Sich als junger Mensch für einen Beruf zu entscheiden fällt, vielen schwer. Die eigenen Stärken, Schwächen und Interessen kennen und benennen, ist die eine Seite, mit der Jugendliche vor dem Schulabschluss umgehen müssen. Die andere ist, sich selbst und seine Fähigkeiten so gut darzustellen und zu verkaufen, dass am Ende auch die Unterschrift unter den Traum-Ausbildungsvertrag gesetzt werden kann. Die Bewerbungsmappe als Türöffner zum Traumberuf und zur Eigenwerbung ist deshalb mit besonderer Sorgfalt zu erstellen, denn sie soll den Bewerber schwarz auf weiß repräsentieren.

Stärken und Schwächen benennen

Dass dahinter nicht nur Arbeit am Kopierer steckt, weiß Marcus Buckel: "Eine Bewerbung schreiben ist Arbeit, weil man sich damit auseinandersetzen muss, was man aussagen möchte und was man mit einer Aussage unter Umständen bewirken kann. Dieses Verständnis muss man sich erarbeiten", so Buckel. Ganz wichtig ist es, findet der Bewerbungsprofi, dass Schüler sich selbst damit auseinandersetzen, was sie können, was sie wollen und für was sie sich interessieren. Dabei auch die eigenen Stärken und Schwächen benennen zu können, ist auf dem Weg zur guten Bewerbung ein wichtiger Schritt.

Dass hier die Kommunikation mit den Eltern hilfreich sein kann, ist selbstverständlich, doch Buckel rät Eltern davon ab, ihren Kindern beim Erstellen einer Bewerbung zu viel abzunehmen. "Es nützt einfach nichts, wenn die Eltern ein Anschreiben verfassen, das einer Doktorarbeit gleicht, und dann sitzt da ein 15-Jähriger im Bewerbungsgespräch, der sich nicht entsprechend präsentieren kann. Das ist schlecht", so Buckel.

Deshalb rät er neben Professionalität vor allem zu Authentizität. "Authentisch heißt in dem Fall, dass das Bild, das man von sich zeichnet, auch zu der Person passt, die am Ende im Bewerbungsgespräch sitzt", präzisiert Buckel. Dabei darf eine Bewerbung durchaus Makel haben, beruhigt er. Eine Vier in Mathe etwa muss kein Beinbruch sein, wenn der Jugendliche mit dieser Schwäche umzugehen weiß. "Schwarze Schafe im Lebenslauf muss man erklären können. Danach wird im Bewerbungsgespräch gerne gefragt. Auch hier gilt es, authentisch und ehrlich zu sein, denn die Person kann trotzdem zum Ausbildungsplatz passen und der optimale Bewerber sein", so der Profi.

Das Zünglein an der Waage

Auch die sogenannten Kopfnoten, also für Verhalten und Mitarbeit, müssen nicht immer ein Grund sein, einen Bewerber anzunehmen oder abzulehnen, weiß Buckel: "Das muss man differenziert betrachten. Natürlich sind die Kopfnoten aussagekräftig, aber nicht jeder Arbeitgeber bezieht sie gleich in die Entscheidungsfindung mit ein. Manch einer schaut sich zuerst die anderen Noten, den Lebenslauf oder das Anschreiben an." Doch er weiß auch: Ist ein Ausbildungsplatz sehr beliebt und es gibt viele Bewerber, dann kann eine Kopfnote das Zünglein an der Waage sein.

"Wenn wir mit Schülern arbeiten, dann versuchen wir auch, ihnen zu vermitteln, welche Regler sie bei der Bewerbung selbst bedienen können, um sich möglichst positiv darzustellen", erklärt Buckel und spricht damit auch das Bewerbungsfoto an. Ein gut gewähltes professionelles Porträt vom Profifotografen darf es bei einer Bewerbung schon sein. "Ein Bild wird vom Betrachter immer interpretiert, deshalb sollte es gut sein. Vom biometrischen Passbild würde ich abraten, die sind ja eine Katastrophe", sagt Buckel, lacht und rät gleichzeitig auch von mit Photoshop bearbeiteten Bildern ab: "Dazu würde ich Nein sagen, denn gestylt und gut angezogen sieht man ja eh schon ganz anders aus wie im echten Leben."

Wie das "echte Leben" eines Bewerbers aussieht, auch daran haben Unternehmen und Betriebe Interesse, weshalb ein wichtiger Teil der Bewerbung ist, die eigenen Hobbys, Interessen und Aktivitäten darzulegen. "Hier können Jugendliche zeigen, dass sie bereit sind, sich einzubringen und für etwas zu kämpfen. So sehen Firmen, dass sie bereit sind, Zeit zu investieren und etwas zu machen, vor allem Sachen, die Kontinuität aufweisen, wie ein Ehrenamt oder Zeitungen austragen", weiß Buckel aus Erfahrung.

Eine Bewerbung ist also am Ende immer eine sehr individuelle Sache, auch wenn sie sich aus vorgegebenen Elementen zusammensetzt. Deshalb ist es auch richtig und wichtig, dass der Bewerber der Bewerbung eine individuelle Note gibt. Doch von zu viel Kreativität rät Buckel ab: "Man darf es nicht übertreiben. Ich würde davon Abstand halten, die gewohnte Form total umzukrempeln. Platz für Kreativität ist bei der Gestaltung des Deckblattes oder bei der Wortwahl im Anschreiben. Auch bei der Darstellung des Lebenslaufes gibt es unterschiedliche Möglichkeiten." Letztendlich geht es bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz darum, einem potenziellen Arbeitgeber zu vermitteln, dass sich der Jugendliche mit sich, seinem Berufswunsch und den Wünschen des Arbeitgebers auseinandergesetzt hat. Denn, so fasst Buckel zusammen: "Was ist eine Bewerbung? Lassen Sie das ,Be' weg, dann haben Sie Werbung."

Die gesichtslose Bewerbung

Auf Angaben wie Name, Geburtsdatum oder Herkunft wird beim anonymisierten Bewerbungsverfahren verzichtet, sodass ausschließlich die Qualifikation der Bewerbenden zählt. So werden nachweislich die Chancen insbesondere für Frauen oder auch Menschen mit Migrationshintergrund auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhöht.

Für je zwölf Monate haben Unternehmen wie zum Beispiel die Deutsche Post, L'Oréal, Mydays oder Procter and Gamble neue Wege der Personalrekrutierung ausprobiert. Beim Pilotprojekt wurden mehr als 8500 Bewerbungen anonymisiert eingesehen, 246 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze wurden erfolgreich besetzt.

Ein Pilotprojekt des Landes Baden-Württemberg belegte ebenfalls: Anonymisierte Bewerbungsverfahren erhöhen die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigt eine Umfrage, die bereits letztes Jahr in Stuttgart vorgestellt wurde. Auf Initiative der baden-württembergischen Integrationsministerin Bilkay Öney hatten sich im Jahr 2013 elf baden-württembergische Unternehmen und Verwaltungen an einem Modellprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren beteiligt. Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) Bonn befragte Bewerbende und Personalverantwortliche und hielt die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Studie fest. 981 Bewerbungen gingen ein, 354 Bewerbende wurden zu einem Eignungstest eingeladen, 67 Personen erhielten ein Jobangebot beziehungsweise einen Ausbildungsplatz.

Nach Angaben des IZA konnte auch in Baden-Württemberg nachgewiesen werden, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen. In einer Befragung wurde dies von Personalverantwortlichen und Bewerbenden gleichermaßen bestätigt. Die Umfrage belegte, dass die Qualität der Bewerbungen gestiegen sei. Zudem sei der Prozess der Personalauswahl durch das Ausfüllen von standardisierten Bewerbungsbögen beschleunigt worden, da nur noch für die konkrete Stelle relevante Daten zur Qualifikation, Berufserfahrung und fachspezifischen Fortbildungen eingehen. (Quelle: Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

JUVO

Zur Person

Als Geschäftsführer der Firma K & B, Kompetenz und Bildung GmbH aus Crailsheim, veranstaltet Marcus Buckel jährlich Ausbildungsmessen für Schüler zur Unterstützung der vertieften Berufsorientierung. Außerdem bietet er Programme zu Berufsorientierung und Bewerbung für Haupt-, Werkreal-, Gemeinschafts- und Realschüler an. Zudem ist er in der Schülerförderung tätig und betreibt ein eigenes Schülerförderungsinstitut in Kirchberg.

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