Crailsheim Ruckdäschel: „Ich habe meinen Beruf geliebt“

Für Tiefenbach geht eine Ära zu Ende: Rektorin Johanna Ruckdäschel (Mitte) hört nach 14 Jahren auf, rechts neben ihr sitzen Schulamtsdirektorin Magda Krapp und Crailsheims Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer.
Für Tiefenbach geht eine Ära zu Ende: Rektorin Johanna Ruckdäschel (Mitte) hört nach 14 Jahren auf, rechts neben ihr sitzen Schulamtsdirektorin Magda Krapp und Crailsheims Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer. © Foto: Jens Sitarek
Crailsheim / Jens Sitarek 23.07.2018
Rektorin Johanna Ruckdäschel wird an der Reußenbergschule Tiefenbach in den Ruhestand verabschiedet. Was jetzt fehlt, ist mehr als der grüne Flitzer, mit dem sie immer auf den Schulhof einschwenkte.

Als sie das sah, habe sie erst mal weinen müssen, sagt Johanna Ruckdäschel. Die Turnhalle in Tiefenbach, in der sie am Freitag in den Ruhestand verabschiedet wurde, hing an den Längsseiten voller Papier-Schmetterlinge, ausgeschnitten und bemalt von Schülern. Die Schmetterlinge flogen von der Hand eines Mädchens, wie die Silhouette mit Zopf unschwer erkennen ließ, in die Luft. In die Freiheit.

Das Wort Freiheit hat für Johanna Ruckdäschel eine besondere Bedeutung, dazu später noch mehr. Geboren wurde die 64-Jährige in der Nähe von Zwickau in der ehemaligen DDR. „Als Kind des Ostens mit einem sozialistischen Fünfjahresplan groß geworden war ich wohl die einzige Schulleiterin auf der Welt, die die Einführung der Fremdevaluation gut fand“, sagt sie.

Der Liebe wegen nach Crailsheim

Schulamtsdirektorin Magda Krapp vom Staatlichen Schulamt in Künzelsau gibt einen kleinen Einblick in die Personalakte von Johanna Ruckdäschel: Studium in Berlin, Ausreiseantrag (der Liebe wegen nach Crailsheim), dann Weiterführung des Studiums in Schwäbisch Gmünd. Ihre erste Stelle als Lehrerin trat sie 1979 an der Eichendorffschule in Crailsheim an, später wechselte sie an die Leonhard-Sachs-Schule. Nach einer Auszeit kehrte sie in Rot am See in den Schuldienst zurück. Dann ging es an die Geschwister-Scholl-Schule in Ingersheim, die lag näher an ihrem Wohnort Westgartshausen.

Ein bewegtes Leben

Schließlich der nächste Schritt auf der Karriereleiter: Am 9. Juli 2004 wurde Johanna Ruckdäschel zur Rektorin der Reußenbergschule in Tiefenbach bestellt. Dort ist jetzt nach 14 Jahren in dieser Position Schluss, im August wird sie 65. „Ein bewegtes Leben“, findet Krapp. Bewegen ist eines von drei Schlagwörtern, die die Reußenbergschule in Tiefenbach charakterisieren. Die anderen beiden sind Lernen und Wachsen.

Sie habe „volle Kanne investiert“, so sagt es Johanna Ruckdäschel. „Davon profitieren alle, besonders die weiterführenden Schulen.“ Viele Menschen würden im Leben an einem vorbeigehen, findet ihre Kollegin Frauke Schulz, wenige würden Spuren hinterlassen.  Dass Ruckdäschel Spuren hinterlassen hat, sieht auch Schulamtsdirektorin Krapp so. Ruckdäschel könne „mit Stolz auf das Geleistete zurückblicken“. Krapp wertet es zudem als „schönes Zeichen, dass die Leiter all dieser Schulen da sind“ und spricht von Wertschätzung. Auch Ruckdäschels Vorgängerin in Tiefenbach ist gekommen.

„Ich durfte immer arbeiten und habe meinen Beruf geliebt“, betont Johanna Ruckdäschel. Der Schulchor singt: „Wir wünschen Ihnen viel Glück, Gesundheit und viel Freud – und schauen gern zurück auf eine wunderschöne Zeit.“ „Wir werden dich vermissen“, heißt es aus dem Kollegium, das Ruckdäschel in ihrer Rückschau als „genial“ bezeichnet.

Pfarrerin Karin Nelius-Böhringer vermisst schon jetzt etwas anderes. Sie erinnert an den „unvergleichlichen Flitzer von der Frau Ruckdäschel, mit dem sie allmorgendlich sommers wie winters elegant auf den Schulhof eingeschwenkt ist“. Mit Flitzer ist ihr Mini gemeint. „Man hätte die Uhr danach stellen können“, betont Nelius-Böhringer. Wenn Ferien waren, fehlte das Ding, das war ja irgendwie klar, aber jetzt: „Jetzt fehlt das für immer. Für Tiefenbach geht eine Ära zu Ende.“

Was Ulrich Kern, der geschäftsführende Schulleiter der Crailsheimer Schulen, vermissen wird, ist die „einzigartige Kaffeehausatmosphäre bei den Sitzungen“ in Tiefenbach. „Ich war nicht immer sehr bequem, manchmal ordentlich gegen den Strom und manchmal auf Krawall gebürstet“, sagt Ruckdäschel in Richtung der Schulleiterkollegen, „aber wir Grundschulen haben einen Ruf zu installieren: Wir sind keine Bastel- und Schusterstuben und wir gehen auch nicht mit folierten Einkaufszetteln shoppen.“

Ab 1.8. kommt die Nähzeitschrift

Zum Abschied überreicht ihr Kern stellvertretend von den Schulen ein Nähkästchen und ein Abo von Burda Style, eine Nähzeitschrift. „Ab 1.8. kommt die monatlich“, sagt Kern. Diese Vorliebe ist auch Dr. Christoph Grimmer, Oberbürgermeister der Stadt Crailsheim, dem Schulträger, nicht entgangen: „Wie ich mir habe sagen lassen, werden Sie viele neue Häckel- und Strickideen verwirklichen.“ Ansonsten wünscht er ihr „viele Momente mit ihren Lieben und für sich selbst“. Wie es der Zufall so will, drückte Grimmer einst mit der jüngeren Tochter von Johanna Ruckdäschel die Schulbank.

Neben der jüngeren Tochter ist am Freitag auch die ältere bei der Verabschiedung dabei. Und dann sind da noch die beiden Enkeltöchter, die sich immer mal wieder bemerkbar machen, zwei Schwestern und ein Bruder.

Start auf der anderen Seite

Ihr Bruder heißt Frieder Wurziger, ist 66 und wohnt heute in Kirchberg. „Meine Schwester hat mir einen Start auf der anderen Seite ermöglicht“, sagt er. Als sie in Berlin mit dem Studium anfing, musste er zur Armee. Als ihr Ausreiseantrag lief, durften sie sich jahrelang nicht sehen. Sie trafen sich trotzdem jährlich in der Tschechoslowakei, das durfte damals natürlich keiner wissen, heute ist das egal. Sie waren füreinander da. Als die Mauer fiel, fuhr Wurziger sofort zu seiner Schwester, suchte und fand Arbeit im Westen.

Dann hat Johanna Ruckdäschel das letzte Wort. „Was macht sie denn jetzt?“, stellt sie fragend in die Turnhalle und gibt die Antwort gleich selber. Das hat den Vorteil, dass sie anschließend nicht fünfzig Mal danach gefragt wird. „Da ist mir ein Text wieder eingefallen, der es ganz gut trifft“, sagt Ruckdäschel. Der Text ist 20 Jahre alt, sie hat ihn selber geschrieben: „Freiheit, die ich meine, strahlt wie ein Licht in meine Welt. Erwärmt mich wie ein stilles Feuer. Trägt mich stromabwärts – aufmerksam, achtsam, wach. Freiheit, die ich meine, sorgt sich nicht um morgen. Sie lebt und liebt den Augenblick.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel