Rettungseinsatz KZ-artige Zustände in Flüchtlingslagern in Libyen

Organisationen wie „Sea Eye“ nennen es eine Schande, dass sich die EU vom Sterben am und auf dem Mittelmeer abwendet.
Organisationen wie „Sea Eye“ nennen es eine Schande, dass sich die EU vom Sterben am und auf dem Mittelmeer abwendet. © Foto: Privatfoto
Crailsheim / Birgit Trinkle 19.09.2017
Der in Crailsheim praktizierende Arzt Harald Jahn hat Kontakte zu den Hilfsorganisationen am Mittelmeer und warnt vor einer humanitären Katastrophe.

Im Juli hat der in Crailsheim praktizierende Orthopäde Dr. Harald Jahn dem HT von seinem ersten Einsatz auf der „Seefuchs“ berichtet – das ist eines der beiden Schiffe der Hilfsorganisation „Sea-Eye“. Seither hat sich auf dem Mittelmeer vor der libyschen Küste vieles verändert. Eigentlich hätte Jahn am 4. September zu einer weiteren Hilfs- und Rettungsexpedition aufbrechen sollen, doch dazu  ist es nicht gekommen.

Der libysche Staat hat sein Hoheitsgebiet auf dem Meer unvermittelt von zwölf auf 74 Seemeilen ausgedehnt, das sind etwa 131 Kilometer, und allen Rettungsorganisationen angedroht, sie gewaltsam zu vertreiben. Ein  Schiff der spanischen Rettungsorganisation „Open Arms“ wurde mit Warnschüssen der libyschen Küstenwache zum Anhalten gezwungen und besetzt; dabei haben sich offenbar ziemlich beängstigende Szenen abgespielt. Als Folge haben sich praktisch alle Hilfsorganisationen zurückgezogen, unter anderem die „Ärzte ohne Grenzen“ und Sea-Eye operieren nur noch in eingeschränktem Rahmen. Jahn lässt das Ganze keine Ruhe. Die Berichte, die ihn erreichen, sagt er, müssen an die Öffentlichkeit. Er spricht von einer  menschlichen Tragödie.

Die Menschen sterben

Die Zahl der Flüchtlinge, die noch in Italien ankommen, sei drastisch zurückgegangen. Es wird vermutet, dass Milizen, nicht zuletzt motiviert durch EU-Gelder, viele Flüchtlinge an Land abfangen. Wie viele momentan doch noch durch die Absperrungen kommen, sei nicht bekannt: „Bei der neu geschaffenen riesigen Hoheitszone haben sie keine Chance, ohne Hilfe zu überleben.“ Wer nicht ertrinke, ende in Libyens Lagern, in denen katastrophale Zustände herrschten. Für mindestens 700.000 Menschen gebe es dort kein Weiterkommen, sie hätten aber auch keine Chance auf eine Rückkehr in ihre Heimatländer. Nach übereinstimmenden Berichten herrschten dort „KZ-artige Zustände“; Vergewaltigung, Folter und Hinrichtungen seien an der Tagesordnung

Verantwortlich, so Jahn, sei in erster Linie die EU, „die in dieser Situation nicht nur nichts tut, sondern die verbrecherischen Milizen der angeblichen Libyschen Regierung auch noch mit Schiffen und hohen Millionenbeträgen unterstützt“. Dass sich Italien daran beteilige, schränkt Jahn ein, sei  verständlich; die EU habe Italien im Stich gelassen. „Schließlich war es  Italien, das jahrelang praktisch alle Flüchtlinge in diesem Raum aufnahm – mit großem Engagement, mit größtenteils herzlicher Anteilnahme der italienischen Bevölkerung“. Nur: Irgendwann war es einfach zu viel.

Forderung: Lager auflösen

Aufgabe humanitärer Regierungen wäre es, dafür zu sorgen, dass die Lager aufgelöst werden und eine vorübergehende Unterbringung in kontrollierten Unterkünften möglich werde. Es müssten legale Wege geschaffen werden, faire Asylverfahren durchzuführen und im Falle einer Ablehnung für eine geordnete Rückführung in sichere Staaten zu sorgen. So aber organisierten die Schlepper bereits neue Routen.

Die momentane Absicht, Staaten wie Niger und Tschad mit Waffen zu versorgen, um Flüchtlinge im Hinterland aufzuhalten, sei menschenverachtend. so Jahn: „Die Aktionen gegen die Flüchtlinge werden weiter ins Hinterland verschoben, wo keine Kamera mehr zu finden ist, die diese Tragödien in unser Bewusstsein rücken könnte.“

Info Die Organisation Sea-Eye sucht in
internationalen Gewässern nach
Schiffbrüchigen und Ertrinkenden; sie leistet erste Hilfe, versorgt Flüchtende mit Schwimmwesten und Wasser,
transportiert sie aber nicht.