Kalter Markt „Keine Zukunft ohne Landwirtschaft“

Gerhard Königer 11.01.2018
Bei der Bauernkundgebung in Ellwangen hat Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch am Mittwoch breite Unterstützung und mehr Wertschätzung für die Familienbetriebe gefordert.

Friedlinde Gurr-Hirsch, Staatssekretärin im Ministerium für den ländlichen Raum, sagte, es gebe keine Zukunft ohne Landwirtschaft. Die Bauern müssten für ihre Leistung ein angemessenes Einkommen erzielen, das ihnen ermöglicht, zukunftsträchtig in den Betrieb zu investieren.

„Es kann nicht sein, dass unsere Landwirtschaft mit Diskussionen um Tierwohl, Glyphosat und Antibiotika immer mehr in die Defensive gerät. Diese Kritik haben unsere Bauern nicht verdient“, sagte die Politikerin, die von einem Bauernhof bei Heilbronn stammt. Sie forderte die Kritiker auf, zwischen der Agrar­industrie im Osten und Norden der Republik und den Familienbetrieben in Baden-Württemberg zu unterscheiden. Der verantwortungsvolle Umgang mit seinen Tieren sei ureigenstes Interesse jeden Landwirts.

Gurr-Hirsch betonte, die Landwirte könnten mit den am Markt erzielbaren Preise nicht auskömmlich arbeiten. Auch in Zukunft werde jeder Bauer auf Ausgleichszahlungen und Förderungen angewiesen sein. Mit der Neuorientierung der EU-Agrarpolitik drohe der Etat zu schrumpfen, weil die Beiträge aus Großbritannien wegfallen. Man werde darum kämpfen müssen, dass wieder ein ähnlich fundiertes Programm aufgestellt werde. Notfalls müsse auf nationaler oder Landesebene ein Ausgleich geschaffen werden.

Gurr-Hirsch plädierte auch für mehr unternehmerische Freiheiten. Selbstverständlich müsse die Landwirtschaft auch für den Export produzieren dürfen, wenn sich die Chancen dazu böten. Die Betriebe seien zukunftsträchtig aufzustellen, auch in Sachen Digitalisierung. „Satellitengesteuerte Maschinen arbeiten effektiver, Landwirtschaft 4.0 muss Teil der Imagekampagne sein“, sagte die Rednerin und forderte die Bauern auf, für sich Marktchancen zu suchen – in der Direktvermarktung, mit Sonderkulturen und im Tourismus. Auch in der Bio-Produktion liege Potenzial, der Bedarf werde derzeit nicht ansatzweise gedeckt. „Regionale Produktion ist das neue Bio“, sagte Gurr-Hirsch und verwies auf entsprechende Vermarktungsstrategien im Einzelhandel.

Daneben brauche man einen Verbraucher, der nicht das billigste, sondern das regionale Produkt zu schätzen wisse. Schon im Kindergarten müsse die Ernährung thematisiert werden. Allerdings müsse auch jedem Landwirt in Deutschland klar sein, dass er den Wettbewerb um den günstigsten Preis nicht gewinnen kann. Ziel müsse immer die bessere Qualität sein. „Der Strukturwandel geht weiter, wir wollen ihn mit Ihnen gestalten und sind dafür ein verlässlicher Partner“, rief sie den Bauern zu.

Eingangs hatte Oberbürgermeister Karl Hilsenbek die 1000-jährige Tradition des Kalten Markts gewürdigt, dessen Aufnahme in das nationale UNESCO-Kulturerbe beantragt sei. Landrat Klaus Pavel ging auf die Strukturen der Landwirtschaft im Ostalbkreis ein. In die rund 2000 landwirtschaftlichen Betriebe seien im vergangenen Jahr über 23 Millionen Euro geflossen.

Der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter forderte dazu auf, die Landwirtschaft mit demselben Stolz zu betrachten wie Industrie und Gewerbe.

Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Hubert Kucher, betonte, die Agrarförderung lande über die extrem niedrigen Lebensmittelpreise wieder in den Taschen der Verbraucher. Heftig kritisierte Kucher Angriffe von Umwelt- und Tierschutzverbänden. Mit Halbwahrheiten werde Öffentlichkeitsarbeit betrieben, und die Wissenschaft sei nicht in der Lage, klare Aussagen zu machen und den Landwirten, etwa beim Pflanzenschutzmittel Glyphosat, Entscheidungshilfen zu geben. Für die Forderung, den ökologischen Ausgleich für Landverbrauch künftig in den Hausgärten festzuschreiben, bekam er großen Applaus.