So ganz genau kann keiner sagen, wie weit es Luftlinie von den Windrädern, die fast auf der bayerisch-württembergischen Landesgrenze stehen, zu den ersten Häusern von Reubach ist. „Wenn es überhaupt 700 Meter Abstand sind…“, schätzt Friedrich Bullinger.

Der FDP-Landtagsabgeordnete lebt in Reubach und hat sich selbst ein Bild von den zwei Anlagen gemacht. „Ich bin extra in den Wald gegangen“, berichtet er. Die Masten stünden wohl keine drei Meter von der Grenze entfernt. „Wir sind hier jetzt von Windrädern umzingelt.“ Anders als die Bayern hält man sich freilich auf baden-württembergischer Seite an den Abstand, den der Gemeinderat von Rot am See vorgegeben hat: 1000 Meter.

Bundesrecht: 700 Meter

Das Nachbarland beruft sich auf Bundesgesetze, wenn es um Bausachen an Grenzen zwischen Bundesländern geht. Darin ist vorgegeben, dass Abstände von 700 Metern zwischen Windkraftanlagen und Häusern eingehalten werden müssen.

„Es ist ein Unding, dass sie nicht einmal bayerisches Planungsrecht auch für unsere Seite einhalten“, findet der Reubacher Ortsvorsteher Heiko Reinhardt. Im Nachbar-Bundesland nämlich definiert sich der Abstand, den ein Windrad zu einem Haus einhalten muss, entsprechend der Höhe, in der sich der Rotor dreht: Es gilt die sogenannte 10-H-Regel – ein Abstand vom zehnfachen der Anlagenhöhe zu geschützten Wohngebieten ist zu beachten. „Auf ihrer Seite haben sie die dafür notwendigen 2000 Meter zum Ort eingehalten“, sagt Reinhardt. Um die Vorgaben der Kommune Rot am See, die Abstände selbst festlegen kann, schere man sich derweil nicht. „Das eine sind Wettringer Bürger, das andere Reubacher. Wo ist denn da der Unterschied? Das ist doch wirklich ungerecht!“, tut der Ortsvorsteher seinen Unmut kund.

Klatsche für Kommunalpolitik

Er versteht, dass im vorliegenden Fall Bundesgesetze eingehalten werden. Aber laut dem örtlichen Planungsrecht gelte eben ein ­Abstand von 1000 Metern. „Das ist eine kommunalpolitische Klatsche“, findet Reinhardt.

Ihn ärgere, dass man in Bayern wissentlich die Vorgaben des Nachbarlandes missachte. Denn bei der zuständigen Baugenehmigungsbehörde, dem Landrats­amt Ansbach, habe er schon angerufen. Und das habe eben auf die erlassenen Bundesgesetze verwiesen. „Eine für mich blöde Aussage“, so Reinhardt.

Aber so richtig etwas gegen solche Projekte vorzubringen, das könne man sich ja heutzutage kaum noch trauen. „Da kommt dann das Totschlagargument: ‚Oder wollen Sie lieber Atomkraftwerke?’“, meint er. Vor allem rege ihn auf, dass solche Vorwürfe meist von den Leuten aus Ballungszentren kämen, wo zwar viel Strom verbraucht werde, sich aber keine riesigen Windräder drehten.

Es werde auch nichts gegen die beiden Anlagen getan. Eigentlich, so denkt der Ortsvorsteher kurz laut nach, hätte man dagegen prozessieren sollen. „Aber diesen Shitstorm, den das nach sich zieht, den will sicher keiner haben. Da melden sich sofort die Atomkraftgegner“, ist er sich sicher.

Gemeinden sind frei

Auf Nachfrage beim Landkreis Ansbach gibt es allerdings in der schriftlichen Antwort einen weiteren Aspekt: „Städte und Gemeinden können im Wege der Bauleitplanung Baurecht für Wind­energieanlagen schaffen, ohne bei der Aufstellung entsprechender Flächennutzungs- und Bebauungspläne an den 10-H-Abstand gebunden zu sein.“

Will heißen: Bayerische Kommunen können in ihrem Zuständigkeitsbereich eigene Abstandsflächen festlegen, die nicht an die landesweite Regelung angeknüpft werden müssen. „Davon hat die Gemeinde Wettringen bezüglich der auf ihrem Gemeindegebiet befindlichen Windräder Gebrauch gemacht“, so das Landrats­amt in seinem Antwortschreiben weiter.