Crailsheim Aus 4000 werden 390.000 Liter Milch

Josef Vögele sieht im Milchwerk Crailsheim-Dinkelsbühl sein Lebenswerk.
Josef Vögele sieht im Milchwerk Crailsheim-Dinkelsbühl sein Lebenswerk. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Birgit Trinkle 14.06.2018
Seit 90 Jahren ist die Milchwerk eG in der Hardtstraße eine Crailsheimer Institution: Die alte Dame war noch nie so voller Leben.

Vier, sechs Wochen, dann kann das neue Bürogebäude des Milchwerks genutzt werden. Für Josef Vögele ist das keine große Sache: Notwendig, ja. Durch die neue EDV mit vielen Erleichterungen verbunden, natürlich. Die Neubaupläne wurden 2016 in einem für die Landwirtschaft verheerend schlechten Jahr auf Eis gelegt; jetzt war’s an der Zeit. Aber bei einer Betriebsbesichtigung widmet Vögele dem fast fertiggestellten Neubau kaum Zeit, kaum Raum. Es ist die Verarbeitung von Rohmilch zu Käse, die ihn schwärmen lässt, erklären, von neuen Produkten wie dem „Grillkäse Honey BBQ“ erzählen.

Was bereits bei der Generalversammlung der Milchwerk Crailsheim-Dinkelsbühl eG anklang, die Freude über ein Rekordjahr 2017, setzt sich 2018 fort. Es läuft, und zwar richtig gut, in dieser 1927 aus der Taufe gehobenen Crailsheimer Institution. Ein Jahr später, vor 90 Jahren, wurde der damals wie heute sehr großzügige Bau bezogen und in Betrieb genommen.

Faszination Milch

Seither hat sich so viel verändert. Wichtigster Schritt war wohl die Umstellung von der Molkerei zur Käserei. Wichtigster Faktor fürs Fortbestehen waren immer Menschen wie Josef Vögele, für die das Milchwerk nicht nur Arbeitsstelle war. Als Vögele 1974 seine Lehre in einer Molkerei begann, war das der Beginn einer  Faszination, die bis heute seinen Alltag prägt: Milch sei ein ganz besonderer und sehr wertvoller  Stoff, „von der Physik, von der Chemie, von all den Möglichkeiten her.“ Seit 2012 ist er in Crailsheim und geht auf in der Aufgabe, gemeinsam mit 178 Mitarbeitern, 42 Saisonarbeitern sowie rund 400 Milchbauern Käse zu produzieren. So viel Käse wie nie zuvor.

Die außerordentlich gute Entwicklung ist vor allem den sich verändernden Essgewohnheiten der Deutschen zu verdanken: Kaum ein Grillabend, an dem mittlerweile kein Grillkäse auf dem Rost liegt. Und fast ein Drittel der Deutschland-Produktion, nämlich rund 2200 Tonnen Grill- und Pfannenkäse für den Handel, entsteht in Crailsheim. 800 Tonnen gehen in die Gastronomie. Hinzu kommen 14.000 Tonnen Weißkäse – nur die Griechen dürfen von Feta sprechen – und rund 2000 Tonnen Kashkaval-Schnittkäse: 19.400 Tonnen Käse im Jahr 2017 ist eine Menge, in jedem Fall 350 Tonnen mehr als 2016.

Andere Essgewohnheiten

„Und die Tendenz ist steigend“, sagt Vögele mit Blick auf neue Sorten und generell neue Trends in der Ernährung. 390.000 Liter Milch werden jeden Tag angeliefert, auch am Wochenende und an Feiertagen, entsprechend mehr wird an Werktagen verarbeitet. Zum Vergleich: Vor 90 Jahren waren es 4000 Liter täglich, die Landwirte aus der Umgebung liefern konnten. Die verarbeitete Gesamtmilchmenge erhöhte sich im vergangenen Jahr um 8,3 Millionen Liter.

Das zählt für Josef Vögele. Oder auch die Gold- und Silberpreise der DLG. Und die Notwendigkeit der zeit- und kraftraubenden Audits, ohne die es  freilich keinen Zugang zum Markt gibt. Der Neubau, der mit der  EDV rund 3,9 Millionen Euro kosten soll, ist da bloße Notwendigkeit: Die Sanierung des bestehenden Bürogebäudes aus den 50er-Jahren wäre durch Forderungen des Brandschutzes und Gebote wie das der Barrierefreiheit vermutlich teurer gekommen.

Wenn er von einer schlanken Verwaltung spricht, meint Vögele das so: Mit ihm sind’s acht Mitarbeiter. Möglich ist das nur, weil die Firma Garmo in Stuttgart, die die Gazi-Produkte hält, für Crailsheim Marketing und Vertrieb übernimmt; einige Handelsketten werden direkt beliefert, das meiste geht über die Garmo-Lager.

Milchwerk im 21. Jahrhundert

Der Rundgang im ältesten Teil des Milchwerks – die Grundmauern sind aus den Jahren 1927/28 – führt ins mikrobiologische Labor, in dem Julia Kilian, Nils Vogt und ihre Kollegen mit modernster Technik in zwei Schichten jeden Tag über 200 Proben ziehen, angefangen bei der frisch angelieferten Milch bis zum fertigen Käse – wobei nicht nur Bakterien interessant sind, sondern auch Eiweiß-, Salz- und Fettgehalt. Daniel Schroth ist an diesem Tag Herr über den Maschinenpark – der in drei Schichten rund um die Uhr besetzt ist –  und erklärt, wie jeden Monat 1,3 Millionen Kilowatt Gas und 900.000 Kilowatt Strom verbraucht werden. Eine Station weiter haben auf einem 60 Meter langen Band 35.000 Liter pasteurisierte Milch Platz, die unter anderem Dank Lab binnen einer halben Stunde so fest werden, dass sie geschnitten werden können. Das ist die Milchwerk-Welt. Das ist Vögeles Welt. Mit dem Milchwerk des Jahres 1928 hat das alles nicht mehr viel zu tun. Der Grundgedanke aber hat sich nicht verändert.

Gute Zahlen wie nie zuvor in 90 Jahren

Der Umsatz von 72 Millionen Euro ist ein Rekordergebnis und liegt damit um 6,6 Millionen Euro höher als das Vorjahresergebnis. Zu verdanken ist das der Entwicklung am Milchmarkt, aber auch der Verarbeitung weiterer Rohstoffmengen.
Gewinn vor Steuern: 510.988 Euro;
Überschuss 473.993 Euro.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel