Geschichte zum Anfassen „Nirgends so gruselig wie dort“

Diese Zierscheibe aus Bronze ist eine Nachbildung aus dem Crailsheimer Museum.
Diese Zierscheibe aus Bronze ist eine Nachbildung aus dem Crailsheimer Museum. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 15.06.2018
Ingersheim war schon vor 150 Jahren als fränkischer Bestattungsplatz bekannt. Doch schade, dass das Gräberfeld nicht später entdeckt wurde.

Ingersheim liegt freundlich im grünen Wiesenthal der Jagst auf deren rechten Ufer an dem Bächlein, das aus dem Sulzbrunnen kommt.“ So präzise und fast poetisch bezeichnet Eduard Paulus das Örtchen Ingersheim in der „Beschreibung des Oberamts Crailsheim“ von 1884.

Was Paulus schon wusste: Etwas außerhalb von Ingersheim liegt ein großes merowingisches Gräberfeld: „Hart an der Straße nach Dinkelsbühl östlich von Ingersheim ist ein großes Gräberfeld mit Reihengräbern“, schreibt er. Die ersten Gräber wurden 1864 entdeckt, als dort Gips abgebaut wurde. 1888 öffnete der historische Verein für Franken weitere Gräber. Das Crailsheimer Heimatbuch von 1928 beschreibt die Ausgrabung und erwähnt auch, dass in Ingersheim vom Gräberfeld zwar niemand mehr etwas wusste, dass sich aber in der Bevölkerung eine Erinnerung erhalten habe. Nirgendwo sonst, sagten die Leute, sei es so gruselig wie eben dort.

Reiche Einlagen gefunden

In der Oberamtsbeschreibung ist das Gräberfeld näher dargestellt: „Die Gräber finden sich 190 cm tief im Boden und sind je 2,6 bis 2,8 m von einander entfernt. Die Leichen schauten mit dem Gesicht nach Osten. Gefunden wurden reiche Einlagen, Schmuckgegenstände, darunter eine Goldfibel in Scheibenform, Eisenwaffen als Schwerter, Speerspitzen, Schildbuckel, Tongefäße von grauer Farbe, Ton- und Glasperlen und Kämme.“ Eines der ungewöhnlichsten Objekte: diese etwa zehn Zentimeter große Zierscheibe aus Bronze, die heute das Objekt der „Geschichte zum Anfassen“ ist. Sie zeigt eine hockende Figur, in Ranken eingebettet.

Wozu sie diente, ist unklar, zumal die geöffnete Öse (auf dem Bild unten) so angebracht ist, dass die menschliche Figur nach unten hängen muss und auf den ersten Blick gar nicht als solche erfasst werden kann.

Das heute abgelichtete Objekt ist eine Nachbildung. Denn vieles, was an Interessantem bei den Ausgrabungen damals hervorkam, wurde nach Stuttgart ins „Museum für vaterländische Alterthümer“ geschafft. Und dort, beziehungsweise im Landesmuseum im Alten Schloss, liegen sie heute noch. „Wir haben allerdings einige Sachen als Dauerleihgabe zurückbekommen“, erklärt Friederike Lindner, Leiterin des Crailsheimer Museums. Zu sehen sind im Spitalmuseum eine bunte Kette, Fibeln, Schnallen und eine Lanzenspitze.

Diese bronzene Schmuckscheibe mit der hängenden Figur, die wir fotografiert haben, befindet sich allerdings im Depot. Denn sie ist ein Duplikat. Das Original befindet sich in Stuttgart und ist Teil der Dauerausstellung im Landesmuseum. Lindner: „Die Nachbildung wurde 1957 für das damalige Heimatmuseum erstellt. Sie sieht der echten erstaunlich ähnlich.“

Sie erzählt auch davon, dass es mit dem Gräberfeld in Ingersheim nicht so glücklich lief. Denn dass das Gräberfeld so früh schon entdeckt und ausgegraben wurde, bedauert der Ingersheimer Heimatforscher Werner Mack. Schließlich waren die Ausgrabungsmethoden damals vergleichsweise rustikal. Während heute mit Pinselchen millimeterweise vorgegangen wird und es auch auf den Grabungskontext ankommt, rückten die Ausgräber damals den Gräbern mit Spitzhacke und Grabschaufel zu Leibe. „Das ist schade, es ging bestimmt viel verloren“, vermutet Mack, der die Ansiedlung, die zum Gräberfeld gehört, am Tümpfelbach vermutet. „Eine ähnliche Lage wie in Lauchheim“, sagt er.

Gräberfeld wie in Lauchheim

Dort im Ostalbkreis wurde in den 1980er-Jahren ein ähnliches Gräberfeld gefunden. Es liegt nördlich der Kapfenburg. Weil auch die dazu gehörige Siedlung fast komplett ausgegraben werden konnte, gilt Lauchheim heute als Eldorado frühmittelalterlicher Forschung. Ausgegraben wurde das Lauchheimer Gräberfeld sorgfältig von 1986 bis 1996 – also mehr als 100 Jahre nach Ingersheim. Die Funde sind im Alemannenmuseum Ellwangen zu sehen.

Herrschergeschlecht vor den Karolingern

Die Merowinger waren das fränkische Herrschergeschlecht vor den Karolingern. Es regierte vom fünften Jahrhundert nach Christus bis 751. Ihre Herrscher hießen Childerich, Childebert, Chlodwig oder Chlothar. Nach ihnen wird die „Merowingerzeit“, die Epoche des Übergangs von der Römerzeit zum Frühmittelalter bezeichnet. Die Merowinger waren früh christianisiert. König Chlodwig ließ sich 508 in Reims taufen. Auch im Gräberfeld von Ingersheim wurden vereinzelt Kreuze als Grabbeigabe gefunden. uts

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