Kirchenbezirk „Ohne Freude hat alles keinen Wert“

17 Jahre Pfarrer in Altenmünster: Ulrich Wildermuth und seine Frau Eva ziehen in Kürze um nach Balingen.
17 Jahre Pfarrer in Altenmünster: Ulrich Wildermuth und seine Frau Eva ziehen in Kürze um nach Balingen. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 18.01.2019

Das Klingelschild am Pfarrhaus ist abgeschraubt, die Bücherregale sind leer. Nächste Woche kommen die Umzugswagen. „Dann isch‘ rom“, sagt Ulrich Wildermuth auf gut Schwäbisch und versteckt dahinter die Wehmut, die seine Frau Eva und ihn bisweilen befällt. Denn nach 17 Jahren verlassen sie Altenmünster. Er als Pfarrer und sie als Pfarrfrau im besten Sinn. „Es war eine gute Zeit“, sagt der Noch-
Hausherr, in der ihm vor allem die Begegnung mit den Menschen wichtig war.

Natürlich war ihm auch die Verkündigung wichtig. „Ich wollte immer das Einladende am Glauben vermitteln.“ In Gottesdienst und Seelsorge. In Unterricht und Erwachsenenbildung. Und ganz besonders bei den vielen Besuchen und Begegnungen, die er bewusst gemacht und gesucht hat. Kirche habe nicht die Aufgabe, die Menschen mit einem „Du sollst“ zu beladen. „Sie soll die Menschen entlasten und frei machen. Hier sei die Freude das Stichwort. „Was man nicht mit Freude macht, hat keinen Wert.“

Dabei habe er noch als Gymnasiast so seine Probleme mit dem Glauben gehabt. Doch dann fuhr er mit einer Jugendgruppe auf den Kirchentag nach Frankfurt, 1975 war das, „und das war ein Aha-Erlebnis“. Er hörte Vorträge von Hans Küng und Carl-Friedrich von Weizsäcker. „Hier gab es die Erlaubnis – ja sogar die Aufforderung – zum Denken. Zum kritischen Nachfragen. Das hat mich gepackt.“

Ein Theologiestudium in Tübingen und Göttingen folgte. Die Stationen danach: Vikariat in Gomaringen, Pfarrverweser in Hausen an der Zaber, Pfarrstellen in Neuffen und Schorndorf. „Ich bin für jede einzelne Station dankbar. Auch, dass wir überall mit offenen Armen aufgenommen wurden“. In der Schorndorfer Zeit hat er seine Frau Eva kennengelernt, zwei Buben kamen dazu. Als Jakob und Jonas in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten kommen sollten, war die Zeit reif für eine neue Pfarrstelle.

September 2001 war das, und die Familie war schon ins Pfarrhaus in Altenmünster eingezogen, als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Spontan lud Wildermuth zu einem Gottesdienst ein und war doch noch gar nicht investiert. So lernte die Gemeinde ihren neuen Pfarrer gleich als spontan und anpackend kennen. Und immer zur Stelle, wenn es Sorgen und Nöte gab. Als etwa die Flüchtlinge ins Übergangslager in der Flügelau kamen, halfen Wildermuth, aber auch seine Frau, wo es ging.

Der Dialog mit den Muslimen aus der Moschee in Altenmünster war Wildermuth immer wichtig. Drei Mal nahmen Vertreter an der Feier zum Volkstrauertag teil. „Das war sehr bereichernd.“ Wichtig war ihm auch die Jugendarbeit. „Aber die war immer eine Baustelle“, sagt er, der dann sogar einen Verein zur Förderung der Jugendarbeit gegründet hat. Zwei Jahre lang konnte der eine Stelle finanzieren.

Schwierig war die Zeit, als Carmen Häcker als Vikarin in Altenmünster war. Sie wollte einen Moslem heiraten, und der Oberkirchenrat drohte, sie nicht in den Pfarrdienst zu übernehmen. „Carmen Häcker wollte zu viel zu schnell“, sagt Wildermuth. „Heute wäre das wahrscheinlich gar kein Problem mehr.“ Carmen Häcker ist dann in Berlin Pfarrerin geworden. Als sie heiratete, schickte Wildermuth ein Geschenk. „Wir sind im Guten geschieden“, sagt er.

Wildermuth hat auch eine ganze Reihe von Projekten ins Leben gerufen, „aber immer im Team“, sagt er, denn: „Teamarbeit war mir wichtig.“ Den Ostergarten, zum Beispiel, Vortrags- und Gesprächsreihen in der Erwachsenenbildung, den Gesprächsabend „Nachgefragt“. „Den machen wir weiter“, sagt er. Doch von „wir“ kann natürlich keine Rede sein. Wildermuth wird nicht mehr dabei sein. „Aber daran sieht man mal, wie ich mich noch mit der Gemeinde identifiziere.“ Auch deshalb sei der Umzug richtig. „Wenn der Pfarrer wegzieht, bringt das Klarheit.“ Für ihn selbst, für die Gemeindeglieder und für den Nachfolger. Der ist übrigens gefunden. Anfang September ist Investitur.

Mehr Zeit zum Lesen

Deshalb ist es jetzt Zeit, nach vorn, nach Balingen zu schauen. Im dortigen Predigtplan ist er schon berücksichtigt. Wildermuth freut sich auch, dort im Chor mitzusingen. In Balingen werden Wildermuths in einem Pfarrhaus wohnen, das wegen des Pfarrplans frei geworden ist. Viel Platz gibt es da. Vor allem für Wildermuths Bücher. „Lesen und in Buchhandlungen gehen, das ist neben der Musik meine liebste Freizeitbeschäftigung“, sagt er. Künftig hat er dafür mehr Zeit. Die sei ihm von Herzen gegönnt.

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