Künzelsau Archäologe des Unbewussten

Künzelsau / URSULA RICHTER 22.11.2014
Großer Andrang am Donnerstag in Gaisbach: Die Ausstellung "Rudolf Hausner. Ich bin Es" wird eröffnet. Das Museum Würth stellt mit 80 Exponaten von 1936 bis 1995 die Hälfte der vom Künstler freigegebenen Werke aus.

Der Alma-Würth-Saal reicht für die geladenen Gäste und die interessierte Öffentlichkeit bei weitem nicht aus. Nach einer vom Publikum mit Applaus und Auflachen bedachten Kreisler-Darbietung des Chanson-Entertainers Horst Maria Merz führt Museumsdirektorin Sylvia Weber aus, wie das Museum logistisch an seine Grenzen gekommen sei: wegen der teilweise extrem großformatigen Gemälde auf schweren Novopanplatten. Das Hausner-Bild "Trauriger Europäer" (1977) trägt die Inventarnummer 281 der mittlerweile 16000 Werke umfassenden Sammlung Würth.

Zu der dritten Hausner-Ausstellung bei Würth nach 1991 und 1995 kamen zahlreiche österreichische Gäste. Der österreichische Botschafter Ralph Scheide freute sich, die ganz spezifische Wiener Welt vertreten zu sehen und wandte sich an die Familie Hausner - die Witwe des 1995 Verstorbenen, Anne Hausner, seine Töchter und Enkel - mit der Bemerkung, ihre Wände seien jetzt wohl leer.

Für Dieter Ronte, den ehemaligen Museumsdirektor in Wien, Hannover und Bonn ist es "eine sehr notwendige Ausstellung zum 100. Geburtstag" Hausners. Die Bilder "geben Antworten auf Fragen, die der Künstler gar nicht gestellt hat". Hausners Werk sei von unglaublicher Aktualität. Der Maler verweise auf das Ego: Wo stehe ich eigentlich? Alles, was den Menschen ausmache, thematisiere er. Es handle sich um einen Aufruf zur persönlichen Freiheit. Reverenzen an die Vergangenheit wie Leonardo da Vinci, Botticelli oder das Laokoon-Motiv, die im Mittelteil des großen Ausstellungsraumes hängen, erfuhren eine Neubearbeitung durch den Maler. Van Gogh, Cézanne und auch die Surrealisten spielen im Frühwerk, das gleich rechts neben dem Eingang ausgestellt ist, eine große Rolle.

"Ich bin Es" (1948), das an Arthur Rimbauds "Ich ist ein anderer" erinnert, zeigt schon Elemente des ikonografischen Bildarchivs des Bildbaumeisters, auf das Carl Aigner hinweist. Leitmotive wie die leeren Garnspulen - Hausners Mutter war Schneiderin - tauchen schon hier auf. Weitere Elemente sind etwa der Narrenhut aus Papier, der Matrosenanzug, zerschnittene Scheibenfiguren, Schatten, die selbstständige Konturen bilden (1948), Adam, die Anima, der Schmetterling und andere. Aigner, Direktor des Landesmuseums Niederösterreich St. Pölten, betont das Prinzip der Collage, die mediale Prägung, das Filmische, die selbst gemachten und entwickelten Fotografien als Versatzstücke der Malerei. Er bezweifelt die allgemein übliche Zuordnung Hausners zum phantastischen Realismus: "Hausner malt ein einziges Bild, die fortlaufende Erzählung seines Lebens." Er sei "ein realistischer Maler", seine Spiegeltechnik ist früh entwickelt. Sich selbst als Subjekt vor dem Spiegel zu objektivieren wird Methode. Das "Selbstporträt mit blauem Hut" ist schon 1936 so entstanden. Es ist die erste der vielen Selbstdarstellungen.

Für Reinhold Würth ist es erstaunlich, dass jemand sich so oft selbst malt. Er habe auf seinen "engen, guten Bekannten" gegen das Naserümpfen der Kunst-Fachwelt gesetzt und ist "heute sehr froh über die schöne Kollektion". Lächelnd ergänzt er ". . . auch als Kaufmann".

Unter der Lupe: Rudolf Hausners "Hommage à Leonardo"

Renaissance Das großformatige (200 x 164 Zentimeter), in makellosen Flächen ausgearbeitete Acrylbild entstand, wie für Hausner bezeichnend, in langen Zeiträumen von 1977 bis 1981 und 1984/85. "Hommage à Leonardo" bezieht sich auf die Abendmahlszene des großen Renaissancekünstlers, zentralperspektivisch in einen Gebäudebogen eingefügt. Hausner trug als Junge oft Matrosenanzüge und spielte als Student gerne Billard im Café, auch weil dort geheizt war. Die Jünger, vor allem Bartholomäus, scheinen interessiert die Bemühungen des homo ludens, des spielenden Menschen, zu verfolgen.

Bildachse Hausner wohnte wie Siegmund Freud im Wiener 9. Bezirk. Freuds Konzeption des Unterbewussten, des Es, wird hier in einem sich selbst verletzenden Frauentorso, einer Anima, repräsentiert. Das aus der Wunde fließende Blut fügt sich mit dem Nabel, dem Jungen und dem Christuskopf in eine Bildachse. Die Christusfigur erweckt mit ihrer Geste einen versöhnlichen Eindruck.

URI

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel