Ellwangen Als Ellwangen fast evangelisch wurde

Erinnerung an die schlimme Zeit des 30-jährigen Krieges: die Kanonenkugel am Haus Werkmann (mittlerweile eine Nachbildung) soll am 22. Mai 1632 von der Artillerie des schwedischen Generals Sperreuther abgefeuert worden sein.
Erinnerung an die schlimme Zeit des 30-jährigen Krieges: die Kanonenkugel am Haus Werkmann (mittlerweile eine Nachbildung) soll am 22. Mai 1632 von der Artillerie des schwedischen Generals Sperreuther abgefeuert worden sein. © Foto: Gerhard Königer
Ellwangen / Gerhard Königer 15.08.2018
Im 30-jährigen Krieg gehörte die Stadt zur Grafschaft Hohenlohe und sollte reformiert werden.

Vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, begann mit dem Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der auch in Ellwangen und Umgebung enorme Opfer forderte. Ganze Ortschaften wurden aufgegeben, nachdem sie von umherziehenden Truppen jedweder Partei geplündert, die Bewohner ermordet oder vertrieben waren. Ein weiteres taten Seuchen, die sich mit den Söldnerheeren verbreiteten.

Dabei wurde Süddeutschland erst relativ spät Kampfgebiet. Nach der Schlacht von Breitenfeld im September 1631 waren es zunächst die kaiserlichen Truppen der Kommandeure Gallas, Ossa und Pappenheim, die sich auf dem Rückzug bei Bauern und Bürgern schadlos hielten. Anfang 1632 waren vermehrt schwedische Truppen in der Gegend. Der Fürstpropst Johann Jacob Blarer von Wartensee hatte da längst das Weite gesucht und war mit seinen Stiftsherren nach Salzburg geflohen.

Ende Februar kämpften Bauern des mit Schweden verbündeten Grafen Krafft von Hohenlohe-­Neuenstein gegen die ellwangische Besatzung der Tannenburg, wobei die Ellwanger deren einziges Geschütz erbeuteten.

Jetzt wurde es brenzlig für die Fürstpropstei. Der schwedische Obrist Claus Diettrich von Sperreuter mit Quartier in Dinkelsbühl hatte den Auftrag, Ellwangen einzunehmen. Am 10. Mai besetzte und plünderte Sperreuter mit seinen Truppen umliegende Dörfer, am 17. Mai kamen seine Boten und forderten die Stadt zur Übergabe auf. Doch die Ellwanger waren unschlüssig, zumal auch das Haus Württemberg seine Hilfe anbot. Die wäre bestimmt nicht kostenlos gewesen und schien angesichts der Lage auch nicht sonderlich vielversprechend.

Feindliche Übernahme

Am 19. Mai waren schwedische Reiter vor der Stadt und wurden beschossen. Am 21. Mai kamen die Schweden über den Buchenberg und die Wolfgangsklinge, errichteten Schanzen und Laufgräben. Es kam zu heftigen Gefechten, die am 22. Mai schließlich zur Entscheidung führten: Die schwedische Artillerie richtete schwere Schäden am Steintor an und drohte die Stadt zu stürmen. Von jenem Beschuss stammt auch die Kanonenkugel, die als Nachbildung noch heute am Fuchseck an der Fassade von Juwelier Werkmann hängt.

Um 10 Uhr bot Sperreuter Verhandlungen an und jetzt ließ man sich darauf ein. Im Gartenhaus des Amtmann von Tannenburg in der Schlossvorstadt kam es zum „Akkord“: Ellwangen sollte verschont, der katholische Gottesdienst erhalten bleiben gegen ein noch festzulegendes Lösegeld und wöchentliche Entschädigungszahlungen. Wohl oder übel stimmte man zu, die Schweden besetzten Schloss und Stadt. Die Summe des Lösegelds wurde später auf 12.000 Taler festgelegt, die wöchentliche Entschädigung auf 2500 Taler. Das waren unvorstellbare Summen für die bereits arg geschröpfte und dezimierte Bürgerschaft, auch wenn diese Forderung später reduziert wurde.

Man erhob eine Sondersteuer, die jedoch in der allgemeinen Not nicht einzutreiben war. Die Ellwanger wandten sich sogar an die Stadt Schwäbisch Hall um ein Darlehen, weil sie fürchten mussten, dass die Schweden die Stadt doch noch plündern würden. Doch die Haller schickten kein Geld, sondern lieferten Proviant an Sperreuters Truppen.

Noch eine Herrschaft verhob sich an diesem Krieg: Der Graf von Hohenlohe-Neuenstein sah eigentlich wie ein Gewinner aus, weil ihm der Schwedenkönig die Fürstpropstei als Gegenleistung für seine Unterstützung versprochen hatte. Nach dem Tod Gustav Adolfs am 16. November 1632 musste der Graf um seinen neuen Besitz bangen.

Die Schweden ziehen ab

Zunächst war die Schenkungsurkunde nicht mehr aufzufinden. Dann wollte der Kanzler Axel Ochsenstirn, Nachfolger des Schwedenkönigs, von einer reinen Schenkung nichts wissen, sondern forderte 80.000 Taler und eine Reihe von anderen Gegenleistungen.

Am 20. Mai 1633 zogen die Schweden ab und Hohenloher besetzten Ellwangen. Am 25. Mai mussten alle Bürger dem neuen, protestantischen Herrn huldigen. Fast wäre Ellwangen evangelisch geworden, denn der Graf wollte sich nicht an Sperreuters Versprechen halten. Er ließ umgehend die Schlosskapelle reformieren, und an der Stiftskirche sollte sein Hofprediger Salomon Meyer den evangelischen Gottesdienst einführen.

Das Blatt wendet sich

Die katholischen Pfarrer weigerten sich zu gehen, Bürger verweigerten dem Grafen Sondersteuern und als sich 1634 das Kriegsglück den kaiserlichen Truppen zuneigte, war dem Grafen wohl klar, dass seine Herrschaft in Ellwangen nicht von Dauer sein würde.

Nach der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634 flohen die Beamten des Grafen von Hohenlohe mit ihrem Besitz vom Schloss und aus der Stadt, wurden aber schon im Wald bei Hohenberg von Kaiserlichen geplündert. Am 11. September befreiten die Truppen von General Buttler die Stadt.

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