könnte eine Landeswohnbaugesellschaft sein.

„Wenn du Erzieherin, Krankenschwester oder Polizeibeamter bist, wirst du Schwierigkeiten haben, in Stuttgart eine Wohnung zu finden“, betont Stoch. Als Beleg dafür hat er da dieses Exposé aus Stuttgart-Mitte im Kopf: 104 Quadratmeter, vier Zimmer, Kaufpreis 720.000 Euro, auf einem Foto ist ein Schaukelpferd zu sehen. „In der Wohnung wird nie jemand wohnen, der das Schaukelpferd braucht“, ist sich Stoch sicher.

Nicht runterziehen lassen

Vom Schaukelpferd zur frühkindlichen Förderung. „Die ersten Jahre sind entscheidend“, sagt Stoch. Das Problem: „Es gibt heute viel zu viele Familien, die sich nicht um die Förderung ihrer Kinder kümmern.“ Keine Studiengebühren mehr, längst kein Schulgeld mehr, in diese Logik würden ­Kita-Gebühren einfach nicht reinpassen. Zudem kommen Stoch diese „wie ein Besteuern von Familien“ vor – dabei seien Familien doch „das, was man gesellschaftlich will“.

13 von 16 Bundesländern hätten es vorgemacht und die Kita-Gebühren teilweise bis ganz abgeschafft, macht Stoch deutlich. Anders Baden-Württemberg. Und deshalb strebt die SPD ein Volksbegehren an, doch die Landesregierung hat etwas dagegen. Demnächst entscheidet der Verfassungsgerichtshof.

Wie Stoch den Zustand seiner Partei insgesamt bewertet? „Die SPD macht in der Bundesregierung keine schlechte Politik“, findet er. Es bringe nichts, sich von den schlechten Umfragewerten runterziehen zu lassen. Aber nicht nur auf Bundesebene wird Politik gemacht.

„Zur Lösung der Probleme brauchen wir nicht weniger Europa, sondern mehr Europa“, sagt Stoch, und: „Ein Zurück in den Nationalstaat löst kein einziges Problem.“ Um das zu veranschaulichen, bemüht er Paul-Henri Spaak. Der frühere belgische Politiker formulierte einmal, dass es in Europa zwei Arten von Ländern gibt: kleine Länder und kleine Länder, die noch nicht verstanden haben, dass sie klein sind.

Dann muss Andreas Stoch, der Heidenheimer, schon fast wieder los. Er wird an dem Abend nämlich selber noch geehrt: für 40 Jahre Mitgliedschaft bei der Turn- und Sportgemeinde Giengen.

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