Geschichte „Mit Stumpf und Stiel ausrotten“

Crailsheim / Andreas Harthan 20.01.2018

So sehr sich Stadtarchivar Folker Förtsch über das unerwartet große Interesse an seinem Vortrag freut, so sehr bedauert er auch, dass so viele Interessenten abgewiesen werden mussten, weil das Crailsheimer Arkadenforum schon einige Zeit vor Veranstaltungsbeginn proppenvoll war. Der Historiker wiederholt seinen Vortrag über den NSDAP-­Kreisleiter Otto Hänle, einen gebürtigen Gaildorfer, am 5. März um 19.30 Uhr – wieder im Forum in den Rathausarkaden.

Warum wollten so viele Menschen seinen Vortrag über den wohl mächtigsten Nazi während des Dritten Reiches in Crailsheim hören? Der Stadtarchivar verweist einerseits auf den Umstand, dass über den NSDAP-Kreisleiter bis heute nicht viel bekannt ist, und andererseits eine Frage offensichtlich noch immer viele Crailsheimer umtreibt: Wer trägt die Schuld an der fast völligen Zerstörung der Stadt im April 1945?

Auch nach dem Vortrag ist die Frage nicht abschließend beantwortet. Für Förtsch steht fest, dass Hänle ein gerüttelt Maß an Verantwortung trägt, „aber nicht die Alleinschuld“. Schon allein deshalb nicht, weil er nicht Kampfkommandant war, also zumindest keinen unmittelbaren Einfluss auf militärische Entscheidungen und Aktionen hatte. Andererseits war er Kommandant des Volkssturms, und der war bis zuletzt sehr rege, legte Panzersperren und MG-Nester an, so dass die Amerikaner bei der zweiten Einnahme der Stadt von einem massiven militärischen Widerstand ausgehen mussten. Das Ergebnis ist bekannt. Das, was von der Stadt bis zum 20. April übrig geblieben war, wurde von der US-Armee dem Erdboden gleichgemacht, bevor die Soldaten ein zweites Mal einmarschierten.

Kein Wunder also, dass die Bevölkerung nach Kriegsende alles andere als gut auf Hänle zu sprechen war. Im März 1947 schreibt der Crailsheimer „Ausschuss der politischen Parteien“ an die Spruchkammer für den Kreis Crailsheim, dass Hänle „die Seele des Unglücks der Stadt (...) war“. Er trage „in erster Linie“ die Verantwortung für die Zerstörung Crailsheims. Am 10. und 11. April 1948 findet in der Jahnhalle das Spruchkammerverfahren gegen Hänle statt – und nur wenige Tage später veröffentlicht das Württembergische Zeit-Echo, ein Vorläufer des Hohenloher Tagblatts, einen Artikel, in dem betont wird, dass der Beweis der Alleinschuld von Hänle nicht erbracht werden konnte. Einige Monate später wird er aus dem Internierungslager entlassen, einige Jahre später wird er vom „Hauptbeschuldigten“ zum „Belasteten“ heruntergestuft.

Mehrere Schuldige

Den einen Schuldigen am Untergang Crailsheims gibt’s wohl tatsächlich nicht. Sehr wohl aber einige wenige, die große Schuld auf sich geladen haben. Zu ihnen gehört Hänle, für Förtsch „ein fanatischer Repräsentant“ des Nazi-­Regimes, der sich als verlängerter Arm Adolf Hitlers verstand.

Der 1902 in Gaildorf geborene Otto Hänle war ein Anti-Demokrat, wollte „den Parlamentarismus (...) mit Stumpf und Stiel ausrotten“. Er war von 1933 bis 1937 NSDAP-Kreisleiter in seiner Heimatstadt, dann übertrug ihm die Partei diese Funktion in Crailsheim (1937 bis 1945). Hier gründete er eine Familie, wurde dreimal Vater. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete der gelernte Bankkaufmann Hänle als Bezirksvertreter einer Versicherung und starb 1969 im Alter von 67 Jahren in Schwäbisch Hall.

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