Crailsheim „Klar, dass nichts vom Himmel fällt“

Lydia Schneider hat gemeinsam mit ihrem Mann jahrelang Russlanddeutschen geholfen.
Lydia Schneider hat gemeinsam mit ihrem Mann jahrelang Russlanddeutschen geholfen. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Birgit Trinkle 04.09.2018
Lydia Schneider ist vor einem Vierteljahrhundert mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Crailsheim gekommen und weiß  heute, dass das die richtige Entscheidung war.

Deutsche aus Russland fühlen sich zunächst einmal fremd in Deutschland. Das kann ja gar nicht anders sein. Lydia Schneider wurde im Mai 1958 in Kasachs­tan geboren, und sie hat gute Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Wenn sie von den Winter-­Waldausflügen mit ihrem Papa erzählt, strahlt sie übers ganze Gesicht und ihr Blick verliert sich in der Ferne: Wenn’s an Weihnachten daran ging, einen Tannenbaum aus dem Wald zu holen, hat sich der Vater gern im Schnee versteckt, wie ein Wolf geheult und sich an der Reaktion seiner Kinder gefreut, die irgendwo zwischen Grusel, Freude und haltlosem Lachen lag.

Schöne Erinnerungen an ihre Kindheit bringen auch die Figuren zurück, die noch bis 16. September im Crailsheimer Museum zu sehen sind: Spielzeugtiere, die von jungen russischen Ausnahmekünstlern entworfen und von den Kindern in der Sowjetunion heiß geliebt wurden – auch von den kleinen Wolga-Deutschen.

Weniger schön war im Rückblick die Unterscheidung zwischen „wir“ und „die“, zwischen Russen und Deutschen, die von beiden Seiten getroffen wurde. Lydia Schneiders Großmutter war streng; unvorstellbar, in ihrer Gegenwart Russisch zu sprechen, hätte die alte Dame nie geduldet.

Der Schlüssel zu einem Land

Heute denkt die Wahl-Crailsheimerin dankbar an diese Lektionen zurück: Sprache sei der Schlüssel zu einem Land. Natürlich sprach sie Russisch, hervorragend sogar. Sie studierte erfolgreich Buchhaltung, Statistik und Ökonomie, heiratete, brachte vier Kinder zur Welt und eigentlich ging es der Familie gut. Eine kurzfristig bedenkliche Bewegung „Kasachstan den Kasachen“ verlief in den 80-Jahren im Sande.

Aber die „Deutschen“ spürten Vorbehalte, überall. Bei der Zulassung zum Studium, bei der Jobvergabe, wenn es darum ging, Karriere zu machen. Irgendwann war den Schneiders klar, dass ihr Einsatz für eine deutsche Autonomie an der Wolga vergebens war; die meisten anderen Familienmitglieder hatten da schon längst aufgegeben und in Deutschland ihr Glück gesucht.

Türöffner Bürgerwache

Vor allem Ehemann Jakob, ein geachteter, beliebter Kulturschaffender und Musiklehrer, tat sich schwer damit, Kasachstan zu verlassen. Und das erste Jahr in Hohenlohe tat nichts, um seine Befürchtungen zu zerstreuen. Die Sprache war anders, das Land so fremd wie die Menschen. Dass die Eheleute Schneider mit vier kleinen Kindern – die Zwillinge waren 1994 gerade mal drei Jahre alt – die Aufgabe eines Hausmeisterehepaars stemmen könnten, konnte sich die Stadtverwaltung nicht vorstellen, aber Lydia Schneider bat so eindringlich um eine Chance, dass eine Probezeit vereinbart wurde. Das ist jetzt 24 Jahre her und die Schneiders sind längst eine Institution im Spital.

Eng verbunden mit dem Museum

Lydia Schneider liebt ihre Arbeit, die es ihr so viel leichter gemacht hat, mit dieser Stadt vertraut zu werden. Crailsheims Geschichte zu kennen und zu achten, trägt bis in die Gegenwart hinein. Jakob Schneider fasste übers Klarinettenspiel in der Bürgerwache Fuß. Viele Jahre lang haben die beiden nach Kräften versucht, anderen Neuankömmlingen aus Russland zu helfen: Sie haben in Hallen in Roßfeld oder Tiefenbach Tanz- und Informationsabende angeboten, bei denen es um Kindererziehung ging, um Drogen oder um ganz allgemeine Informationen zum Leben in Deutschland. „Da wurde immer Deutsch gesprochen, ganz gleich wie oft darum gebeten wurde, ins Russische zu wechseln.“ Weitertragen, was sie selbst in den ersten Jahren über Wasser gehalten hat, wollte sie, die viel beschworene Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Ihr Ratschlag an alle, die neu ins Land kommen: „So viel Bildung wie möglich, das ist das Wichtigste. Und ihr müsst euch etwas zutrauen.“ Um Ziele zu erreichen, würden keine reichen Eltern gebraucht; für ein Studium etwa brauche man den Kopf, kein Geld, sagt sie mit Blick auf ihren Jüngsten, der nebenbei jobbte und schließlich einen Studienkredit benötigte, aber unbeirrt bis zum Master an seinen Träumen festgehalten hat. „Nichts fällt vom Himmel“, ist eine weitere Wendung, die Lydia Schneider gern benutzt: „In ein Ziel investieren und nur nicht aufgeben.“

Die Schneiders haben nicht aufgegeben. Im Jahr 2015 haben sie sich nach 23 Jahren in Deutschland eine Reise nach Kasachstan gegönnt. Das Land ihrer Jugend, das Land, in dem Generationen ihrer Vorfahren am Deutschtum festgehalten hatten. „Danach wussten wir dann endgültig, dass wir keinen Fehler gemacht haben, als wir hergekommen sind“, bilanziert Lydia Schneider.

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