Musik Basisdemokratie mit vier mal vier Saiten

Ralf Snurawa 29.04.2017

Entstanden war das Ensemble eigentlich schon im Jahr davor, also 1991. Damals lösten sich zwei andere Ensembles gerade auf: das Nicolai-Quartett aus Stuttgart und das Hohenloher Streichquartett in seiner früheren Zusammensetzung. Vom Nicolai-Quartett fanden Magdalene Kautter (Violine) und ihr Mann Wolfgang Hermann-Kautter (Viola), vom Hohenloher Streichquartett Jochen Narciß (Violine) und Jörg Baier (Violoncello) zusammen. Im Oktober 1991 wurde erstmals geprobt.

Nach dem ersten Konzert in der Schweiz folgte das zweite im März 1992 in Crailsheim im Volksbanksaal. Felix Mendelssohns Streichquartett in e-Moll op. 44 Nr. 2 und Antonín Dvoráks Es-Dur-Quartett op. 51 standen damals auf dem Programm.

Dass nun am 6. Mai zum Jubiläumskonzert dasselbe Mendelssohn-Werk zu hören sein wird, ist also zum einen als Rückblick, zum anderen auch als Statement zu verstehen. Die vier Musiker, heute mit Dietrich Schüz neben Magdalene Kautter an der Violine, nehmen früher schon einmal interpretierte Werke immer wieder auf. Zuletzt war das 2016 so, als sie sich des Streichquartetts von Claude Debussy angenommen haben – und dabei auch für sich selbst Neues entdecken konnten. Wolfgang Hermann-Kautter sieht darüber hinaus die Interpretation gewandelt: „Man versucht, die 25 Jahre hörbar werden zu lassen.“ Das könne man auch in eine andere Richtung als die der Lebenserfahrung deuten, erwidert Ehefrau Magdalene darauf schmunzelnd, und zwar in Richtung Ermüdung. Davon kann beim Hohenloher Streichquartett keine Rede sein.

Streichquartett ist das Beste

Die Musiker sind eifrig beim Planen der nächsten Konzerte, die sie nach dem Jubiläumskonzert nach England führen werden. Und wenn man fragt, warum sie sich als Musiker gerade für das Streichquartett als Ensemble entschieden haben, trifft die Antwort „Weil es das Beste ist“ von Jörg Baier nur auf Kopfnicken. Alle Komponisten hätten hervorragende Werke für diese Besetzung geschrieben, ergänzt er. Es gebe eine „Fülle von Superstücken“, fällt ihm Wolfgang Hermann-Kautter ins Wort, um gleich noch hinzuzufügen, dass das Hohenloher Streichquartett davon bisher nur einen Bruchteil gespielt habe. Außerdem sei das Quartettspiel ein guter Lehrmeister, fügt er noch an. Dietrich Schüz fällt ein, dass viele Musiker meinten, sie müssten die Stücke irgendwann einmal nicht mehr üben. Die Strafe folge bei Streichquartett-Wiedergaben auf den Fuß, denn, so Jörg Baier: „Im Konzert sitzt jeder allein vor seiner Stimme. Man muss es dann hinbekommen.“ Das „selbstbestimmte Musikmachen“ komme, so Magdalene Kautter, noch hinzu, was Jörg Baier gleich zu „basisdemokratisch“ erweitert. Ein „Gesellschaftsmodell“ sei das Quartettspiel, wobei ein gewichtiger emotionaler Teil noch mitgedacht werden müsse.

Deshalb sei ein Bestehen über 25 Jahre schon etwas Besonderes. Magdalene Kautter sagt, warum: „Man ist sich gegenseitig der härteste Kritiker.“ Und man müsse eigene Ideen auch einmal hintanstellen. „Man ist befreundet, kennt sich gut – und die Schwächen des jeweils anderen. Damit muss man umgehen und sich arrangieren“, ergänzt Dietrich Schüz.

Jörg Baier gibt einen Einblick in die Probenarbeit des Ensembles: „Es gibt nur wenige Stellen, zu denen man sich nicht einig ist. Es geht nicht darum, dass drei Ensemblemitglieder dafür sind und einer dagegen, sondern auch, warum das so ist. Und man probiert dann dasselbe in verschiedenen Versionen.“ „Und in der nächsten Probe machen wir das Fass dann wieder auf“, fügt Dietrich Schüz lachend an. Das Finden eines Probenraums war immer ein besonderer Akt beim Hohenloher Streichquartett. Die Backstube von Jörg Baier musste dafür schon genauso herhalten wie der Eurythmieraum der Waldorfschule. Inzwischen treffen sich die vier Musiker einmal in der Woche für einen ganzen Tag auf Burg Horkheim in Heilbronn, dem Domizil der Eltern von Dietrich Schüz, der sonst in Karls­ruhe lebt und arbeitet.

Bei Proben gibt’s Kuchen

Beim Finden der Probenorte habe früher oft das Familiäre oder der Beruf mit hineingespielt, erinnert sich Magdalene Kautter. Sie ist inzwischen Dozentin für Violine, Viola und Kammermusik an der Berufsfachschule Dinkelsbühl. Ihr Mann Wolfgang Hermann-Kautter ist als Praktikumsbetreuer in der Oberstufe und als Orchesterleiter sowie Violin- und Viola­lehrer an der Freien Waldorfschule in Crailsheim tätig, Letzteres auch über die Waldorfschule hinaus. Dietrich Schüz wirkt freiberuflich als Musiker. Schwerpunkt ist bei ihm die historische Aufführungspraxis wie beim Karlsruher Barockorchester; er spielt aber auch in weiteren Kammermusikensembles. Und Jörg Baier hat als Bäckermeister einen Betrieb zu managen. Das macht man auch nicht gerade nebenher. Magdalene Kautter stellt dazu fest, dass es seine Vor- und Nachteile habe, mit einem Bäcker zu spielen. Dazu gehören Anrufe bei den Proben, wenn in der Bäckerei mal etwas schief läuft. Dafür könne man sich mittwochs zur Probe auf Kuchen und anderes Gebäck freuen, und: „Wenn wir schon mit einem Bäcker spielen, dann muss es ein guter sein.“ Und da sind sich dann die beiden Violinspieler und der Bratschist einig, dass Jörg Baier zu dieser Art Bäcker gehört.

Dass er das Cellospiel genauso gut beherrscht wie das Backen, daran besteht bei Jörg Baier kein Zweifel. Im Gespräch ist auch er es, der betont, dass das Hohenloher Streichquartett – verbunden mit einem Verzicht auf eine Zusammenarbeit mit einer Musikagentur – zwar nur zehn bis 20 Konzerte im Jahr gebe, aber dass man sich daher ein Werk viel intensiver erarbeiten könne. Das konnte man in der Vergangenheit vor allem bei den sogenannten Werkstattkonzerten feststellen. Lang hätten sie da am Programm gefeilt, so Jörg Baier, und viel Zeit in das Quellenstudium und das Aufbereiten fürs Konzert investiert. Für Wolfgang Hermann-Kautter machen die Werkstattkonzerte zwar immer noch Sinn, gerade in Regionen, in denen das Musikangebot nicht so groß ist; aber er und seine Mitspieler wollen sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren. Das kann neben dem Quartettspiel auch die Erweiterung um einzelne Musiker zur Quintett- oder Sextettbesetzung sein.

Impulse von außen

Das ist den Musikern des Hohenloher Streichquartetts gerade wichtiger, zumal neue Partner im Zusammenspiel auch wichtige Impulsgeber sein können. Begonnen hatte das Hohenloher Streichquartett damit schon recht früh: 1993 mit dem Brahmsschen Klavierquintett in f-Moll und Pianist Rüdiger Bohn, wieder aufgenommen 2015 mit Markus Hadulla als Pianisten – und dieses Jahr noch einmal im Herbst: Das Klarinettenquintett von Carl Maria von Weber spielten sie gemeinsam mit Wolfgang Meyer. Das Streichquintett von Franz Schubert taucht übrigens am häufigsten in den Programmen der letzten 25 Jahre auf: Fünfmal haben sie es zusammen mit der Cellistin Johanna Messner schon gespielt. Mit ihr und der Bratschistin Anna Niehaves geht es im Juni unter anderem nach Oxford, wo das g-Moll-Streichquintett von Wolfgang A. Mozart und das Streichsextett in G-Dur von Johannes Brahms zu hören sein werden.

Hohenloher als Botschafter

Handelt es sich bei den Aufenthalten in England um reine Konzerttermine, widmet sich das Ensemble seit 1993 in etwa alle zwei Jahre im Castello Cennina in der Toskana dem intensiven Proben. Osvaldo Righi hat die Burg 1960 gekauft und zu einem „Centro Internazionale di Cultura“ ausgebaut. Musikergrößen wie der Violinvirtuose Salvatore Accardo, der Violinspieler, Dirigent und Spezialist für Aufführungspraxis Thomas Hengelbrock, oder die Bratschistin Tabea Zimmermann haben auch schon den Weg dorthin gefunden und Konzerte gegeben. Auch das Hohenloher Streichquartett beschloss seine Probenwoche mit begeistert aufgenommenen Konzerten – und genoss ansonsten die Ruhe, Abgeschiedenheit und die wundervolle Gegend. 2014 gab das Hohenloher Streichquartett dann seine ersten Konzerte in England. Zweimal hatten die Musiker zuvor in Crailsheims Partnerstadt Pamiers konzertiert: 1999 und 2007. Bedingung war, ein Stück des berühmtesten Musikers der französischen Stadt zu spielen. Das Werk von Gabriel Fauré erwies sich allerdings nicht gerade als Geschenk und verlangte dem Ensemble viele Proben ab.

In der Pause gestillt

Auslandsaufenthalte sind Wolfgang Hermann-Kautter auch weniger angenehm in Erinnerung. Denn zweimal hatte er mit Rückenproblemen zu kämpfen. In der Toskana hatte er sich einen Hexenschuss zugezogen – und das ausgerechnet kurz vor seinem Solo zu Beginn von Bedrich Smetanas e-Moll-Streichquartett. Ein Osteopath im Publikum hat ihm nach dem Konzert dann geholfen. Die Schmerzensschreie sind den anderen Ensemblemitgliedern bis heute in Erinnerung. Unvergessen ist auch, dass Wolfgang Hermann Kautter liegend im Auto nach Pamiers transportiert werden musste. Konzertabsagen gab es wegen Zwischenfällen auch – weil etwa Jörg Baier sich in der Backstube in eine Fingerkuppe geschnitten hatte.

Die Kinder der Musiker haben sie an Auftritten gehindert. Gerade der Nachwuchs der Kautters musste öfters zu Konzerten mit. Da wurde dann in der Pause gestillt, und auf der Rückfahrt musste man schon mal mit Babygeschrei leben. Zum Glück schliefen die Kinder des Öfteren zu Streichquartettklängen ein. Um Wiegenlieder handelte es sich dabei nicht, zumindest dann nicht, wenn Béla Bartóks fünftes Streichquartett oder die große Fuge in B-Dur von Ludwig van Beethoven im Kautterschen Haus geprobt ­wurden.

Noch keine letzten Wünsche

All diese Erlebnisse scheinen die Quartettmitglieder regelrecht zusammengeschweißt zu haben, denn bei der Frage nach der Zukunft klingt das Aufhören nicht an. Letzte Wünsche habe man noch keine, berichtet Dietrich Schüz schmunzelnd. Doch wenn man das Stück, das man schon lange spielen wollte, aufgeführt hat, sei die Gefahr schon da, anschließend ans Aufhören zu denken. „Ein bisschen kompromissloser sind wir schon geworden“, ist sich Magdalene Kautter sicher, was ihr Ehemann allerdings sofort als „kühnen Spruch“ einstuft. Zumindest Dietrich Schüz will „weitermachen, so lang es Spaß macht“. Das Vibratospiel werde halt zunehmen, blickt er augenzwinkernd in die Zukunft. Um die des Hohenloher Streichquartetts muss man sich keine Sorgen machen, das hat das Gespräch aus Anlass des 25-jährigen Bestehens beeindruckend klargemacht.

Jubiläumskonzert im Crailsheimer Rathaus

Das 1991/92 gegründete Hohenloher Streichquartett erlebte 1994 seine erste Besetzungsveränderung. Für Jochen Narciß kam Sabine Kraut als zweite Violinspielerin. Sie gehörte dem Ensemble bis 2004 an, musste dann aber wegen einer Stelle an der Stuttgarter Musikhochschule aus Zeitgründen das Quartettspiel aufgeben. Für sie folgte Angela Pastor bis 2010, ehe dann Dietrich Schüz die Position des zweiten Violinspielers einnahm. Magdalene Kautter kannte ihn noch aus Studienzeiten, als sie im Jugendorchester in Reutlingen zusammenspielten.
Das Jubiläumskonzert mit dem Hohenloher Streichquartett findet am Samstag, 6. Mai, um 19.30 Uhr im Crailsheimer Rathaussaal statt. Auf dem Programm stehen das siebte Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch, Ludwig van Beethovens erstes Streichquartett op. 18 Nr. 1 in F-Dur und das e-Moll-Quartett op. 44 Nr. 2 von Felix Mendelssohn.
Karten gibt’s im Bürgerbüro im Rathaus.