Infrastruktur „Es braucht politischen Willen“

Crailsheim/Dombühl/Tauberzell / Jens Sitarek 15.06.2018

Auf dem traditionellen Weinfest in Tauberzell im Landkreis Ansbach gab sich kürzlich neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder (CSU) allerlei politische Prominenz die Ehre, darunter Dr. Friedrich Bullinger. Der baden-württembergische FDP-Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall warb in einem Gespräch mit Söder „nochmals eindringlich für die Realisierung des Projekts einer die Landesgrenzen überschreitenden Verlängerung der Nürnberger S-Bahn bis zum Bahnhof nach Crailsheim“. So schreibt es Bullinger in einer Pressemitteilung.

In dem Gespräch verwies der FDP-Politiker auf die vom FDP-Ortsverband Crailsheim parteiübergreifend initiierte Unterschriftenaktion: „Die Bevölkerung und die vielen Pendler beiderseits der Landesgrenze wünschen sich schon lange eine Verlängerung der S-Bahn.“ In einem Schreiben an Söder wolle er „die zahlreichen positiven Aspekte und Synergieeffekte auflisten, die für eine rasche Realisierung des Projektes sprächen“, so Bullinger weiter.

Dass es auch „fahrplantechnisch realisierbar“ sei, habe nicht zuletzt „der unfreiwillige Praxistest“ bewiesen. Was Bullinger meint: Ende vergangenen Jahres pendelte eine S-Bahn ohne Probleme von Dombühl bis zum Bahnhof nach Crailsheim und zurück.

Positive Fakten schaffen

Für Bullinger geht es darum, „endlich positive Fakten zu schaffen“, wie er es formuliert, „anstatt sich noch immer als Bedenkenträger auf ein über zehn Jahre altes Gutachten der Bayerischen Eisenbahngesellschaft zurückzuziehen“.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft, kurz BEG, übrigens eine hundertprozentige Tochter des Freistaats, ließ zuletzt verlauten, dass eine Verlängerung der S-Bahn von Dombühl nach Crailsheim „derzeit nicht Gegenstand der länderübergreifenden Planungen zwischen Baden-Württemberg und Bayern“ sei. „Insgesamt ist der verkehrliche Nutzen der S-Bahn-Verlängerung im Verhältnis zu den Kosten zu gering“ (unsere Zeitung berichtete).

Voruntersuchung beantragt

Im Hintergrund scheint sich doch etwas zu bewegen: „Nach erfolgter Abstimmung mit dem Landkreis Schwäbisch Hall hat der Landkreis Ansbach eine Voruntersuchung zur betrieblichen Machbarkeit, zum Fahrgastpotenzial und zu den voraussichtlichen Investitionskosten einer Verlängerung der S-Bahn bis Crailsheim beantragt.“

Diese Antwort kommt von der Pressestelle des Zweckverbandes Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (ZVGN), bei der wurde diese Voruntersuchung beantragt. Darin heißt es weiter: „Mit dieser Untersuchung hätte man eine möglichst zuverlässige und belastbare Datengrundlage für nachfolgende Bewertungen und Entscheidungen.“

Tausende Pendler warten

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder meldete sich schon zu Wort, als er auf das Thema angesprochen wurde, und zwar in einem großen Interview mit der Fränkischen Landeszeitung. Frage: Tausende Pendler im fränkisch-württembergischen Grenzgebiet warten auf die S-Bahn-Verlängerung bis nach Crailsheim. Gibt es da Chancen?

„Für die von Ihnen angesprochene Strecke ist der Kosten-Nutzen-Faktor leider nicht so, dass wir die S-Bahn bis Crailsheim einfach weiterführen können“, sagte Söder. Seine Antwort geht noch weiter: „Damit wollen wir uns aber nicht zufriedengeben. Wir arbeiten an einer Verbesserung. Dazu müssen Bayern und Baden-Württemberg auf Regierungsebene miteinander reden.“ Und: „Vielleicht kommt es demnächst zu einem Gespräch mit meinem Stuttgarter Kollegen Winfried Kretschmann.“

Anfrage am Montag bei der baden-württembergischen Landesregierung: Gibt es schon einen Termin oder vielleicht einen ersten Kontakt zwischen Söder und Kretschmann in dieser Sache? Eine Antwort steht hier noch aus, bis gestern blieb die Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet.

Söder-Interview gelesen

Einer, der das Söder-Interview natürlich aufmerksam gelesen hat, ist Martin Stümpfig. Der grüne Landtagsabgeordnete aus dem bayrischen Feuchtwangen spricht in einer Pressemitteilung von einem „Bekenntnis“ des Ministerpräsidenten „zu seinem Einsatz für die Verlängerung der S-Bahn von Dombühl nach Crailsheim“. Dies sei positiv. Ebenso hält Stümpfig Gespräche mit dem grünen Ministerpräsidenten Kretschmann für „wichtig und begrüßenswert“.

Halbe Stunde Wartezeit

Eines aber kann Stümpfig nicht nachvollziehen: die Aussage, dass der Kosten-Nutzen-Faktor kritisch sei. In Dombühl stehe der Zug lediglich herum und der Lokführer warte eine knappe halbe Stunde auf seine Rückfahrt nach Nürnberg. „In dieser Zeit könnte die S-Bahn nach Crailsheim hin- und zurückfahren“, findet Stümpfig und schlussfolgert: „Eine Verlängerung wäre also nicht nur hoch wirtschaftlich, sondern auch enorm wichtig für unsere Region.“

„Klar ist aber“, betont Stümpfig noch, „dass es politischen Willen braucht, das Projekt umzusetzen und die Bayerische Eisenbahngesellschaft nicht sofort „Hurra“ schreit. Dieses politische Signal für unsere Region erwarte ich von unserem Ministerpräsidenten noch vor der Wahl.“ Gewählt wird am 14. Oktober.

Ein Projekt mit einem höherem Kosten-Nutzen-Faktor sei Stümpfig jedenfalls nicht bekannt. Und was dabei nicht vergessen werden sollte: „Ein Großteil wird von Baden-Württemberg übernommen.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel