Schwäbisch Hall/ Crailsheim Beschützende Werkstätten bieten Menschen mit Behinderung regelmäßige Arbeit

Schwäbisch Hall/ Crailsheim / SASCH 21.03.2016
Druck raus, Lob rein: In den Beschützenden Werkstätten in Schwäbisch Hall und Crailsheim gibt es keinen Wettbewerb unter den Beschäftigten, dafür aber viele Emotionen.

Die Beschützende Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte Heilbronn ist eine diakonische Einrichtung der Behindertenhilfe. Sie ist unter anderem in Schwäbisch Hall und Crailsheim vertreten.

Die Beschützende Werkstätte wurde 1967 von der Heilbronner Bürgerschaft gegründet und ist heute mit mehr als 1900 Mitarbeitenden an sieben Standorten in der Region tätig. Rund 1300 Menschen mit Behinderung werden in den Bereichen Arbeit, Förderung und Betreuung, Bildung sowie im Wohnbereich bei der selbst gestalteten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unterstützt. Wir gingen für einen Tag neugierig hinterher:

"Kannst du mir den Schuh zubinden?“ Ich bin noch keine zwei Meter durch die Eingangstür, da bücke ich mich und binde zwei Schnürsenkel eines mir Fremden zu. Der bedankt sich und geht weiter. Ich auch. Er begrüßt seine Kollegen mit einer Umarmung. Ich gebe einigen die Hand. Die wird dann lange nicht losgelassen.

Es ist 7.15 Uhr. Der Aufenthaltsraum im Hauptgebäude der Beschützenden Werkstätten im Aschenhausweg füllt sich. Um halb acht macht es „Ding Ding Ding“ – Arbeitsbeginn! Gemütlich gehen die Mitarbeiter an ihre Plätze in den Werkstätten. In der Papierabteilung sitzen etwa 30 Mitarbeiter an zwei großen Tischen. Sie stecken geknickte Briefe in Umschläge. Julchen springt auf und zeigt mir, wie es geht. Wichtig sei, dass die Adresse im Sichtfenster erscheint.

In der Schreinerei werden Holzfliesen für die Saunen der Firma Klafs hergestellt. Vier Männer und eine Frau arbeiten an einem Tisch. Einer reicht dem anderen seine fertige Arbeit weiter. Auflegen, festschrauben, rausnehmen, verpacken. Ich darf auch mal schrauben. Mit einem Druckluftschraubenzieher wird auf die richtige Stelle gesetzt, runtergedrückt, klick, hoch, Schraube drin. Nach zehn Schrauben spüre ich die Muskeln im Bauch. Ich sage das und werde ausgelacht. Die anderen spüren nichts.

In der Elektroabteilung sitzt Manuela Klein und baut Energieregler zusammen. Das blaue, das grüne und das gelbe Kabel müssen in der richtigen Reihenfolge liegen, sonst gebe es einen Kurzschluss, erklärt sie. Sie mag ihre Arbeit – auch wenn sie manchmal keine Lust hat. Um sie herum sitzen vier weitere Mitarbeiter. Sie reden kaum miteinander. Man muss sich doch ein wenig konzentrieren. Und sie mag es ruhig. Darum geht sie auch nicht in die Kantine, als es um 9.30 Uhr zur Vesperpause läutet. Sie bleibt am Platz sitzen und isst eine Banane.

Schrauben für den Porsche

Uwe Menschl ist Gruppenleiter in der Elektroabteilung. Kurz vor der Frühstückspause spritzt er einer Mitarbeiterin Insulin und misst ihre Blutwerte. Beide lachen dabei, es ist ihr Ritual, mehrmals täglich.

„Den Uwe mögen wir ganz arg“, sagt Heidi Braden und schraubt an ihrem Platz zwei Kabel in eine Lüsterklemme. Vor ihr steht eine große Kiste voll davon. Für Ziehl-Abegg. „Hier wissen alle, für wen wir gerade einen Auftrag bearbeiten“, sagt Uwe Menschl. Einmal haben sie Schrauben für Porsche bearbeitet. Als er nach Feierabend mit einem Mitarbeiter über die Straße ging, fuhr ein Porsche vorbei. „Ohne mich tät der nicht rumfahren“, bemerkte der Mitarbeiter.

Uwe Menschl ist mal hier und mal dort. Mal klemmt eine Maschine, mal braucht jemand Material, mal will jemand mit ihm sprechen oder ihn umarmen. „Uwe, komm schnell!“, ruft es plötzlich. Eine Mitarbeiterin ist hingefallen. Er hilft ihr auf. „Nix passiert!“, sagt er.

Er hat lange Zeit bei einem der größten Holzhersteller gearbeitet. Der Maschinenbaumeister hatte dort eine gehobene Stellung. Aber weil „es Menschen gibt, die andere Menschen brauchen“, machte er eine pädagogische Zusatzausbildung und wechselte die Stelle. Hier wird er jeden Morgen mit großem Hallo begrüßt und am Abend von jedem verabschiedet. „Papa, hilf mir doch mal erklären, was Fit for Job ist!“, spricht ihn Conny Metzger an. Die 34-Jährige nennt ihn Papa, weil er eben wie einer für sie ist. Sie lebt in Hall in einer Pflegefamilie und wird gerade darauf vorbereitet, die Beschützenden Werkstätten zu verlassen. Sie bekommt dazu Fortbildungen. Da lernt sie, wie man sich richtig anspricht, begrüßt, vorstellt und auch, wie man Bewerbungen schreibt. Sie möchte gerne im Café Samocca in Hall arbeiten. Weil da ihre Freundin Viola arbeitet.

„Die Beschützenden Werkstätten sollen keine Einbahnstraße sein“, sagt Uwe Menschl. Wenn der Wunsch besteht, vermittelt man die Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt. Viele kämen mit dem Druck nicht klar, erzählt der Gruppenleiter. Zirka die Hälfte komme zurück.

Auch unter dem Dach der Beschützenden Werkstätten gebe es Druck. Er selbst lobt lieber, statt zu hetzen. „Wir sind heute weit gekommen. Ihr habt gut gearbeitet!“ – und dann ist da wieder das Strahlen.

In den Beschützenden Werkstätten gibt es keinen Wettbewerb. Dafür aber Emotionen.

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