Crailsheim „Nichts für Warmduscher“

Nicht viele trauen sich zu, neben Beruf und Familie noch einmal die (Abendreal-)Schulbank zu drücken.
Nicht viele trauen sich zu, neben Beruf und Familie noch einmal die (Abendreal-)Schulbank zu drücken. © Foto: Julia Vogelmann
Crailsheim / Julia Vogelmann 07.06.2018
Im vergangenen Herbst ist an der Abendrealschule eine neue Klasse gestartet, die jetzt aufs Ende des ersten Schuljahres zusteuert. Im September dieses Jahres startet ein neuer Kurs.

Ursprünglich war die Klasse, die im Herbst 2017 gestartet ist, zwölf Schüler stark. Jetzt, wo das Schuljahr dem Ende zugeht, sind es noch sechs Schüler. Ein deutliches Zeichen dafür, wie viel Zielstrebigkeit und Willen nötig sind, um die Schule an vier Abenden die Woche, meist parallel zu Vollzeitjob und Familie, zu stemmen. „Das ist nichts für Warmduscher“, sagt Dennis Englaro. Er hat wegen der Abendrealschule in Crailsheim sogar seinen Wohnort gewechselt, ist von Aalen in die Horaffenstadt gezogen.

Tagsüber arbeitet er Vollzeit, und er sagt schulterzuckend: „Irgendwas muss ja die Miete bezahlen.“ Dennoch sitzt er an vier Abenden die Woche im Klassenzimmer in der Realschule am Karlsberg und hat Unterricht in jeweils drei Haupt- und Nebenfächern, bereitet Referate und Präsentationen vor und lernt auf Klassenarbeiten. „Das ist einfach eine Möglichkeit, eine Tür aufzubrechen, sich weiterzuentwickeln“, versucht er sich an einer Erklärung, weshalb er so viel Zeit und Mühe investiert in einen Weg, der ihn bis zum Abitur und weiter führen soll.

Zustimmendes Nicken erhält er von seinen fünf Mitschülern, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Sich weiterentwickeln, mehr wollen, mehr können, weiterzukommen mit den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten sind Schlagworte, die im Gespräch immer wieder fallen. Teilweise ist dabei auch ein wenig Frust herauszuhören, etwa wenn Martina Ilg aus Ellwangen sagt: „Mit einem schlechten Hauptschulabschluss ist mittlerweile einfach nichts mehr zu reißen. Man braucht einfach den mittleren Bildungsabschluss.“

Sie arbeitet im Alltag Schichten als Produktionshelferin. „Wenn ich morgens um halb sechs anfange zu arbeiten und nachts um elf wieder zu Hause bin, dann verlässt mich am Mittwoch schon meistens die Lust, doch der Wille lässt es mich durchziehen“, betont sie. Für Alisa Dietrich spielt dabei auch die Vorbildfunktion eine große Rolle. Als Mutter zweier Teenager sieht sie sich auch in der Pflicht, ihren Kindern vorzuleben, dass es nie zu spät ist, mehr zu lernen.

Dasselbe lernen wie die Tochter

„Ich habe beschlossen, das zu machen, und mein Mann unterstützt mich dabei komplett“, erzählt sie und spricht dabei auch über den Mut, den es braucht, sich als Erwachsener zu diesem Schritt zu entscheiden. „Ich muss teilweise die gleichen Sachen lernen wie meine Tochter“, nimmt sie die Situation mit Humor. Für sie war der Weg auch deshalb schwierig, weil sie in der Schule vorher nie Englisch gelernt hat und in Kursen erst aufholen musste, was es als Voraussetzung für die Teilnahme an der Abendrealschule braucht.

Englisch ist auch für Eduard Reisenhauer ein Antrieb, noch einmal die Schulbank zu drücken. „Ich will mich da sehr verbessern, weil ich nach dem Abschluss Work and Travel um die Welt machen möchte. Ich will was erleben“, verrät er. Zu sehen, dass man nicht der Einzige ist, der seine Ziele mit eisernem Willen verfolgt, ist ein großer Motivationsfaktor für die Abendrealschüler. Dazu kommt aber auch eine Lernatmosphäre, die sich von der an einer normalen Schule stark unterscheidet. „Es gibt kein Disziplinproblem“, zieht Lehrerin Anja Brückner augenzwinkernd den offensichtlichsten Vergleich. Sie ist Konrektorin an der Realschule zur Flügelau, und auch sie verbringt die Stunden an der Abendrealschule zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob im Klassenzimmer.

„Ich muss den Unterricht methodisch ganz anders aufbereiten. Es muss individueller sein“, fasst sie zusammen, wo die Unterschiede liegen. Gleichzeitig gibt sie aber zu: „Ich kann viel humorvoller und ironischer sein, da vor mir ja Erwachsene sitzen, das ist ein ganz anderes Verhältnis wie zu den Schülern, die ich tagsüber unterrichte.“ Genau dieses persönliche Verhältnis und die familiäre Atmosphäre in der Klasse wissen auch die Schüler zu schätzen. Dabei stellen auch sie immer wieder fest, dass es ein ganz anderes Lernen ist als früher in der Schule. „Mir fällt das Lernen jetzt leichter, und ich verstehe vieles besser und finde es interessanter und nachvollziehbarer“, bestätigt Alisa Dietrich.

Geprägt ist das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern aber hauptsächlich durch den gegenseitigen Respekt für die Zusatzleistung, die alle erbringen. Aus ihrer jahrelangen Erfahrung an der Abendrealschule hat Anja Brückner übrigens eine erbauliche Botschaft für ihre Schüler mitgenommen: „Wer das neunte Schuljahr durchhält, der macht auch die Prüfung.“ In wenigen Wochen haben die übrig gebliebenen sechs diese Hürde schon einmal gemeistert.

Info

Ein neuer Kurs beginnt im September 2018. Anmeldefrist ist bis Ende August. Interessenten sollten beachten, dass die Volkshochschule im August nicht besetzt ist. Das Aufnahmegespräch läuft voraussichtlich Anfang September des Jahres. Kontakt und weitere Infos unter Telefon 07951/4033800 oder vhs@crailsheim.de.

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