Manfred Salingers Leben spiegelt die jüngere Vergangenheit Mitteleuropas. Und es zeigt, was einer erreichen kann, wenn er nur genug Engagement und Begeisterungsfähigkeit mitbringt. Allerdings hat das einen Preis: „Ich lebe mit dem Kalender in der Hand“, sagt Manfred Salinger. Denn er ist Präsident des Bilgoraj-Partnerschaftskomitees. Er ist Vorsitzender des Fördervereins des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG). Er ist Wortgottesdienstleiter in der St.-Bonifatius-Kirchengemeinde, „und überhaupt ist mir meine Familie am wichtigsten“. Deshalb verbringt er jedes Wochenende mit ihr in Crailsheim. Denn als Geschäftsführer der Rath Filtration GmbH mit Sitz in Wien und Werk in Meißen ist er viel auf Achse. „Einen zweiten Wohnsitz habe ich in Meißen. Damit ich nicht immer aus dem Koffer leben muss.“

Der Liebe wegen nach Crailsheim

Doch der Reihe nach: Als Manfred Salinger 1959 hinter dem Eisernen Vorhang und mitten im Kalten Krieg in Polen geboren wurde, war nicht klar, dass er einmal in Crailsheim Fuß fassen würde. Doch er reiste 1981 aus und heiratete die ebenfalls deutschstämmige Anita, die mit ihrer Familie bereits im Jahr zuvor ausgesiedelt war. Manfred Salinger kam auf dem üblichen Weg über das Grenzdurchgangslager Friedland nach Deutschland. Dort mussten sich alle Spätaussiedler registrieren lassen. „Deshalb habe ich auch Verständnis für die Flüchtlinge.“ Sein Ziel war klar: Crailsheim, in dem Anita und die Schwiegereltern bereits lebten. Kaum angekommen, belegte Salinger Deutschkurse am Goethe­institut in Schwäbisch Hall und legte Prüfungen zur Anerkennung seines polnischen Chemiestudiums ab. Danach wurde er von der Firma Schumacher’sche Fabrik aus Bietigheim-Bissingen vom Fleck weg engagiert.

Die Firma war eben im Begriff, ihr Werk nach Crailsheim zu ­verlegen, und so war Salinger erst am Aufbau des Werks in der ­Flügelau beteiligt und später als Leiter Vertrieb und Marketing ­tätig – was noch der Fall war, als Schumacher Jahre danach an die Pall Filtersystems GmbH verkauft wurde. In dieser Funktion war ­Salinger eines Tages Ansprechpartner für den Bürgermeister ­einer kleinen ostpolnischen Stadt, die keiner kannte und die sich für eine Kläranlage und die in ­Crailsheim hergestellten Produkte interessierte. Manfred Salinger reiste hin – die Stadt hieß ­Bilgoraj und der Bürgermeister Stefan Oleszczak. Ob diese Begegnung nun seinem Leben eine Wende gab oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls begegneten sich zwei Männer, die bereit waren, sich für Frieden, Freundschaft und ­Aussöhnung einzusetzen. Und beide wussten, dass der Jungend eine Schlüsselrolle dabei zukommt.

„Es kommt auf die gelebte Freundschaft und die Begegnungen an.“

Deshalb sprachen beide im ASG vor als Oleszczak zu einem Gegenbesuch nach Crailsheim kam. Bei Schuldirektor Dr. Wolf Späth standen die Türen offen: Ein regelmäßiger Schüleraustausch war schnell abgemacht. Dieser mündete später in eine Städtepartnerschaft und seit ­jenem ersten Treffen von Salinger und Oleszczak gibt es zahllose, regelmäßige Kontakte zwischen Crailsheim und Bilgoraj.

„Bei unseren Besuchen und Gegenbesuchen wollen wir na­türlich gemeinsam schöne Stunden verleben. Doch es geht um mehr“, sagt Salinger, der kulturell und historisch interessiert ist. Auf Respekt und gegenseitiges Verständnis komme es an. „Und das kann nur durch eine gute Kenntnis des Landes und deren Geschichte entstehen.“

Entsprechende gemeinsame Ausflüge gehören deshalb immer zu den Reisen dazu. Zum Beispiel auf den Burgberg von Krakau, „wo das Herz Polens schlägt“, oder nach Auschwitz, wo Geschichte am dunkelsten war. Das schweißt zusammen – und zwar die Schüler des Schüleraustauschs wie die Erwachsenen des Bilgorajkomitees oder der anderen Gruppen, die sich gegenseitig besuchen. Tiefe Freundschaften entstanden.

Weil sie dafür den Grundstein gelegt haben, wurden Stefan Oleszczak schon 2014, Dr. Wolf Späth, sein polnischer Kollege Marian Klecha und nicht zuletzt Manfred Salinger im vergangenen Jahr mit dem goldenen Horaffen der Stadt Crailsheim geehrt. Doch das ist nicht die einzige Ehrung für Salinger: Bilgoraj verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde und der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg die Stauffer-Medaille.

„Dabei sind diese Ehrungen für mich nicht so wichtig“, sagt Manfred Salinger. „Auch wenn sie mich gefreut haben. Aber es kommt doch immer auf die gelebte Freundschaft und die Begegnungen mit den Menschen an.“ Deshalb sei es ihm am liebsten, „wenn ich bei einer Begegnung auch mal still in der Ecke sitzen und mit Freude beobachten kann, wie gut sich die Beziehungen entwickeln.“