HOHENLOHER TAGBLATT: Haben Sie persönlich nach den Anschlägen von Paris Angst um die öffentliche Sicherheit in Deutschland?

DR. JÜRGEN WASELLA: Nicht mehr als vorher. Es ist doch längst bekannt, dass Hunderte von jungen und leicht zu manipulierenden Menschen nach Syrien und in den Irak gereist sind, um sich dem IS anzuschließen. Viele von ihnen sind inzwischen zurück, nachdem sie im Kampfgebiet das Töten gelernt haben. Wir haben in Deutschland bislang ganz viel Glück gehabt, dass viele Anschläge sehr unprofessionell geplant waren und rechtzeitig verhindert wurden. Was ich am meisten befürchte, sind Angriffe, wie wir sie zurzeit in Israel erleben: Fanatisierte Einzeltäter, die mit Messern oder sonstigen Waffen wahllos Unbeteiligte attackieren.

Die Dschihadisten sprechen vom "Heiligen Krieg". Sehen Sie uns, den Westen oder Europa, im Krieg mit dem IS?

WASELLA: Ursula von der Leyen hat zu Recht darauf hingewiesen, dass dies kein Krieg gegen Staaten ist. Stattdessen haben wir es mit einer Situation der Auflösung eines ganzen Staatensystems im Nahen Osten, aber auch in Pakistan und Afghanistan zu tun. Erst dieser Verfall nachkolonialer Grenzen hat es möglich gemacht, dass Terrororganisationen wie al-Qaida und der IS in einem politischen und ideologischen Vakuum ideale Bedingungen für ihre Ausbreitung gefunden haben. Hinzu kommt, dass staatliche Akteure in der direkten Nachbarschaft den IS vor ihren eigenen ideologischen oder politischen Karren gespannt haben. Die Türkei unter Erdogan agiert hier sehr zweifelhaft. Die gefährlichste Brutstätte des islamischen Terrorismus ist schon seit Langem Saudi-Arabien. Der Westen ist tatsächlich in einem Konflikt, der mit den Auseinandersetzungen vergleichbar ist, die in den 30er- und 40er- Jahren geführt wurden. Der Dschihadismus und der Islamismus spielen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Rolle, die früher der Faschismus oder der Stalinismus für Europa gespielt haben.

Inwiefern trägt der Westen eine Mitschuld am Erstarken des IS?

WASELLA: Nach dem Ende des Kalten Kriegs glaubten Teile der politischen Elite in den USA und Europa tatsächlich, dass das "Ende der Geschichte" gekommen und ein Zeitalter der Demokratisierung angebrochen sei. Dabei hat man zwei entscheidende Fehler gemacht: Erstens glaubte man, durch Regimewechsel, also die Beseitigung brutaler Diktatoren wie Saddam, Gaddafi oder Assad, könne man automatisch freiheitliche Gesellschaften und demokratische Strukturen herbeiführen. Das Ergebnis waren Milizenherrschaft, Staatsverfall und Anarchie und damit neuer Nährboden für Terror und Bürgerkrieg. Der zweite Fehler reicht noch länger zurück. Er besteht in der Unterscheidung zwischen "guten" und "bösen" Dschihadisten. Seit der sowjetischen Invasion Afghanistans glaubte man, Islamisten für eigene strategische Ziele einspannen zu können. Die Herrschaft der Taliban war nur ein Ergebnis dieser Fehleinschätzung. Bis heute hat die westliche Politik aus diesen Fehlern nichts gelernt, indem sie das Herrscherhaus in Saudi Arabien als engen Verbündeten behandelt. Dabei besteht kaum ein Unterschied zwischen dem saudischen Islamverständnis und der Ideologie des IS. Provokant ausgedrückt: Der IS ist Saudi-Arabien ohne die Familie Saud.

Putin und der Westen sind sich plötzlich wieder nähergekommen in der Bekämpfung der "Mächte des Bösen", also auch des IS. Wer war da eher auf dem "richtigen Weg", zum Beispiel bei der Beurteilung der Rolle Assads?

WASELLA: Das Assad-Regime verkörpert zwar das Gegenteil von Rechtsstaatlichkeit, aber alles, was nach Assad kommt, wird noch viel schlimmer und menschenverachtender sein, solange sich in Syrien keine Zivilgesellschaft entwickelt hat und solange sich dort keine politischen Strömungen gegen den Islamismus entwickeln können. Der Irak und Libyen liefern die Blaupausen für das, was Syrien nach Assad erwartet. Assad ist und bleibt ein brutaler Diktator. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass Syrien vor dem Bürgerkrieg ein Staat war, der die Rechte von Minderheiten weit besser geachtet hat als alle Nachbarstaaten. Dort herrschte fast Religionsfreiheit, Konflikte zwischen den extrem gegensätzlichen Bevölkerungsgruppen waren minimal. Russland hat klare Interessen in Syrien. Putin geht es nicht um das Wohl des syrischen Volkes. In einem aber hat er recht: Ohne die bestehende staatliche Infrastruktur werden Syrien und seine Minderheiten den islamistischen Mörderbanden jeglicher Couleur ausgeliefert. Nach Assad droht ein noch größeres Blutvergießen bis hin zum Genozid.

Sehen Sie die Gefahr des Eindringens von IS-Kämpfern nach Deutschland auf der Route der Flüchtlingsströme?

WASELLA: Ich finde es naiv zu glauben, dass vom IS angeworbene Terroristen die Mühen der Balkan-Route oder die Gefahren einer Mittelmeerfahrt auf Schlauchbooten auf sich nehmen würden. Diese Kämpfer werden entweder in den Vorstädten der europäischen Metropolen rekrutiert, oder sie reisen mit Flugtickets, die ihre Unterstützer in Katar und Saudi Arabien bezahlt haben. Schon vor der Flüchtlingskrise galt im Schengen-Raum weitgehende Bewegungsfreiheit. Die Flüchtlinge haben daran eigentlich wenig geändert.

Der Koran lehrt einerseits Toleranz und Frieden, andererseits ist darin die Rede von Krieg und Gewalt gegen die Ungläubigen. Ein Widerspruch, den offenbar selbst gemäßigte Muslime nicht lösen können, weil auch sie an die Worte des Korans gebunden sind. Worin liegt das Problem?

WASELLA: Das Problem liegt zum Teil in den eindeutigen Aufrufen zur Gewalt und zum Töten, die die islamische Überlieferung zur Verfügung stellt. Die Dschihadisten können sich direkt auf Teile des Korans und das Vorbild Muhammads berufen. Der IS tut nichts, was der Prophet in seiner Eigenschaft als Kriegsherr entsprechend der islamischen Überlieferung nicht auch schon getan hat. Eine rein theologische Begründung aus den islamischen Quellen reicht trotzdem zur Erklärung der Untaten des IS nicht aus. Die Ideologie des heutigen Islamismus ist ein Produkt von Fehlentwicklungen in der modernen islamischen Geistesgeschichte. Hinzu kommt eine jugendliche Protestkultur gegen die Vorherrschaft des westlichen Gesellschaftmodells. Der Islamismus ist so eine Primitiv-Version des Islam ohne theologischen Tiefgang, dem jegliche spirituelle Dimension fehlt.

Inwiefern sind der Prophet Mohammed und seine Worte wörtlich zu nehmen, und inwieweit sind sie in die damalige Zeit des siebten Jahrhunderts einzuordnen?

WASELLA: Tatsächlich ist die islamische Überlieferung eng mit den politischen Umständen der Offenbarungsgeschichte verbunden: Im vorislamischen Mekka empfanden sich die frühen Muslime als eine unterdrückte Minderheit. Deshalb betonen die frühen Offenbarungen Forderungen nach Toleranz und Duldsamkeit. Aus dieser Zeit stammt die viel zitierte Sure 2.25: "Es ist kein Zwang in der Religion." In Medina wurde Muhammad Stammesführer und Staatsmann, der Krieg führte, Karawanen ausraubte und seine Anhänger zum Töten und Kämpfen motivieren musste. Aus dieser Zeit stammen die "Schwertsuren", durch die Gewalt gerechtfertigt wird. Ein Beispiel ist Sure 9.5: "Sind die heiligen Monate abgelaufen, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, umzingelt sie, und lauert ihnen überall auf." Schon die traditionelle islamische Gelehrsamkeit hat aber Methoden und Interpretationen entwickelt, um Gewalt zu relativieren und einzuschränken. So ermöglicht die Lehre von den Offenbarungsanlässen eine fast schon modern anmutende Lesart des Koran, sowohl im Kontext wie auch historisierend.

Viele islamische Staaten sehen Apostasie, also die Abkehr vom Islam, als Kapitalverbrechen an. Wer gegen den Koran und seinen Propheten argumentiert, kann schnell und leicht für "vogelfrei" erklärt werden. Ist dies das eigentliche Dilemma der gemäßigten Muslime?

WASELLA: Die Strafbarkeit von Apostasie und das Verbot, aus der islamischen Religionsgemeinschaft "auszutreten", ist das Haupthindernis für die Entwicklung eines modernen islamischen Diskurses und für die Vereinbarkeit von Islam und Menschenrechten. In Saudi-Arabien, im Sudan oder in Afghanistan werden heute noch Muslime, die die Abkehr von ihrer Religion verkündet haben, öffentlich hingerichtet. In Ägypten oder Nordafrika steht auf Apostasie nicht mehr die Todesstrafe, aber selbst moderate Islamkritiker werden von Radikalen bedroht oder sogar getötet. Solange die konservativen Gelehrten und die Regime in den islamischen Ländern diese Rechtsvorstellungen aufrechterhalten, wird es dort kein freies Denken und keine zeitgemäße Theologie geben.

Ist ein Islam der Zukunft überhaupt noch ohne Terror denkbar - oder ist die Büchse der Pandora nunmehr geöffnet auf immerdar?

WASELLA: Ich glaube im Gegenteil, dass der IS und die anderen dschihadistischen Strömungen mit ihren Gewaltexzessen und ihrer zur Schau gestellten Pervertierung der Religion sogar dazu beitragen werden, die Dominanz des Islamismus im Nahen Osten zu brechen. Nie zuvor hat es so viel Islamkritik in der arabischen Welt gegeben, wie heute. Viele junge Intellektuelle bekennen sich inzwischen trotz aller Gefahren und Bedrohungen zu einer Abkehr von der Religion. Nur ein solch vehement religionskritischer Diskurs kann die Deutungshoheit der Islamisten infrage stellen und jahrzehntelange Fehlentwicklungen korrigieren. Erst dann wird eine Rückbesinnung auf die positiven Traditionen islamischer Geistesgeschichte möglich.

Was bedeutet das für den interreligiösen Dialog hier bei uns?

WASELLA: Wir müssen in Deutschland aufhören, nur die konservativen oder staatlich gesteuerten offiziellen Islam-Verbände zu hofieren. Die repräsentieren sowieso nur einen sehr kleinen Teil der hier lebenden Muslime. So ist beispielsweise der Moscheeverein Ditib vom staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei finanziert und gesteuert. Und dem Zentralrat der Muslime wird eine gewisse ideologische Nähe zur radikal-islamistischen Muslimbruderschaft vorgeworfen. Wenn wir solchen Verbänden einen kirchenähnlichen Status zubilligen oder ihnen die Betreuung muslimischer Flüchtlinge übertragen, machen wir den Bock zum Gärtner und treiben die deutschen Muslime in die Arme eines "Islamismus light" im Sinne von Erdogan und seinen Gefolgsleuten.

Also eine sehr schwierige Aufgabe für all jene, die meinen, den Islam zu verstehen?

WASELLA: In der Tat. Ein zukunftsorientierter Diskurs sieht anders aus. Umgekehrt gibt es an deutschen Universitäten inzwischen islamisch-theologische Lehrstühle mit kritisch-progressiven Theologen, die eine liberale Weiterentwicklung vorantreiben, von den konservativen Dachorganisationen aber stark angefeindet werden. Ich sehe es als wichtiges Ziel des interreligiösen Dialogs an, den fortschrittlichen, integrationsbereiten und liberalen Strömungen den Rücken zu stärken und ihnen ein Forum zu bieten. Was mir an diesem Diskurs in Deutschland besonders missfällt, sind die Vorbehalte gegenüber einer wirklich kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam. Religionskritiker, selbst wenn es sich bei ihnen um Muslime oder Ex-Muslime handelt, sehen sich schnell dem Vorwurf der Islamophobie ausgesetzt. Progressiven Muslimen wird so das Recht abgesprochen, das wir selbst in der Auseinandersetzung mit dem Christentum für selbstverständlich halten, nämlich die eigene Religion infrage zu stellen. Darin sehe ich eine besonders subtile Form "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit": Wer als Muslim geboren ist, hat gefälligst auf kritisches Denken und deutliche Religionskritik zu verzichten.

Lesen Sie auch folgenden Gastbeitrag: Wie die Haltung Saudi-Arabiens in der Flüchtlingskrise erklärt werden kann

Das Interview führte HT-Redakteur Mathias Bartels.

Der Gesprächspartner

In Crailsheim kennt man Dr. Jürgen Wasella (50) noch als Fachbereichsleiter der Volkshochschule. Von 2002 bis Ende 2004 verantwortete er die Sparten "Bildung und Wissen" sowie "Beruf und EDV". Seit 2005 ist der promovierte Orientalist und Politologe Chef der Volkshochschule in Aalen. Bei der Auswahl setzte er sich gegen 153 Mitbewerber durch.

Seine Doktorarbeit schrieb Wasella im seinerzeit bürgerkriegsumkämpften Beirut über Dissidenten im Islam. Heute arbeitet der gebürtige Karlsruher nebenberuflich als Trainer für interkulturelle Kommunikation. Er verfügt über jahrzehntelange Kontakte in den Nahen und Mittleren Osten und nach Indien. Wasella ist verheiratet mit einer Ägypterin und hat zwei Kinder.

ELS