Wandbild Aufruf zum Widerstand

Das großformatige Bild des Künstlers Gerhard Frank an der Geschwister-Scholl-Schule erinnert an die Namensgeber der Schule.
Das großformatige Bild des Künstlers Gerhard Frank an der Geschwister-Scholl-Schule erinnert an die Namensgeber der Schule. © Foto: Helga Steiger
Helga Steiger 13.01.2018

Vor 75 Jahren wurden Hans und Sophie Scholl in der Münchner Universität beim Verteilen von Flugblättern gegen die nationalsozialistische Diktatur von Jakob Schmid entdeckt, der Hausmeister zeigte sie bei der Gestapo an. Das war am 18. Februar 1943, nur vier Tage später wurden die beiden zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet. Um ihrer zu gedenken und um an ihren aktiven Widerstand zu erinnern, wurden die Geschwister Scholl nach 1945 als Namenspaten für zahlreiche Straßen, Plätze und öffentliche Einrichtungen gewählt. In Deutschland ist der Titel „Geschwister-Scholl-Schule“ inzwischen der am häufigsten gewählte Name für eine Schule.

Auch in Ingersheim erhielt die Schule 1964 diesen Namen, und es ist zudem ein direkter Bezug gegeben: Die Familie Scholl lebte in Ingersheim von 1917 bis 1919, weil der Vater Robert Scholl hier Bürgermeister geworden war. Hans Scholl wurde in Ingersheim geboren.

Als sich 1982 der damalige Schulleiter Walter Strähle gemeinsam mit Siegfried Wieler, dem Leiter des Stadtbauamtes, an den Crailsheimer Maler Gerhard Frank wandte, um zwei Gemälde im Inneren der Schule in Auftrag zu geben, war für diesen gleich klar, welche Thematik das große Bild im Foyer haben sollte: Es sollten die Geschwister Scholl zu sehen sein. Gerhard Frank besuchte daraufhin das Konzentrationslager in Dachau, was ihm wichtige Impulse für die Bildgestaltung gegeben hat, wie er selbst sagt: „Da sieht man dieses Elend, diese Brutalität, so ist dann das Bild entstanden.“

Der weitere Entstehungsprozess des Gemäldes ist bemerkenswert: Gerhard Frank arbeitete täglich vom 20./21. April – den Gedenktagen der Zerstörung Crailsheims – bis zum 19. Mai 1982 etwa drei bis vier Stunden am Bild, und dies ausschließlich nachts, denn damals war Frank tagsüber noch mit der Leitung seiner Konditorei beschäftigt. Das Gemälde entstand direkt vor Ort, allerdings nicht am späteren Anbringungsort in der Eingangshalle, sondern im Flur, wo Gerhard Frank nur knapp zwei Meter Abstand zum Bild nehmen konnte: „Es war außerordentlich schwierig, das Bild im Gesamtmaß zu überschauen und zu kontrollieren.“ Frank war sehr erleichtert, dass nach der Hängung in der Eingangshalle keine perspektivischen Unstimmigkeiten sichtbar wurden.

Stilles, zeitloses Werk

Zum 80. Geburtstag von Hans Scholl am 22. September 1998 berichtete Gerhard Frank über die Entstehung in einem Vortrag: „Es ist eine große Anforderung an einen Maler, ein Bild über die Geschwister Scholl zu fertigen, was mir von Anfang an bewusst war. Und da es der Öffentlichkeit zugänglich ist, ist besonders dieses Thema vielseitigen Kritiken ausgesetzt. Deshalb habe ich versucht, ein möglichst stilles, anonymes und zeitloses Werk zu schaffen.“

Im Aufbau erinnert das Bild an ein Triptychon: In der Mitte ist eine ummauerte, mit Stacheldraht umgebene und von Türmen umringte Bastion zu sehen, ein „Machtgebäude aus Stein und Eisen“, wie Gerhard Frank sagt. Zu beiden Seiten stehen Personen. Eine Menschengruppe links steht eng gedrängt mit gesenkten Köpfen, rechts teilen eine Frau und ein Mann in bewegter Geste Blätter aus, diese wehen hinüber zur anderen Gruppe, an der Festung vorbei, wo zwischen Steinkreuzen zwei Gestalten am Boden nach den Blättern zu greifen versuchen. Die Gesichter aller Menschen bleiben anonym. Gerhard Frank präzisierte in seinem Vortrag: „Nichts im Bild – weder Zeichen noch Embleme – deuten auf das Dritte Reich hin und auch die beiden Hauptdarsteller können als Stellvertreter für alle, die irgendwann und irgendwo für den Widerstand ihr Leben lassen oder gelassen haben, betrachtet werden.“

Den aktuellen Bezug stellt Frank mit den Blättern her, die aus dem Bildrahmen über die Wandfläche heraus wehen und zu Füßen des Betrachters auf dem Boden liegen. Sie sind eine Aufforderung, das Streben nach Freiheit, das in den Flugblättern der Weißen Rose zum Ausdruck kam, aufzunehmen und weiterzutragen. Heute sagt Gerhard Frank dazu: „Das war für mich wichtig, dass nicht mit Waffen gegen ein System vorgegangen wird, sondern mit einem ganz einfachen Papier, auf dem eine Meinung steht.“

Info Marinela Seitz gibt in ihrem Buch über die moderne Kunst in Crailsheim auch einen Überblick zur künstlerischen Arbeit von Gerhard Frank. Das Buch ist im Stadtarchiv erhältlich.

Gerhard Franks zeichnerisches Talent zeigte sich bereits in seiner Schulzeit

Gerhard Frank wurde 1948 in Crailsheim geboren, als Sohn von Wilhelm und Luise Frank, die eine Konditorei mit Café in der Karlstraße betrieben. Frank führte die Familientradition weiter und absolvierte eine Konditorlehre, die er 1967 als zweiter Landessieger abschloss. Nach der Meisterprüfung 1971 übernahm er 1976 den Betrieb und eröffnete noch im gleichen Jahr die Galerie im Café Frank, in der wechselnde Ausstellungen und Autorenlesungen veranstaltet wurden. Heute befindet sich im ehemaligen Caféraum im Obergeschoss der Ausstellungsraum, der mit Cornelia Schuster-Frank bei einer Führung besucht werden kann.

Als freischaffender Künstler ist Frank seit 1988 tätig. Sein zeichnerisches Talent hatte sich bereits in seiner Schulzeit gezeigt, weswegen er beispielsweise vom Crailsheimer Künstler Cornelius Sternmann gefördert wurde. Hier lernte Frank zahlreiche künstlerische Techniken kennen, als Erwachsener bildete er sich als Autodidakt weiter. Von 1993 bis 1996 war er als Dozent an der Haller Akademie der Künste tätig.

Franks künstlerisches Werk ist vielfältig. Seine Serien zeigen jedoch die konstante Auseinandersetzung mit bestimmten Phänomenen, sie beinhalten Schelmereien und Zeitkritisches gleichermaßen. Von 1988 bis 1991 entstanden die surrealistischen Eier- und Schalenbilder, inspiriert von den Unmengen Eiern, die täglich in der Konditorei verarbeitet wurden. Breiten Raum nehmen die Sühne­kreuze und die Terra-incognita-Bilder ein, bei denen sich in ganz charakteristischer Weise Malerei und Zeichnung überlagern und ergänzen. In Crailsheim besonders beliebt sind die charmant-ironischen Clown- und Horaffenbilder. Das Bild in der Ingersheimer Schule bezeichnet der Künstler selbst als eine seiner wichtigsten Arbeiten in der Stadt. hst