Zsuzsanna Fellinger (42) lebt heute in Assamstadt im Main-Tauber-Kreis. Geboren wird sie in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Ihre Mutter heiratet einen Deutschen. Als Zsuzsanna drei Jahren alt ist, zieht die Familie nach Karlsruhe, ihre Schwester kommt dort zur Welt. Als Zsuzsanna neun Jahre wird, kommt es zur schwerer Gewalt in der Familie. Der Vater wird verhaftet, verurteilt und muss ins Gefängnis. Die Mutter ist gesundheitlich massiv angeschlagen und kann ihre Kinder nicht weiter versorgen. Zwei kleine Mädchen sind plötzlich ohne Eltern. Eine Tante übernimmt zwar für ein Jahr die Erziehung, aber dort stimmt für die Kinder das Klima einfach nicht.

"Da will ich hin"

„Es war ein schöner Tag“, erinnert sich Zsuzsanna Fellinger, als sie über das Jugendamt das Kinderdorf in Waldenburg im Hohenlohekreis kennenlernt. „Ich sagte damals gleich – da will ich hin!“ Die Zehnjährige hat diese Entscheidung selbst getroffen. Und Selbstbestimmung, die aktive Gestaltung des Lebens, das ist etwas, das Zsuzsanna Fellinger bis heute ausmacht. „Ich war schon immer sehr eigenständig“, sagt sie nüchtern.

Im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg „habe ich 1984 neu angefangen.“ Die schwere Hypothek eines jäh zerbrochenen Elternhauses auf einem jungen Leben: „Ich hatte lange genug Zeit, damit klarzukommen. Und ich hatte Unterstützung.“

In ihrer Kinderdorffamilie lebt sie mit sieben Pflegegeschwistern, den Hauseltern und deren drei leiblichen Kindern zusammen. Eine große Familie, in der ein komplexer Alltag bewältigt werden will. Ihr Leben in Waldenburg bewertet Zsuzsanna Fellinger dennoch positiv: „Klar hatte dort alles auch seine Ecken und Kanten. Aber mir ging es gut.“

Nach der Kinderdorf-Zeit macht Fellinger eine Ausbildung zur Erzieherin – und arbeitet heute auf einer Halbtagstelle wieder im Kinderdorf. Ein Glücksfall für die Einrichtung, denn mit einer weiteren 30-Prozent-Stelle leitet sie die Ehemaligen-Betreuung.

Eine Stelle von enormer Wichtigkeit, denn: „Normale“ Familien können organisch eine Familienbiografie entwickeln. Verwandte sind oft vor Ort, die Kinder kennen ihre Lebenswelt, schöpfen Sinnhaftigkeit aus der unwillkürlich ablaufenden Konstruktion der eigenen Biografie: Bestimmte Plätze, Fotoalben, vielleicht ein Kindergemälde; vieles bleibt erhalten, eine Lebensrückschau wird möglich.

Anders oft bei Kindern mit Heimkarriere. Wie bei einem Leben aus dem Koffer – es gibt oft wenig Greifbares. Die Kinder- und Jugendzeit ist geprägt durch konfliktreiche Beziehungen im sozialen Umfeld. Loyalitätskonflikte, mangelndes Wissen um die eigene Geschichte und Widersprüchlichkeiten im Leben beeinflussen die Entwicklung der jungen Menschen.

Hier setzt Biografiearbeit an. Wer bin ich, woher komme ich – das sind die zentralen Fragen, die Menschen auch den Blick auf das Heute und in die Zukunft ermöglichen. „Es geht um Dinge, um Ereignisse, die für den jeweiligen Menschen einen Wert, eine Bedeutung haben“, erklärt Zsuzsanna Fellinger. Rund 350 Waldenburger Ehemalige gibt es, viele leben in der Hohenloher Region. „Manche haben gar nichts, an dem sie Erinnerungen festmachen können“, weiß Fellinger.

Als ein Ehemaliger mit ihr über eine Skulptur spricht, die er als Kind geschaffen hatte, wird Fellinger aktiv. Sie erinnert sich, dass der bekannte Fotograf Paul Swiridoff dieses Kinder-Kunstwerk einmal fotografiert hatte. Bei der Recherche findet sie tatsächlich diese Fotografie und übergibt sie an den Ehemaligen– ein wichtiger Mosaikstein im Leben eines Menschen.

Heute wird Biografiearbeit vonseiten der Kinderdörfer ganz gezielt betrieben. Zsuzsanna Fellinger ist dafür mit ihrer Kinderdorf-Geschichte als Organisatorin eine Idealbesetzung. Seit 1983 gibt es einen Ehemaligenrat – dessen Erfahrungen fließen in die Entwicklung der Kinderdorf-Konzeption ein. Außerdem trägt er mit seiner Arbeit dazu bei, dass Ehemalige ihre eigene Geschichte in der Jugendhilfe reflektieren und psychisch integrieren können. Es gibt bei Bedarf auch ganz konkrete Hilfen: Beratung, Möbel, Kleinkredite.

Und: Um für künftige Ehemalige die Rückschau auf ein „ganzes“ Leben zu ermöglichen, wird in jeder Kinderdorffamilie ein Erinnerungsordner für jedes einzelne Kind angelegt. So wird die Chance auf ein positives Verarbeiten der eigenen Geschichte geschaffen. Das kann schmerzhafte Brüche heilen, die Widersprüche und auch das Scheitern.

STABILITÄT UND VERLÄSSLICHKEIT: LEBEN IN EINER KINDERDORFFAMILIE

In einer Kinderdorffamilie leben bis zu sieben aufgenommene Kinder mit Kinderdorfeltern und deren leiblichen Kindern zusammen. Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus, kocht und versorgt sich eigenständig.
Die Kinderdorffamilien gestalten ihren Alltag individuell, durch das intensive Miteinander entwickelt sich eine familiäre Bindung und Beziehung, die den Kindern Halt und Geborgenheit gibt.

Die Kinder erfahren durch die pädagogische Betreuung der Kinderdorfmitarbeiter Anerkennung, Schutz und Klarheit in der Erziehung. Sie erleben in ihren Familien Sicherheit und werden in einem geborgenen Umfeld gefördert. Leibliche Geschwister können zusammen aufwachsen. Die intensive Form des Zusammenlebens bietet den jungen Menschen ein hohes Maß an Stabilität, Verlässlichkeit und Orientierung sowie Sicherheit und Schutz.

Insgesamt derzeit sieben Kinderdorffamilien gibt es in der Albert-Schweitzer-Dorfgemeinschaft Waldenburg. Die freistehenden Häuser haben einen großen Garten zum Spielen und für Haustiere. Der dörfliche Charakter bietet den Kindern viel Platz zur Entfaltung. Vielfältige Angebote im Bereich Erlebnis- und Freizeitpädagogik, der Kinderdorf-Zirkus „Julando“ und die musische Förderung unterstützen die Kinder auf dem Weg zur eigenständigen Persönlichkeit. Die leiblichen Eltern bleiben für die Entwicklung der aufgenommenen Kinder ein fester Bestandteil ihrer Biografie.

Aus langjährigen Erfahrungen haben die Pädagogen ein Konzept für die Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien entwickelt, um den Belangen der Herkunftseltern gerecht zu werden. Die Kinderdorfidee entwickelte sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. Verwaiste Kinder und Jugendliche brauchten nach dem Krieg dringend Hilfe und ein Zuhause, das ihnen Geborgenheit geben kann.

Im September 1957 erhält Albert Schweitzer ein Telegramm von Margarete Gutöhrlein, Gründerin der heutigen Waldenburger Einrichtung. Sie bittet den weltberühmten Arzt, das geplante Kinderdorf nach ihm benennen zu dürfen. Schweitzers Antwort kommt postwendend: „Gerne tue ich dies, Kinderdörfer dieser Art sind eine Notwendigkeit in unserer Zeit.“

Kinderdörfer sind unabhängige, nichtstaatliche Organisationen in unterschiedlicher Trägerschaft. Während in ärmeren Ländern viele Waisenkinder betreut werden, handelt es sich in Industrieländern häufig um „Sozialwaisen“, deren Usprungsfamilie sich aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht um die Kinder kümmern kann – oder nach Verfügung eines Gerichts nicht darf.

mrz/ask